Dienstag, 8. März 2016

Das Rosa lichtet sich!



Dass Künstler sich politisch zu Wort melden ist nichts Neues, aber in der Schweiz längst nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt fungierten damals noch als das intellektuelle Gewissen der Schweiz. Dass sie sich politisch äusserten, wurde nicht nur toleriert, sondern gar erwartet. Selbst grosse Politiker liessen sich von diesen beiden einflussreichen Autoren schulmeistern und begegneten ihnen mit Respekt, wenn nicht gar ehrfurchtsvoll. Mit ihrem Tod verlor das Land zwei Lichtgestalten – nicht nur im literarischen Sinn.

Schon immer war die Politik eng verwoben mit der Literatur. Die Nazis liessen damals Bücher verbrennen, nicht, weil ihnen das Brennholz ausgegangen wäre, sondern weil sie wussten, dass kaum etwas die Menschen so zu beeinflussen vermag, wie das geschriebene Wort. Wie oft haben Schriftsteller die Sehnsüchte des Volkes, die Bedürfnisse des Einzelnen, die Forderungen des Herzens, eingefangen und zu Papier gebracht. Goethe, Schiller, Heine, Voltaire, Kafka, Brecht, Tolstoi…sie alle haben mit ihrem Schreiben Denkanstösse gegeben, Bewegungen ausgelöst, Meinungen gebildet. Die Verbrennung der Bücher, die Zerstörung von Kunstwerken, die Ermordung von Künstlern…das alles diente dem Zweck, den Einfluss der Kunstschaffenden zu brechen und ihre Stimme zum Schweigen zu bringen (übrigens: Erich Kästner wohnte der Verbrennung seiner Werke persönlich bei. Mutig, oder?).

Inzwischen hat sich das Bild gewandelt, zumindest in der Schweiz. Politik und Kultur wird eher getrennt betrachtet, melden sich Musiker, Maler oder Schriftsteller zu Wort, werden sie im besten Fall milde belächelt, im schlimmsten Fall bricht der berühmt berüchtigte Shitstorm über sie herein. Und allzu oft fällt dann der Satz, man solle sich gefälligst nicht um Dinge kümmern, die man nicht versteht, sondern sich wieder seiner Musik/seinen Bildern/ seinem Geschreibsel zu widmen.

Was im Grunde eine lächerliche Forderung ist, denn eine Demokratie zeichnet sich ja dadurch aus, dass sich jeder und jede äussern kann. Bei uns entscheiden eben nicht nur die Politiker, sondern das so oft zitierte Volk. Und wenn jeder Wutbürger in Lesebriefen oder auf Facebook über Politik wettern darf, warum sollen es dann Künstler nicht auch dürfen? Warum dürfen sie ihren Einfluss nicht nutzen? Gehören sie denn nicht zum Volk? Sind sie etwas Besseres? Etwas Schlechteres?

Viele Künstler machen es auch nicht mehr, aus Furcht Fans oder Leser zu verlieren. Denn ein Werk getrennt von seinem Schöpfer zu betrachten, ist unglaublich schwer. Ist mir ein Autor persönlich unsympathisch, meide ich seine Bücher – obwohl die vielleicht sogar gut sind. Und so ist es nachvollziehbar, dass man es sich als Kunstschaffender zweimal überlegt, ob man seine politischen Ansichten auf dem Silbertablett serviert. Noch extremer ist es bei den Sportlern, die durch Werbeverträge oft auch finanziell gebunden sind und deshalb auch nicht unbedingt aus dem Nähkästchen plaudern, was Abstimmungen betrifft. Oder hat Roger Federer schon irgendeinmal den Mund aufgemacht, wenn es um politische Entscheide ging?

Manchmal geht der Schuss auch einfach daneben. Vor den National – und Ständeratswahlen hat sich Lukas Bärfuss in einem vor Zorn förmlich glühenden Text über die Schweiz echauffiert und dabei mehr Schaden angerichtet, als Gutes getan. Denn damit stiess er viele Schweizer vor den Kopf und unterstrich das Klischee des herablassend auf Normalsterbliche herunterlächelnde Autoren, der für sich in Anspruch nimmt, alleine die Wahrheit zu kennen. Lehren ohne zu belehren ist jedoch auch verdammt schwierig (wie ich selbst beim Schreiben dieses Textes gerade bemerke).

Es gibt allerdings Künstler, die es wagen und sich nicht nur politisch äussern, sondern auch gleich Wahlempfehlungen abgeben. Zum Beispiel Reto Bärtschi. Erinnert ihr euch? Die merkwürdigen rosa Plakate, die in Langenthal auftauchten und deren verworrene weisse Schriftzüge nicht so recht zu entziffern waren? Die dann später enthüllt wurden? Nun ist das Geheimnis endgültig gelüftet. Wenn ihr neugierig seid, schaut doch noch einmal auf www.retorosa.ch vorbei.

Ich persönlich finde es klasse, dass ein Politiker und ein Künstler zusammenspannen. Das ist doch mal kreative, angenehme Wahlwerbung, nicht dieses ganze aufdringliche „Ich – bin – der – Beste – weil – ich – hab – den – Grössten Gebluber. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie sich der Wahlkampf in Langenthal noch entwickelt. Ich hoffe ja, dass irgendeiner der Kandidaten für den Stadtrat/Gemeinderat/ das Stadtpräsidium, auf die Idee kommt, Gipfeli am Bahnhof zu verteilen.

Das ist zwar nicht besonders kreativ, aber ich habe gerne ein Gratisfrühstück.

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