Freitag, 15. April 2016

Leckt mich!



Anmerkung: Ich sollte eigentlich tausend andere Sachen schreiben, aber wie das ist, manche Texte drängen sich einem plötzlich auf. Ich denke ja ohnehin viel nach über diese ganze Frau / Mann Geschichte und bin – wie so oft - geteilter Meinung. Das ist jetzt quasi die unplugged Version von „Vom Unglück eine Frau zu sein“ und sie ist bedeutend weniger witzig. Dafür wütender. Anstoss war eigentlich, als mir heute eine Mitarbeiterin erzählte, eine Kundin habe sich bei ihr darüber beschwert, dass sie nur von der „Kundenkarte“ gesprochen habe, nicht von der „Kundinnenkarte“.

Ernsthaft. Haben wir sonst keine Probleme?

Leckt mich!

Leckt mich, wenn ihr glaubt, ich müsse als Frau zwingend sexy sein. Leckt mich, wenn ihr mich belehrt, ich solle meine Weiblichkeit nicht einsetzen, sondern mit meinem Verstand arbeiten. Leckt mich, wenn ihr mir sagt, ich solle mich nicht freizügig kleiden. Leckt mich, wenn ihr mir unter den Rock schauen wollt. Leckt mich, wenn die denkt, ich sei eine Lolita. Leckt mich, wenn ihr euch vorstellt, ich sei eine Nonne.

Leckt mich, wenn ihr von mir verlangt, ich solle Kinder kriegen. Leckt mich, wenn ihr mir vorlügt, man könne Kind, Karriere und Sex problemlos unter einen Hut bringen.  Leckt mich, wenn ihr tatsächlich glaubt, es sei meine Pflicht, mich um Haus und Herd zu kümmern. Leckt mich, wenn ihr mir befehlt, ich solle mich der Wirtschaft zur Verfügung stellen und arbeiten gehen. Leckt mich, wenn ihr davon faselt, ich sei besonders einfühlsam und sozial eingestellt. Leckt mich, wenn die stöhnt, ich sei unbarmherzig und nur aufs Geld aus.

Leckt mich, wenn ihr mir nahelegt, mich doch für meine Rechte einzusetzen. Leckt mich, wenn ihr behauptet, ich würde gleich behandelt wie mein männliches Gegenstück. Leckt mich, wenn ihr mir sagt, ich sei schwach und müsse beschützt werden. Leckt mich, wenn ihr mich im Regen stehen lässt, weil ich das ja alles alleine schaffen könne. Leckt mich, wenn ihr mir herablassend erklärt, ich solle keine Klatschheftchen mehr lesen, sondern solle mich feministischer Literatur widmen. Leckt mich, wenn ihr meint, mein Fernsehprogramm bestünde nur aus Frauentausch.

Leckt mich, wenn ihr die Augen verdreht, wenn ich sage, dass ich nicht kochen kann. Leckt mich, wenn ihr findet, ich solle weniger zuhause rumsitzen und mehr Party machen. Leckt mich, wenn ihr denkt, es sei nicht schicklich für eine Frau zu fluchen. Leckt mich, wenn ihr findet, wenn eine Frau kein Bier trinkt, halte sie sich für etwas Besseres. Leckt mich, wenn ihr glaubt, ich habe tanzen zu können, nur weil ich Brüste habe. Leckt mich, wenn ihr der Ansicht seid, ich dürfte meine Hüfte nicht hin – und herschwingen, weil das aufreizend wirke.

Leckt mich, ihr dir mir sagt, ich sei nicht emanzipiert, nur weil ich nicht finde, dass eine Frau automatisch mehr weiss als ein Mann. Leckt mich, wenn ihr mir Männerwitze verbietet, weil das sexistisch sei. Leck mich, wenn ihr sagt, ich sehe mit meinem langen Rock aus wie eine vom Brüderverein und ich solle mich doch aufreizender kleiden. Leckt mich, wenn ihr Sätze anfängt mit „Eine Frau sollte…“ oder „Eine Frau darf nicht“. Leckt mich, wenn ihr mich für eine Hure haltet. Leckt mich, wenn ihr mich für eine Heilige haltet. Leckt mich, wenn ihr euch einbildet, ich sei verpflichtet, mit möglichst vielen verschiedenen Männern zu schlafen, um mich sexuell auszutoben. Leckt mich, wenn ihr behauptet, ich solle Jungfrau bleiben.

Leckt mich, wenn ihr mir Fesseln anlegen wollt.

Leckt mich, wenn ihr mich für eure Zwecke benutzen wollt.

Leckt mich, wenn ihr mich in die Tiefgründigkeit stossen wollt.

Leckt mich, wenn ihr mir die Oberflächlichkeit verweigert.

Leckt mich, wenn ihr mir die Liebe verwehrt.

Leckt mich, wenn ihr in meinem Namen sprecht.

Leckt mich.

Und begreift, dass ich nicht weiblich bin. Sondern menschlich.

Keine Amazone.

Kein Engel.

Kein Sexmonster.

Keine Feministin.

Keine Mutter.

Keine Lichtgestalt.

Keine Höllenbrut.

Nur Mensch.






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