Freitag, 5. Februar 2016

Hinter den Kulissen des Clanum Mystericum III: Üben, Üben!



Anmerkung: Denkt bitte nicht, ich hätte das Filmzitate Projekt vergessen! Saisonal bedingt, wird es jetzt aber einen Haufen Fasnachtsblogs geben. Und in der nächsten Woche werde ich sowieso auf der Gasse sein. Aber danach werde ich mich den Zitaten widmen. 


Nicht den Text das Stück!

In Wien besuchten meine Schwester und ich das Burgtheater. Ein munterer Wiener, der sonst an der Garderobe arbeitete, führte uns in „seinem Theater“ herum und erzählte uns lustige Anekdoten von Schauspielern.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir folgende Geschichte. Ein bekannter Schauspieler bezog einen Grossteil seines Ruhms aus der Tatsache, dass er ständig den Text vergass. Die Zuschauer warteten jeweils gespannt auf seine Aussetzer und waren tatsächlich enttäuscht, wenn es ihm wider Erwarten gelang, den Text komplett wiederzugeben. Eigentlich ist das erstaunlich, denn normalerweise sind Texthänger beim Publikum verpönt und von den Schauspielern gefürchtet.
Vermutlich war es aber sein lässiger Umgang mit diesen Aussetzern, der ihm seinen Ruhm einbrachte. Als er nämlich wieder einmal ins Stocken geriet und die Souffleuse ihm hilfsbereit seinen Satz zuraunen wollte, zischte er ihr nur vernehmlich zu: „Nicht den Satz, das Stück!“

Was lernt uns das? Auch etwas nicht zu können, kann eine Kunst sein!

Aus dem Übungskeller
Da wir über kein festes Übungslokal verfügen (und auch kein Geld haben uns ein zu mieten), weichen wir jeweils auf verschiedene Orte aus. Unsere allererste Probe fand ironischer Weise in den Räumen der Katholischen Kirche statt (also nicht in der Kirche selbst, sondern ein Stockwerk tiefer). Später richteten wir uns im Katholischen Kirchgemeindehaus ein (Kontakte muss man eben haben). Aber auch die Wohnungen in Langenthal und in der Spachweid mussten zwecks Üben herhalten. Man nimmt eben, was man kriegen kann.

Besonders witzig gestalteten sich die Proben in unserem dritten Jahr, da wir eine kleine Tanzperformance einbauten (zum Leidwesen der Jungs). So hüpften wir im Gangamstyle über die Bühne, imitierten Michael Bully Herbig und versuchten uns gar als Spice Girls. Kleinere Unfälle blieben natürlich nicht aus, besonders als wir in den Kostümen übten, über Säume stolperten oder runterrutschende Kleider festhalten mussten. Abgesehen davon fragten sich vermutlich sämtliche Anwesende im Kirchgemeindehaus, wer sich denn diese grässliche Musik antat.  

In unserem ersten Jahr betteten wir unsere Verse in ein Theaterstück und übten entsprechend viel. In unserer ersten Probe sollten wir den Gang unserer Figur üben. In meinen Fall war das die Liebeshexe La Peitho, die sich mit schwingenden Hüften bewegen musste. Lucian spielte den schüchternen und tollpatschigen Zauberer Agapio, der sich eher unsicher bewegte. Rosemarie war Madame Malevizia, eine äusserst würdevolle Person, die stets forschen Schrittes unterwegs war. Und Dimitri war der böse Zauberer Quadraginto. Unterlegt mit der Musik des Phantoms der Oper sollte er möglichst furchteinflössend den Raum betreten.

Allerdings war das nicht so leicht wie gedacht. Beim ersten Mal schlurfte Dimitri mit hängenden Schultern herein und sah eher aus wie ein Penner, der ein bisschen zu viel geraucht hatte, als wie ein Bösewicht. Beim zweiten Mal kam er mit so viel Vollgas, dass er uns beinahe über den Haufen rannte. Und das dritte Mal erinnert eher an einen missmutigen Gorilla.  Wir konnten nicht anders, jedes Mal wenn der arme Quadraginto den Raum betrat, brachen wir in lautes Gelächter aus, was ihm nicht gerade half.  An der Fasnacht bekam er es dann hin, aber wir ziehen ihn noch heute mit seinem „graziösen“ Gang von damals auf (und geben ihn mit Vorliebe Rollen, wo er kiffen muss).

Manchmal wird auch ein wenig gestritten in den Proben. Künstlerische Auseinandersetzungen nennt man das. „Können wir den Vers nicht einfach normal machen, statt rumzukasperln?“, mosert der eine, während es der anderen noch nicht genug rumgeskaperlt ist. Dann wollen die einen noch üben, während die anderen finden, man könne es ja schon. Dann nervt man sich, weil der Text noch nicht sitzt oder die Dichter werden sauer, wenn die Verse kritisiert werden.

Schlimm ist es aber nie und spätestens an der Fasnacht steht jede/r voll und ganz hinter dem Clanum Mystericum.  Sobald es ernst wird, wird auch nicht mehr kritisiert (höchstens spasseshalber). Einmal haben wir zufällig mitbekommen, wie sich nach einem Aufritt eine Schnitzelbankgruppe untereinander fertiggemacht hat und das alles in einem sehr bösartigen Ton, dass es einem kalt den Rücken runterlief. Damals haben wir uns geschworen: Wenn wir einmal so miteinander reden, lösen wir die Gruppe auf. War bis jetz aber nicht nötig.

Was passiert, wenn’s passiert ist

Improvisieren können wir eigentlich alle sehr gut, das Problem ist nur der Reim am Schluss. Während man bei einem Theaterstück den Text ja durchaus einfach sinngemäss wiedergeben kann (schliesslich kennt das Publikum – im Normalfall – das Drehbuch nicht), bei einer Schnitzelbank muss es sich aber am Ende irgendwie reimen. Jedes Mitglied kämpfte schon einmal mit seinem Text. Selbst unsere Anführerin, Rosemarie von Tschalpi, konnte sich einmal nur knapp retten, indem sie anfing den Boden mit ihrem Besen zu wischen und etwas von „Schmutz“ zu faseln (sehr zur Verblüffung der anderen Mitglieder). Das Fegen schien aber zu helfen, der Text fiel ihr wieder ein.    

Hin und wieder führen solche Aussetzer jedoch zu wahren dichterischen Höhepunkten und zu ungewollten Pointen. So sollte unser guter Dimitri, der von uns allen das schlimmste Lampenfieber hat, einen Vers über Johann Schneider Ammann vortragen. Original hätte das literarische Meisterwerk so gelautet: „Wenn man dann wollte, dann könnte es sein, dass man kann.“ Dimitri machte daraus: „Wenn man dann sollte, dann könnte es sein, dass man kann.“ Spontaner Applaus, viel Gelächter, sehr zu unserer Verblüffung, denn die eigentliche Pointe war noch gar nicht gekommen. Erst hinterher begriffen wir, dass der Wortdreher aus dem eigentlich harmlosen Vers einen zweideutigen gemacht hat. 

Das Beispiel zeigt aber schön, dass es gerade diese spontanen Einfälle – ob beabsichtigt oder nicht – sind, die dem Publikum Freude machen. Was nützt es etwas ausgezeichnet runterbeten zu können, dafür aber die Lebhaftigkeit einzubüssen? Nichts. So werden die Proben von Jahr zu Jahr weniger. Unser lieber Lucian bemerkte trocken, nächste Fasnacht würden wir wohl einfach auf die Bühne gehen und die Verse im Freestyle vortragen.

Das halten aber die Nerven der weiblichen Mitglieder doch nicht durch.




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