Sonntag, 3. April 2016

Countdown

1

Das spöttische Gelächter ihrer Klassenkameraden, als sie das Zimmer betritt. Das mitleidige Geraune, als sie aufsteht. Vergeblich versucht sie ihre Fettpölsterchen  in den Weiten ihres Pullovers zu verstecken. Vergeblich versucht sie nicht zu weinen, als sie mit den Finger auf sie zeigen und sie fette Kuh nennen. Dann die übliche Flucht nachhause, wo sie sich als erstes auf den Kühlschrank stürzt. Ihr hastig suchender Blick gleitet über die Leckereien, doch ihre Finger bleiben unbestimmt in der Luft hängen. Ein leichtes Zögern…Dann knallt sie die Kühlschranktür zu. Vorbei. Es ist vorbei.

2

Das Rascheln als sie wie von Sinnen alle ihre Pferdposter von den Wänden reisst. Die bunten Fetzen, verstreut auf dem Teppichboden. Das Blut, das ihren Finger entlang läuft, als sie sich an ihren neuen Poster schneidet. Es ist das Bild eines Mädchens. Jung. Blond. Schlank. Und wunderschön.

3

Die Tränen der Demütigung in ihren Augen, als sich die ganze Klasse biegt vor Lachen, weil sie vergeblich versucht die Kletterstange zu erklimmen. Das mitleidige Lächeln ihrer Lehrerin. Das apathische Dasitzen in der Garderobe nach der Turnstunde. Der dumpfe Knall als sie den Rucksack ausleert. Das Sandwich liegt wie ein Fremdkörper zwischen all ihren Schulbüchern. Es fühlt sich befreiend an, als sie es in den Abfallkorb wirft. Nichts essen ist besser als wenig essen.

4

Das Knurren ihres Magens als sie sich schlaflos im Bett herumwirft. Sie ist noch nie in ihrem Leben so hungrig gewesen. Der Weg zum Kühlschrank ist nicht weit. Nur ein paar Schritte. Doch statt diese zu gehen, dreht sie sich auf die andere Seite. Selbst in der Dunkelheit glaubt sie das leichte Schimmern des Posters zu sehen. Die wunderbar schlanken Konturen eines perfekten Menschen.

5

Das Lächeln ihrer Freundinnen, die ihr etwas zu essen anbieten. Der Stolz, der in ihr aufflammt, als sie es ablehnt. Aber auch das bohrende Hungergefühl, als sie sieht, wie sie in den wunderbar knusprigen Schokoriegel verspeissen. Würde ein Bissen denn wirklich schaden? Ja, flüstert eine Stimme in ihren Kopf. Ein Bissen würde alles kaputt machen.

6

Der bewundernde Blick eines Jungen, als sie an ihm vorbeigeht. Sie ist schlank. Aber noch nicht schlank genug. Noch nicht ganz so schlank wie das Mädchen auf dem Bild. Nicht ganz so schlank wie ihre Klassenkameradinnen. Sie muss noch schlanker werden. Noch schöner werden. Ein Blick in den Spiegel bestätigt es ihr. Sie ist noch nicht gut genug.

7

Die besorgte Stimme ihrer Mutter. Sie solle doch was essen. Verzweifelt starrt sie auf ihren Teller. Die Speisen ekeln sie an. Nur widerwillig nimmt sie einen Bissen. Und dann noch einen. Es fühlt sich falsch an. Beinahe schmerzhaft. Nach dem Essen fühlt sie sich wieder dick. Dick. Unglücklich. Hässlich.

8

Der Trick mit den Fingern ist ihr erst später in den Sinn gekommen. Wie einfach es doch, das Essen einfach wieder zu erbrechen. Alles Böse loszuwerden in dem sie es einfach alles rauskotzt. Die irritierten Blicke ihrer Freundinnen, wenn sie nach der Mittagsstunde wie eine Irre aufs Klo rennt, sind ihr egal. Viel wichtiger ist die Anerkennung der anderen. „Sie hat etwas aus sich gemacht. Sie ist schlanker. Und schöner.“ Es tut so gut, das zu hören.

9

Magenkrämpfe quälen sie jeden Tag. Sie friert ständig. Ihr wird schnell schwindlig. Es fällt ihr schwer sich in der Schule zu konzentrieren. Die Schwächeanfälle versucht sie von allen zu verbergen. Sie versucht zu verbergen, dass schon das Hochheben ihres Rucksacks, sie an die Grenze ihrer Kräfte bringt. Das einzige, was sie nicht verbergen will, ist, dass sie immer dünner wird. Denn darauf ist sie stolz.

10

Die strahlend weisse Decke über ihr. Die Stimmen ihrer Eltern. Sie liegt in einen Bett. Aber es ist nicht ihr Bett. Sie kann sich nicht mehr daran erinnern, was geschehen ist. Eben ist sie doch noch in der Schule gewesen. Doch irgendwann sind die Lichter ausgegangen. Das leise Piepen von Geräten, ein Mann in einem weissen Kittel. Sie ist im Krankenhaus. Wie wird das Essen hier sein, ist das Einzige was sie dabei denkt. All diese Fremden, die ihr erklären, sie sei krank. Sie wendet nur den Kopf zur Seite. Ich bin nicht krank, denkt sie.

Ich bin schön.


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Anmerkung: Ein uralter Text,  aber ich fand ihn beim Durchlesen (sorry für das Eigenlob) ziemlich gut. Abgesehen davon tröstet es mich, dass es eine Zeit gab, wo meine Kommasetzung noch grauenhafter war als jetzt. Entstanden ist der Text, als ich gerade eine Privatschule besuchte, wo es eigentlich für die meisten Leute um drei Dinge ging: Geld, Aussehen und andere Leute niedermachen. Keine Ahnung was aus diesen Klassenkameraden geworden ist. Vermutlich studieren sie Wirtschaft, damit sie später mit der seelischen Zerstörung von Menschen noch Geld verdienen können.

Nicht, dass ihr jetzt denkt, ich sei jemals magersüchtig gewesen. Aber es wundert mich ehrlich gesagt gar nicht, dass so viele junge Mädchen in die Magerfalle tappen. Die Schuld liegt dabei aber nicht nur bei Heidi Klum! Sie liegt bei uns, sie liegt bei der Gesellschaft, die immer wieder erzählt, man sei nur gesund und schön, wenn man schlank ist. Sie liegt bei den Schulen, wo viel Zeit darauf verschwendet wird, einen Kreis richtig zu berechnen, aber wenig Zeit, eine gesunde soziale Strukur innerhalb der Klasse aufzuziehen. 

Wisst ihr, wie viel Scheiss ich mir auf den Pausenhof anhören musste? Und wie viel Scheiss sich rundlichere Mädchen anhören mussten und müssen? Und wie oft es stillschweigend toleriert wird? Den ganzen Tag hören und lesen wir, dass wir unbedingt gesund essen müssen, dass wir viel Sport treiben müssen, dass wir schlank sein müssen und wenn man es nicht schafft, dann ist man einfach ein Loser. Als wäre die Figur der Gradmesser für den Charakter.

Und dann tun wir ganz betroffen, wenn sich manche Menschen, die Seele aus dem Leib kotzen, um schlank zu werden. Wir geben den Models die Schuld, den Barbies die Schuld, den Comicfiguren Schuld, weil diese angeblich unseren Mädchen ein schlechtes Vorbild seien. Aber es sind nicht die Barbies, die mit ihrem Finger auf Menschen zeigen und in höhnisches Gelächter ausbrechen. Die sich darüber auslassen, wie sehr sich manche Menschen doch gehen lassen. Die ernsthaft der Meinung sind, pummelige Menschen sollten mehr Krankenkasse zahlen. Die Studien durchführen, die darüber klagen, wie viele übergewichtige Menschen es doch noch immer in unserem Land gebe und was für ein schlechtes Licht, das auf die Schweiz werfe.      

Eine gezeichnete Comicfigur mit Traummassen mag falsche Vorstellungen wecken. Aber sie können nicht sprechen. Worte sind oft schärfer als ein Messer. Worte können eine Seele schneller durchschneiden, als es ein lausiges Bild eines Models jemals könnte. Bilder kann man zerreissen, wegwerfen, vergessen. Böse Worte bleiben wie ein Echo zurück. Und man hört sie oft noch ein Leben lang.

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