Donnerstag, 11. Februar 2016

Hinter den Kulissen des Clanum Mystericum V: Das Granium on Tour



Im Ausland ist’s lustig, im Ausland ist’s schön

Schnitzelbänke beliefern ja oft nicht nur ihren Heimatort mit spritzigen Versen, sondern sind in mehreren Gebieten unterwegs. Für uns kam das lange nicht in Frage. Erstens ist es schon schwierig genug, alle Mitglieder an den Langenthaler Fasnachtsdaten zu vereinen und zweitens wirst du als Neuling auch nicht unbedingt angefragt (besonders nicht, wenn die vernichtende Kritik in der Zeitung lautet, du würdest mehr irritieren als begeistern).

Entsprechend geschmeichelt waren wir, als wir im letzten Jahr von Biberist gefragt wurden, ob wir Lust hätten, für eine ausgefallene Schnitzelbank einzuspringen. Wir haben Fans, dachten wir und sahen uns insgeheim schon an der nächsten Oscar – Verleihung. And the Oscar for the best Schnitzelbank goes to Granium Mystericum!

Allerdings wurden wir schnell wieder auf den Boden der Tatsachen geholt, denn als wir begeistert zusagten und nachhakten, wieso man dann ausgerechnet auf uns gekommen sei, meinten die Biberister nur, sie hätten uns einfach blind aus der Adressenliste der LFG – Homepage herausgepickt, ohne überhaupt zu wissen, wer wir sind und was wir so genau machen.

Aber egal, trotzdem wagten wir uns frohgemut in den Kanton Solothurn, zogen uns in Biberist auf dem Parkplatz um (die kleinen Schwierigkeiten dieses Arrangements habe ich bereits eingehend in Pleiten, Pech und Pannen geschildert) und marschierten inklusive Helgenpräsentiergerät in die erste Beiz, wo wir von mehreren Dingen überrascht waren. Zum einen von der Tatsache, dass wirklich ALLE Gäste zuhören wollten (das ist nämlich nicht überall so) zum anderen, dass es hier üblich war Geld zu kassieren. Erst wollten wir gar nicht und zierten uns (daran erkennt man den hohen Sozialistenanteil in unserer Schnitzelbank), aber da reagierten die guten Leute beinahe wütend. Und so nahmen wir das Geld an und finanzierten uns davon ein paar Portionen Pommes.

Es gibt ja den Spruch: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Ein bisschen stimmt das eben schon. Auch in Biberist waren die Leute erst erstaunt über unsere Art eine Schnitzelbank vorzutragen, aber sie nahmen uns an und gingen auf uns ein. Auch die Wirtsleute waren extrem rücksichtsvoll, achteten darauf während des Auftritts nicht servieren und verzichteten darauf beim Einkassieren mit den Gästen ihre persönlichen Gespräche zu führen. Das ist schon ein ziemlich starker Kontrast zu manchen Gasthöfen in Langenthal. Aber natürlich ist man bei einem Auswärtsauftritt auch viel lockerer, denn schliesslich kennt man ja kein Schwein. Und man kann getrost über seine Stadt herziehen, denn natürlich freuen sich die Biberister, wenn man kräftig über Langenthal schimpft, denn nichts ist so befriedigend zu hören, dass es auch an anderen Orten kleine Skandale und grosse Ärgernisse gibt.

Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen


Wir freuten uns daher wie die Schneekönige, als wir erneut von Biberist angefragt wurden. Leider konnte unsere  Stimmungskanone Olga an diesem Datum nicht kommen, weil sie anderen fasnächtlichen Verpflichtungen nachgehen musste. Das bedeutete, dass wir den Text für Biberist umverteilen mussten. Und weil Olga wegfiel, fiel auch das zweite Auto weg, da wir genau zwei Mitglieder haben, die über einen Fahrausweis verfügen.

So blieb der Fahrdienst gezwungenermassen an Lucian hängen, der uns das Auto seiner Eltern besorgte. Das Verladen unserer Ware war allerdings nicht so einfach, immerhin mussten wir Helgen, Kleider (sie sind zu pompös um damit Auto fahren zu können), Schnäpse, eine Tasche voller Zettel, Jacken und Schirme reinstossen. Schliesslich schmiss Lucian den letzten Kleidersack in den Kofferraum und warf dann hektisch die Tür zu, bevor wieder alles rausfallen konnte.

Nachdem alles verstaut war, quetschten sich die Damen auf den Rücksitz. Als alle ihre Sicherheitsgurte gefunden hatten (versucht mal euch anzuschnallen, wenn ihr gerade in einem knallengen Korsett steckt, es ist NICHT einfach), konnte die Fahrt losgehen. Bei nicht gerade idealen Wetterbedingungen kamen wir schliesslich in Biberist in unserer Künstlergarderobe an sprich auf dem Parkplatz.

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Nachdem ich mit Hilfe meiner Schwester rausgefunden habe, wie ich das Kleid anziehen muss (ja, es ist kompliziert, mit mehreren Unterröcken, Unterwäsche und Korsett), zockelten wir also inklusive Helgenpräsentiergerät zu unserem ersten Lokal. Die Stimmung war zu unserer Überraschung immer noch total entspannt. Letztes Jahr sind wir fast gestorben vor unserem ersten Auftritt, diesmal sprachen wir uns noch kurz vor der Tür ab, wie wir die Verse ankündigen wollen und dann warfen wir uns tapfer in die Schlacht.

Am Anfang waren die Narren sehr reserviert. Und sehr jung. Und von der ganz lustigen Sorte. Als mein Kleid sich verselbstständigte (mein Oberteil hielt nicht richtig. Aber es wäre ja nicht Fasnacht, wenn ich nicht an meinem Ausschnitt rumzerren müsste), grölten sie schon, ich solle mich doch gleich ganz ausziehen. Wir waren allerdings auch noch nicht ganz auf der Höhe, vertauschten prompt unsere Verse beziehungsweise ich klaute gemeinerweise einfach die Pointe meiner Schwester. Aber wir waren durchaus zufrieden mit unserem ersten Auftritt.

Beim zweiten Lokal zündete der Funke dann sofort. Wir betraten den gemütlichen Schankraum und wurden geradezu begeistert willkommen geheissen. Unsere Kleider wurden bewundert und wir bedauert. Wie wir denn mit denen aufs WC gingen, wurden wir mitleidsvoll gefragt. Ich trat todesmutig den Beweis an, dass es möglich ist und wurde nach erledigtem Geschäft mit donnerndem Applaus begrüsst. Einen richtigen Scheiss abgeliefert und trotzdem Beifall bekommen (okay, schlechter Wortwitz, aber immerhin ein Wortwitz).

Auf jeden Fall lief der Auftritt dann wie geschmiert. Wir waren gut drauf, das Publikum war gut draus und es war der Auftakt zu einem lustigen, vergnüglichen Abend. Egal wie gross oder klein das Wirtshaus war, das Publikum war uns wohlgesinnt, lachte mit uns, liess sich aufziehen und feuert uns an. So müsste es immer sein.

Was allerdings definitiv nicht immer so sein muss ist das Wetter. Den ganzen Tag hatte es abwechselnd gestürmt, geregnet und geschneit. Am Abend hatte sich das Wetter aber beruhigt und wir dachten schon, wir kämen trockenen Fusses nachhause. Der Mensch denkt, Gott lenkt, wie es so schön heisst. Ausgerechnet auf dem Weg zum letzten Auftrittsort öffnete der Himmel seine Schleusen. Zu allem Übel blies nun auch der Wind wieder sehr stark.

Der Regen liess nicht nach, sondern verwandelte sich in Schnee. Innerhalb kürzester Zeit waren wir klatschnass und bis auf die Knochen durchgefroren. Tapfer kämpften wir uns durch die sturmgepeitschte Nacht und suchten mit zunehmender Verzweiflung nach diesem verfluchten Lokal. Dabei stolperten wir hinter Lucian her, der uns mit seinem militärisch geschulten Orientierungssinn sicher durch die riesengrosse Weltmetropole führte. Nur war es in der Dunkelheit zunehmend schwieriger sich zurechtzufinden, zumal es einfachere Dinge gibt, als im strömenden Regen eine Karte zu lesen.

An irgendeinem Punkt stapften wir an einem hell erleuchteten Lokal ein, wo sich offenbar gerade eine lustige Gesellschaft zusammengefunden hatte.

Rosmarie seufzend: „Ach, wäre es doch hier.“

Lucian: „Das ist das Altersheim. Willst du im Altersheim auftreten?“

Allgemeine Erheiterung, man schritt frohgemut weiter. Fünf Minuten später irrten wir noch immer in Biberist herum. Lucian dämmerte es schliesslich. Nach einem weiteren Blick auf die Karte meinte er zögernd: „Ähm, Leute, ich glaube wir müssen in dieses Altersheim!“

Leichte Hysterie bei den Damen („Müssen wir jetzt ernsthaft nochmals alles zurücklatschen?“) Stoische Ruhe bei Dimitri (obwohl er eigentlich der Ärmste war, weil er nämlich unsere Helgen rumschleppen musste), der sich einfach umdrehte und ohne zu mosern alles zurücklief. Des Rätsels Lösung war schnell gefunden: Das gesuchte Lokal lag in einer Alterssiedlung, das erklärte den hohen Anteil an Senioren.

Die betagten Damen und Herren waren übrigens nicht nur sehr charmant und süss („Jesses, seid ihr nass! Ihr Armen!“), sondern bewiesen auch viel Humor. Es hat sich gelohnt, sich durch den Schneesturm zu kämpfen. Und es tat uns sehr leid, dass wir vorher über dieses Altersheim gewitzelt haben.

Home Sweet Home

Gott sei Dank hatte sich der Sturm gelegt und wir erreichten ohne Unfall unser treues Auto. Dann hiess es schon wieder raus aus den Kleidern. Ein bisschen traurig waren wir aber schon, als wir Biberist verliessen. Trotz des schlechten Wetters war es ein schöner Abend. Euphorisch lobten wir uns gegenseitig über den grünen Klee (wobei wir uns gegenseitig anbrüllten, weil wir es gewohnt waren laut zu reden) und sonnten uns in unserem Erfolg.

Dennoch war ich dann ganz froh, als ich wieder zuhause war. Meine extra für die Fasnacht gekauften Schuhe hatten sich nämlich als nicht wasserfest erwiesen, sowohl Strumpfhosen als auch Füsse waren komplett durchnässt. In dem See, der sich in meinen Stiefeln gebildet hatte, hätte problemlos ein Goldfisch überleben können.

Abgesehen davon ist unsere Hauptprobe super gelaufen. Jetzt steigt langsam die Aufregung, denn morgen beginnt die Fasnacht in Langenthal. Gönnerabend ist nie so ganz einfach ABER wir freuen uns tierisch darauf! Der Clanum ist dann übrigens auch wieder vollständig, unser Partygirl Olga ist wieder mit von der Partie.

Wie regelmässig ich bloggen kann, steht natürlich noch in den Sternen, denn Fasnacht sind die einzigen fünf Tage im Jahr, wo ich am Feiern bin. Ich denke, spätestens nach der Fasnacht werde ich nachliefern und erzählen wie es uns ergangen ist. Und wie viele faule Bananen uns an den Kopf geschmissen wurden.

Übrigens: Auch das Kässelen hat sich gelohnt! Ganze 288 Franken konnten wir einnehmen!

 

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