Donnerstag, 10. März 2016

Tagebuch einer Buchhändlerin

Liebes Tagebuch! Mitunter gibt es Kunden, die mich den Glauben an die Menschheit verlieren lassen.
 
Kunde: "Mein Junge hatte einen Gutschein. Aber er hat ihn verloren. Können Sie nachsehen, ob er den bekommen hat?"
 
Ich: "Nein, das kann ich leider nicht."
 
Kunde: "Was soll das heissen, Sie können das nicht?"
 
Ich: "Also, was hat er denn für einen Gutschein?"
 
Kunde: "Woher soll ich das wissen? Ist das wichtig?"
 
Ich: "Ja, schon. Wenn es ein normaler Geldgutschein war, kann ich nichts machen, dann brauch ich den zum Abkassieren."
 
Kunde (kann sich mit einem Schlag wieder erinnern): "Er hat ihn zum Geburtstag gekriegt."
 
Ich (wende mich an den etwa achtjährigen Jungen): "Wie sah er denn aus? Hatte er einen Tiger vorne drauf?"
 
Junge (schon ganz der Papa): "Weiss ich doch nicht!"
 
Kunde: "Es war bestimmt so ein Geburtstaggutschein!"
 
Ich: "Also, dann mache ich jetzt mal eine Ausnahme und er darf sich auch ohne Gutschein ein Geschenk aussuchen. Er darf ein Buch unter fünfzehn Franken auswählen!"
 
Normalerweise kommt an dieser Stelle ein "Wow, cool danke!", dieser Kunde sieht mich nur missbilligend an.
 
Kunde: "Es darf nur fünfzehn Franken kosten?"
 
Ich: "Ja."
 
Ein paar Minuten später steht er wieder vor mir.
Kunde (hochnäsig): "Also hören Sie, er ist ja völlig überfordert mit all diesen Büchern. Ich meine, er ist neun!"
 
Ich: "Äh ja, da kann er sich zum Beispiel bei Ab 8 oder ab 10 etwas aussuchen..."
 
Kunde: "Da interessiert ihn aber nichts!"
 
Ich: "Bei den Serien gebe es noch coole Bücher zum Beispiel das Magische Baumhaus..."
 
Junge (mischt sich ein): "Das kann ich auch aus der Bibliothek ausleihen, das brauche ich nicht..."
 
Kunde: "Kann er sich nicht was Teureres aussuchen und ich zahle den Aufpreis?"
 
Ich: "Nein, das ist nicht möglich."
 
Kurze Zeit später ist er wieder da.
 
Kunde: "Muss es denn unbedingt ein Buch sein?"
 
Ich: "JA!"
 
Kunde (schnippisch): "Gut, dann suchen wir uns halt nichts aus."
 
Woah, echt, du suchst dir dein Gratisbuch nicht aus? Das trifft uns ja echt bis ins Markt! Da gehen wir besimmt bankrott!
 
Und wieder ein bisschen später steht meine verlegene Lehrtochter vor mir, in der Hand ein Buch für Erwachsene. Der Vater wolle jetzt eben ein Buch für sich haben mit dem Gutschein. Seufzend sagte ich ihr, sie solle es ihm halt geben, dann seien wir ihn zumindest los. Eigentlich war das falsch, denn Unverschämtheit sollte nicht noch quittiert werden.

Mein Beruf gibt mir sehr viel, nicht nur ein gewisses Selbstbewusstsein, sondern auch die Gabe, Dinge in Demut hinzunehmen, die manchmal schwer zu verdauen sind. Doch ich nehme mir das Recht heraus, das eine oder andere Erlebnis schriftlich festzuhalten. Für die Nachwelt. Und als Mahnung an meine Blogleser, freundlich zum Verkaufspersonal zu sein.

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