Dienstag, 24. Mai 2016

Asche der Freiheit



Freiheit ist für mich das höchste Gut und das grösste Geschenk. Wenn ich an irgendetwas wirklich glaube, dann daran, dass jeder Mensch das Recht auf sein eigenes Stück Freiheit haben soll. Ich glaube, ein Mensch gehört keinem Land, keinem Staat, keiner Partei, keiner Idee. Er gehört in erster Linie sich selbst. Doch zugleich bin ich der Auffassung, dass auch Freiheit ihre Grenzen hat.

Ein Widerspruch? Nein. Ich erklär es mal so: Wenn ich spontan entscheide eine Ballettvorführung in der Marktgasse in Langenthal zu geben, ist das für mich ein Akt der Freiheit. Es tut niemanden weh (ausser mir selbst, weil ich mir wahrscheinlich dabei die Beine brechen würde), es ist ein persönlicher Ausdruck meiner Gefühlslage und ich nutze dafür Boden, der mir zusteht (denn die Erde gehört uns ja allen). Wenn ich aber ebenso spontan entscheide, einen Baseballschläger zu nehmen und die Schaufenster in der Marktgasse zu zertrümmern, habe ich meine Freiheit überschritten. Denn ich zerstöre das Eigentum von anderen Menschen, tue ihnen sogar weh und beschränke damit deren Freiheit.

Am Wochenende ist es wieder einmal zu Krawallen in Bern gekommen. Angefangen hat es mit einem Fest auf dem Gelände der ehemaligen Kehrichtverwertungsanlage. Eine illegale Party. Hier kann man sich natürlich zurecht streiten, ob es so etwas wie eine illegale Party überhaupt gibt. Wenn Menschen feiern wollen, sollen sie es tun. Solange es im friedlichen Rahmen geschieht.

Nur war das einigermassen harmonische Fest definitiv zu Ende, als die Partyteilnehmer beschlossen, nach Mitternacht in einem Demonstrationszug in die Innenstadt zu ziehen. Sie taten das allerdings nicht Händchen haltend mit einem Lied auf dem Lippen. Sie tanzten auch nicht. Sie warfen auch keine Blumen. Stattdessen marschierten in einen Krieg, verschmierten Gebäude, zerschlugen Scheiben, zündeten Feuerwerke, warfen mit Steinen auf die Feuerwehr. Die Polizei stoppte den Umzug schliesslich, bevor die Krawallmacher die Innenstadt erreichte.

Die Anwohner und Ladenbewohner der betroffenen Quartiere durften sich am nächsten Tag an die Aufräumarbeiten machen. Der Schock und die Wut sitzen bei ihnen tief. Verständlicherweise. Denn ihre Freiheit wurde auf brutalste Art und Weise verletzt. Und wofür? Das scheint niemand mehr so genau zu wissen. Die Erlöse der illegalen Party sollten der Flüchtlingshilfe auf Griechenland zu Gute kommen, bei dem nachfolgenden Umzug dagegen sei es um mehr Freiräume gegangen. Den Sprühereien nach zu schliessen, ging es wohl auch um den Kampf gegen den Kapitalismus. So prangte auf dem Frauenspital der Schriftzug: „Gegen die 2 – Klassen Medizin!“ Wissen tut man allerdings eines: Linksautonome sind für die Ausschreitungen verantwortlich.

Für mich als Linke ist es entsetzlich, diese Bilder anzusehen. Wie soll ich das jemanden erklären? Wie soll ich diese Zerstörung rechtfertigen, die von Videos, Bildern und Augenzeugenberichten so klar bewiesen wird? Was soll ich antworten auf die Frage: „Warum?“ Es gibt keine Rechtfertigung für das, keine Entschuldigung. Niemand, absolut niemand hat das Recht, solche Verwüstungen anzurichten. Wie kann man für Freiraum kämpfen, indem man dem schönen, friedlichen Bern so etwas antut? Wie kann man sich einbilden, man tue etwas gegen den Kapitalismus, wenn man Krankenhäuser verschmiert? Wie kommt man auf die irre Idee, den Flüchtlingen sei geholfen, indem man Steine auf ein Feuerwehrauto wirft? Wie kann man sich das Recht herausnehmen, wichtige politische Anliegen als Deckmantel zu benutzen, um ungestört in der Stadt wüten zu können?

Schon werden Stimmen laut, in Wirklichkeit sei es die Polizei gewesen, welche die Situation eskalieren liess; sowohl Party als auch Umzug seien friedlich gewesen, bis die Polizei eingegriffen hätte. Ich höre mir das immer und immer wieder an, nicke und denke: Naja, vielleicht haben sie ja Recht, ich war schliesslich nicht dabei, kann mir also kein Urteil anmassen. Doch jetzt erlaube ich mir ein Urteil und sage: „Das glaube ich nicht.“ Wenn das alles als total friedliche Veranstaltung geplant gewesen war, wo kamen dann die Spraydosen, die Rauchbomben, die Feuerwerkskörper her? Ich nehme das normalerweise nicht mit, wenn ich an eine Party gehe.

Nein, es war nicht die Schuld der Polizei, es ist die Schuld jener, die glauben, für die Durchsetzung ihrer Interessen sei jedes Mittel Recht. Es ist die Schuld jener, die sich Mut antrinken und sich hinterher mit der Polizei anlegen. Es ist die Schuld jener, die ihre Freiheit über die der anderen stellen. Es ist die Schuld jener, die in ihrer Verblendung glauben, sie seien besser als andere und deshalb hätten sie das Recht, diese anderen zu schikanieren.

Und  auch ich fühle mich ebenfalls zutiefst betroffen und angegriffen, obwohl ich nicht in Bern wohne. Denn ich arbeite schliesslich in einer Buchhandlung in Bern, auch ich bin Teil dieses Kapitalismus und verdiene damit mein Geld. Bin ich deshalb schlechter? Bin ich deshalb Freiwild? Wäre ich in jener Nacht in diesen Strassen gewesen, hätte man mich dann auch mit Steinen beworfen?  Die WKS Bern wurden ebenfalls schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ich bin dort in die Berufsschule gegangen; ich habe dort eine sehr glückliche Zeit verbracht, bin dort erwachsen geworden, habe hier endgültig meine politische Meinung gebildet; und es verletzt und verstört mich, dass eben jene Schule, beschmiert und mit Rauchbomben beworfen wurde.

Ich kann und will Gewalt nicht tolerieren, egal von welcher Seite sie kommt. Wenn ich im Namen des Kommunismus jemanden wehtue, ist das genauso schlimm, wie wenn ich es im Namen des Nationalismus tue.

Persönlich bin ich auch sehr enttäuscht von meiner Partei. Die JUSO Bern handelt in dieser Sache äusserst ungeschickt. Statt sich von diesen Vorfällen laut und deutlich zu distanzieren, beklagt sie sich über Reto Nause, der als Folge der Ausschreitungen mehr Überwachungsmöglichkeiten für die Polizei fordert. Das sei der Weg in die totale Überwachung, lamentieren sie. Stimmt. Und wir schaufeln ihm fröhlich den Weg frei, wenn wir uns weiterhin schützend vor die Krawallmacher stellen und was von „Freiheit“ und „Polizeigewalt“ faseln.

Ich kann die immer gleiche Argumentation „Sie haben angefangen, da haben wir uns halt gewehrt“ nicht mehr hören. Wir sind doch nicht im Kindergarten, verdammt noch mal! Wir sind eine politische Partei, wir wollen ernstgenommen werden, wir haben wichtige und gute Anliegen. Die wir allerdings in den Papierkorb stopfen können, wenn wir uns nicht endlich von diesen Chaoten distanzieren. Und zwar nicht mit einem Nebensatz: „Ja, Vandalismus ist nicht okay, aber….“ sondern mit einem klaren Statement gegen linke Gewalt! Wir wollen die Schwachen beschützen, wir wollen die Welt verbessern, wir wollen, dass jeder Mensch frei sein kann.

Doch statt die Schwachen zu beschützen, jagen wir ihnen mit solch hirnlosen Demos Angst ein, statt die Welt zu verbessern, machen wir sie noch ein bisschen schlechter, statt die Freiheit zu verteidigen, zerstören wir sie. Wir entziehen uns der Verantwortung, indem wir uns einreden: „Das war doch gar nicht so, die Medien übertreiben, das war alles ganz anders.“ Genau wie sich die Rechten einreden, es gebe gar keine echten Flüchtlinge, reden wir uns ein, wir hätten kein internes Problem mit linker Gewalt. Natürlich haben wir das und es kostet uns viel. Wählerstimmen, Glaubwürdigkeit, Mitglieder.

Unsere Freiheit stirbt durch eure Sicherheit, steht auf dem Dach der Reitschule. Nein. Unsere Freiheit stirbt im Feuer des Hasses, im Feuer der Gewalt, im Feuer der Intoleranz. Und wenn wir nicht irgendeinmal in Ketten durch ihre Asche waten wollen, dann müssen wir uns besinnen, dass man für die wahre Freiheit nur friedlich kämpfen darf. Denn sonst verraten und verderben wir sie.

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