Samstag, 30. April 2016

Zerfall des Anstandes



Es war eine denkwürdige Szene, die sich im Nationalrat abspielte. Nachdem der idiotische Schreihals Köppel, der ungefähr den Sympathiewert und die Manieren eines Wildschweines hat (wobei das dem armen Tier gegenüber eigentlich nicht fair ist), die Bundesrätin Simonetta Sommaruga massiv angegriffen, beleidigt und sich ganz seinen verbalen Entgleisungen hingegeben hatte, stand die Bundesrätin auf und verliess, gefolgt von der SP – Fraktion, den Saal.

Die Empörung ist gross. Zu meiner Verblüffung richtet sie sich allerdings nicht allein auf den elenden Volksverhetzer Köppel (dessen verdrehten Hirnwindungen mir inzwischen echt Angst einjagen). Stattdessen wird Sommaruga (mal wieder) von allen Seiten kritisiert. Ein „Finnögeli“ sei sie, offenbar nicht fähig, harte Verhandlungen zu führen, zu schwach für ihr Amt. Undemokratisch sei es gar, einer Bundesrätin nicht würdig, niveaulos.  Und auf einmal muss sie sich rechtfertigen. Nicht Köppel.

Für mich ist das ein grandioses Beispiel dafür, dass in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft alle immer den blökenden Leithammel hinterherrennen, statt selbst einmal das Hirn einzuschalten! Ich meine, warum hört man immer auf die, die rumbrüllen und mit der Faust auf den Tisch hauen? Warum zollt man immer jenen Respekt, die sich mit den Ellbogen durchkämpfen und faselt dann etwas von „Siegertypen“ und „Durchhaltewillen“. Warum wird Selbstbewusstsein so viel höher gewichtet als Bescheidenheit? Es ist mir ein Rätsel.

Sommaruga muss sich viel Mist anhören. Egal wie gut sie ihren Job macht, sie wird immer wieder angegriffen. Natürlich soll man auch einen Bundesrat kritisieren dürfen. Aber wir sind längst über den Punkt hinaus, wo man von der SVP noch konstruktive Kritik erwarten darf. Sommaruga ist eine intelligente, begabte und selbstbewusste Frau; sie gehört der SP an und steht dem Justizdepartement vor. Grund genug für jeden strammen SVPler sie zu hassen. Und das spürt sie.
Ist es da so unverständlich, dass sie sich den ganzen Scheiss der aus Köppels Mund floss, nicht mehr anhören wollte? Zumal er in seinem Schmierblatt kein gutes Haar an ihr lässt? Zumal er sie verbal immer wieder erniedrigt, ja, ihr gar den Respekt verweigert, der ihr nicht nur als Bundesrätin, sondern als Mensch zusteht?

Es war nicht feige von ihr den Saal zu verlassen. Es braucht nämlich auch Mut, aufzustehen und zu gehen. Feige war es von all jenen, die der Szene nur stumm beiwohnten, sie geschehen liessen, die Bundesrätin nicht verteidigten, sondern später nur besserwisserisch vor der Presse erklärten, wie man sich in dieser Situation als Magistratin zu verhalten habe. Meiner Meinung nach hat sie mit ihrem Abgang genau das Richtige gemacht. Sie ist Bundesrätin, keine Angeklagte. Und so gern er es vielleicht wäre, Köppel ist weder Richter noch Gott.

Aber eben. n. Was ist schon Anstand? Was sind schon Manieren? Politik ist ein Drecksgeschäft, pflegt man zu sagen, da wird eben mit harten Bandagen gekämpft. Das ist doch scheisse. Solche Sachen zu akzeptieren, als hätte man keine Wahl. Warum ändern wir es nicht? Warum beschäftigen wir uns nicht mehr mit Regenbögen, Einhörnern und Blumen, statt damit, uns gegenseitig das Leben schwer zu machen? Warum werfen wir unsere Manieren, unseren Anstand, unsere Warmherzigkeit einfach über Bord und reden uns ein, es sei für ein höheres Ziel?

Man kann nur versuchen Gegensteuer zu geben. Sich nicht selbst auf dieses Niveau begeben. Wenn einem Hass entgegenschlägt, darf man ihn nicht in das eigene Herz lassen. Denn das vergiftet einem nur selbst. Ich glaube an die Zukunft. An eine Zukunft, die den Sanften, den Heilenden, den Gütigen gehört. Nicht den Hassenden, den Schreienden, den Brandstiftern.

Noch als kleiner Nachtrag: Als ich mich am Frühstückstisch genau über dieses Thema ausgelassen habe (und dabei Köppel mit nicht jugendfreien Ausdrücken bedachte, wie ich gestehen muss. Das mit dem Nicht – Hassen ist ganz schön schwer), meinte meine Mutter nur trocken. „Ach, weisst du, der kommt dafür bestimmt nicht in den Himmel!“

Manchmal liebe ich sie ja heiss und innig für ihren festen Glauben an die himmlische Gerechtigkeit.

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