Samstag, 21. Mai 2016

Goethes Leiden




„Pass mal auf, Kleines, ich brauch von dir keine Ratschläge."
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Inhalt: Was wäre wenn...Goethe sein berühmtes Manuskript die Leiden des jungen Werthers heute einem Verlag anbieten würde. 

***

Im Büro der Verlegerin Maria Gilbert. Sie ist eine schlanke, etwa 35 - jährige Frau, mit riesiger Brille auf der langen, schmalen Nase. Ihre Lippen sind auffallend rot geschminkt, die Haare sind zu einem eleganten Bob mit Stirnfransen geschnitten, die Fingernägel sind türkisfarben lackiert. Sie trägt einen knielangen Rock und hat die Beine, die in Seidenstrumpfhosen stecken, lässig übereinander geschlagen. Sie sitzt am Schreibtisch und stiert mit angestrengter Miene in den Computer. Als es klopft, schreckt sie auf.   

Maria Gilbert rufend: „Herein!“

Ein auffallend dünner, junger Mann tritt schüchtern in das Büro, in der Hand eine abgewetzte Aktentasche. Sein langes Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden, der im Gegensatz zu seiner Tweed  Jacke und seiner Cordhose steht. Er wirkt wie jemand, der sich verzweifelt bemüht hat, sich ordentlich anzuziehen.

Maria Gilbert steht auf und eilt auf ihn zu: „Herr Goe, wie schön Sie zu sehen!“

Goethe etwas pikiert: „Johann Wolfgang von Goethe!“

Maria Gilbert irritiert: „Wie bitte?“

Goethe energisch: „Ich heisse Johann Wolfgang von Goethe. Nicht Goe!

Maria Gilbert lachend: „Oh, verzeihen Sie, wissen Sie, in meinen Kreisen kürzen wir eben alles ab. Und Johann Wolfgang von Goethe, das klingt zwar ganz hübsch, aber auch irgendwie altmodisch oder? Ein wenig verstaubt. Autorennamen müssen frisch und knackig daherkommen und ganz wichtig: Sie müssen so kurz wie möglich sein! Wer nimmt sich denn heute noch die Zeit und liest einen ellenlangen Namen? Lacht gackernd. Aber ich erzähle ja schon viel zu viel, setzten Sie sich erstmal. Deutet auf Stuhl.

Goethe setzt sich: „Also, ich freu mich natürlich, dass Ihnen mein Manuskript gefällt…

Maria mit wegwerfender Handbewegung: Gefallen? Ich bin begeistert!

Goethe strahlend: „Oh, wirklich? Das freut mich! Finden Sie nicht auch, die Stelle wo Lotte….

Maria unterbricht ihn: „Allerdings müssen wir selbstverständlich einiges ändern!“

Goethe entsetzt: „Ändern? Was wollen Sie denn ändern!“

Maria vertraulich: „Also erstmal, sagen wir doch du zueinander. Das ist doch sonst so steif und unpersönlich!“

Goethe: „Meinetwegen, können wir auch du sagen. Aber was wollen Sie…also ich meine, was willst du denn ändern? Ich will ja nicht überheblich sein, dennoch muss ich sagen, ich bin sehr überzeugt von meinem Text und…

Maria fällt ihm ins Wort: „Ich bin auch sehr überzeugt von deinem Text, Wolfie! Es sind auch mehr Kleinigkeiten, die ich ändern möchte. Da wäre zum Beispiel die Nationalität von Werther…

Goethe: „Ist mit seiner Nationalität irgendetwas nicht in Ordnung?“

Maria naserümpfend: „Mal ehrlich, wer will heute noch deutsche Hauptcharaktere? Das ist doch so schrecklich bieder. Franzosen dagegen sind lebenslustig, dramatisch, leidenschaftlich. Alle lieben Franzosen! Sie sind das Sinnbild für die Liebe und das Leben. Weltgewandt und dennoch klassisch.“

Goethe: „Ja, aber…“ 

Maria eifrig: „Ein Franzose mit jüdischem Hintergrund! Dann haben wir auch noch einen multikulturellen Touch! Oh, und natürlich müssen wir den Namen ändern!“

Goethe leicht überfordert: „Ja, was stimmt denn mit dem Namen nicht?

Maria: „Also bitte Wolfie, wer heisst denn heute schon noch Werther? Das klingt wie eine Kekssorte, nicht nach einem jungen, lebensdurstigen, brennenden Mann! Wie wäre es mit Francis? Das hat so einen melodiösen Klang!“

Goethe: „Die Leiden des jungen Francis? Also ich weiss nicht…“

Maria kopfschüttelnd: „Nein, nein, den Titel müssten wir selbstverständlich auch anpassen. Das mit den Leiden, das mögen die Leser nicht so. Das ist so negativ! Ich würde mir was ganz Einfaches vorstellen, was…

Goethe inzwischen entnervt: „Kurzes und Knackiges, ich weiss.“

Maria: „Ich sehe, wir verstehen uns! Nun, vielleicht nicht ganz so kurz: Mein Vorschlag wäre Das verruchte Leben der schönen Helena!“

Goethe verwirrt:  „Wer ist denn jetzt Helena?“

Maria: „Oh, ich Dummchen, das habe ich dir ja gar nicht gesagt: Von der Namensänderung wäre natürlich auch Lotte betroffen. Bei Lotte denkt doch jeder sofort an eine Kuh und nicht an ein schönes, junges Mädchen. Helena hat schon diesen erotischen Klang, den wir suchen. Und damit hat sie auch gleich eine berühmte Namensvetterin! Helena von Troja,  ebenso wie unsere Helena, hingerissen zwischen zwei Männern und Auslöser eines furchtbaren Krieges! Die Kritiker werden diesen sanften Hinweis auf die griechische Mythologie lieben. “

Goethe: „Die Hauptperson ist aber doch Werther, äh, ich meine Francis. Dann sollte doch auch sein Name im Titel vorkommen und nicht ihr Name! Egal ob sie jetzt Helena oder Lotte oder Arielle heisst!“

Maria:  „Diesen Punkt hätte ich gleich als Nächstes angesprochen. Sieh mal, die Leute verlangen nach weiblichen Hauptcharakteren. Feminismus ist gerade total in, da können wir einfach keine männliche Hauptfigur präsentieren. Schon gar nicht, wenn es eine so weinerliche Männerfigur ist!“

Goethe empört: „Du findest, Werther sei weinerlich?“

Maria: „Nun ja, ich meine dieses ganze Geheule, wegen der Frau, die er nicht haben kann. Nicht sehr männlich, muss ich sagen. Er sollte um sie kämpfen, nicht gleich beim Auftauchen eines kleinen Problems in eine tiefe Lebenskrise stürzen. Überhaupt müssen wir über die Charakterzeichnung sprechen.“

Goethe ungläubig: „Charakterzeichnung?“

Maria: „Ja, weisst du, Lottes und Werthers Namensänderung bedingt auch einige charakterliche Anpassungen. Er ist ein junger, aufstrebender Künstler, mit revolutionären Gedanken und dem Willen die Welt zu verändern.  Sie dagegen ist der verführerische Apfel, sie ist aufreizend, schön, voller Leben, gefangen in einer langweiligen Ehe, der sie zu entrinnen versucht…“

Goethe: „Als Werther sie kennenlernt, ist sie noch nicht mal verheiratet!“

Maria zögernd: „Naja, charakterliche Änderungen, ziehen Änderungen der Handlungen nun einmal mit sich.“

Goethe sarkastisch: „Willst du die Handlung auch lieber kurz und knackig, mit einem französischen Flair?“

Maria lacht schallend: „Weisst du, ich liebe deinen Humor! Der wird sich ausgezeichnet machen bei Interviews mit Literaturzeitschriften. Aber ich kann dich beruhigen, es wären nur kleine Handlungsänderungen. Wie gesagt, ich denke, es wäre für den Leser weitaus interessanter, wenn Helena bereits verheiratet wäre, wenn sie Francis trifft. Diese ganze Fremdgehthematik ist gerade ungemein beliebt….“

Goethe: „Die beiden gehen aber nicht fremd! Lotte bleibt ihrem Mann treu!“

Maria: „Was ich ehrlich gesagt sehr unlogisch finde! Wer bleibt bei einem so staubtrockenen, langweiligen Typen, wenn er einen aufregenden heissen Francis haben kann? Natürlich müssen die beiden Sex haben miteinander!“

Goethe vollkommen entsetzt: „Sex?“

Maria: „Ja, wilden und leidenschaftlichen Sex. Sie versuchen diese unglaubliche erotische Anziehung zwischen sich zu ignorieren und als die Schranken schliesslich fallen, gibt es kein Halten mehr zwischen ihnen. Ich kann es mir schon vorstellen, wie sie übereinander herfallen, sich die Kleider vom Leib reisen, sich wild auf dem Schaffell herumrollen…

Goethe: „Schaffell?“

Maria: „Oder im Heu, so genau habe ich mir das noch nicht vorgestellt. Das Ehebett wäre natürlich auch ein genialer Ort. Das Bett ist quasi der Kerker, in dem sie sich mit ihrer Heirat begebenen hat und sie bricht ihn auf, indem sie sich hier ihrem Liebsten hingibt. Findest du das nicht auch eine vorzügliche Idee, Goe?

Goethe zornig: „Vorzüglich? Ich finde die Idee abscheulich!

Maria beruhigend: „Ich verstehe, dass du die Geschichte nur ungern verändern willst. Sieh mal, niemand will lesen wie ein Kerl neben einer Frau sitzt, ihr das Händchen hält und mit ihr schwülstige Gedichte rezitiert. Wenn es zwischen Mann und Frau funkt, muss es nun einmal knallen. Schlafzimmerszenen gehören in einen guten Roman!“

Goethe ironisch: „Mit Schlafzimmern habe ich leider wenig Erfahrung.“

Maria ignoriert seine Bemerkung: „Wo wir gerade bei Schlafzimmern sind: Ich spiele ja mit dem Gedanken aus Lotte eine Domina zu machen. Statt mit Brot in der Hand und im weissen Kleid, empfängt sie Francis im engen Lederkostüm und mit der Peitsche in der Hand! Unkonventionelle Sexvorlieben verkaufen sich wie warme Brötchen. Goe, mein lieber, ich sage dir: Dein Buch wird einschlagen wie eine Bombe.“

Goethe kalt: „Nein.“

Maria verwirrt: „Was nein?“

Goethe steht auf: „Es wird nicht einschlagen wie eine Bombe, weil ich es gar nicht veröffentlichen werde! Lieber lasse ich das Manuskript in der Schublade verstauben, als es dermassen verschandeln zu lassen von einer Möchtegernschreibbumserin! Wie kommst du überhaupt zu, aus der zarten, bezaubernden und unschuldigen Lotte ein sexsüchtiges, unmoralisches Weib zu machen? Wie kannst du es wagen aus dem tiefgründigen und empfindsamen Werther einen durchgeknallten, flatterhaften Hallodri aus Frankreich zu machen? Wie kannst du aus dieser Geschichte, über den verzweifelten Kampf eines jungen Mannes, der sich zwischen seinem Leben und seinen Leidenschaften hin – und hergerissen fühlt, eine fade Story über das banale Fremdgehen zweier egoistischer Menschen machen, ja, diese grossartige Geschichte zu einer Spielwiese deiner verkorksten Sexfantasien missbrauchen? Schämen solltest du dich!“

Maria entsetzt: „Also ich muss doch sehr bitten! Ich bin eine sehr erfolgreiche Verlegerin und habe schon viele Meisterwerke erschaffen! Wenn du zu dieser Tür rausgehst, ruinierst du deine Karriere bevor sie überhaupt angefangen hat. Mein Wort hat auch bei anderen Verlagen Gewicht und…"

Goethe stützt sich mit beiden Armen auf Marias Schreibtisch: „Pass mal auf, Kleines, ich brauch von dir keine Ratschläge! Ich besitze mehr Genie in meinem kleinen Zeh, als du messen kannst. Wer bist du, dass du es wagst mein Werk zu ruinieren? Liess sich Napoleon von einem kleinen Soldaten den Schlachtplan durcheinander bringen? Wohl kaum! Ob du das Buch nun verlegst oder nicht, ist mir egal, ich finde schon jemanden, der es so auf den Markt bringt, wie ich es mir wünsche und dann meine Liebe, wird es einschlagen wie eine Bombe, es wird die Menschen zu Tränen rühren, es wird die Kritiker jubeln lassen, es wird mich zum Superstar unter den Literaten machen! Und wenn wir beide schon längst tot und kalt unter der Erde liegen, werden Schüler gezwungen werden, es zu lesen, weil es die ganze Literaturgeschichte prägen wird! ICH werde die ganze Literaturgeschichte prägen, es wird Statuen von mir geben,  mein Name wird in jeder verdammten Deutschstunde erwähnt wird, wenn dein Name schon längst vergessen ist!“
Maria sitzt da wie vom Donner gerührt und starrt Goethe, der wutschnaubend aus dem Zimmer stürmt fassungslos hinterher. Kurz darauf steckt Goethe seinen Kopf noch einmal durch die Türe.

Goethe: „Und nur damit es ein für alle Mal klar ist: Ich heisse weder Goe noch Wolfie. Mein Name ist Johann Wolfgang von Goethe! Schreib schon mal an alle Buchhandlungen, sie sollen ein Regal unter G für mich einräumen!

Knallt die Tür hinter sich zu. Geht kopfschüttelnd den Gang entlang.

Goethe vor sich hinmurmelnd: „Francis! Helena! Multikulturell! Schaffell! Domina! Peitsche! Früher, da wusste man noch was Literatur war, heute schimpft man alles was auch nur den schwachen Anschein von Erotik oder Tiefgründigkeit hat, gleich einen Roman von Welt! Seufzt.  Ich bin wohl einfach in der falschen Zeit geboren.“
 

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