Mittwoch, 17. Februar 2016

Draussen ist Freiheit



„Du warst mein Leben, aber ich nur ein Kapitel in deinem!"
PS: I love you!


Karoline sucht niemals nach Wörtern. Es ist eher so, dass die Wörter sie finden. Wenn sie schläft, schleichen sie sich in ihre Träume. Wenn sie im Wald spazieren geht, huschen sie durch die Blätter der Bäume und wispern ihr zu. Wenn sie in der Kirche ist, mischen sich die Worte in ihre Gebete und sind plötzlich da, ausgebreitet in ihren Schoss, nur darauf wartend, sich zusammenzufügen. Und es fällt ihr spielend leicht, sie in Reih und Glied zu bringen, sie zu formen und in Verse zu kleiden. Wörter sind ihre Freunde, vielleicht sogar die einzigen Verbündeten in dieser Welt, die ihr wenig Liebe und noch weniger Verständnis entgegenbringt.

Doch nun erscheinen ihr Worte auf einmal kalt und feindselig, denn es sind Worte, die ihr das Herz getötet haben.

Langsam zieht sie den Brief aus ihrem Mieder, faltet ihn auf und liest ihn, liest ihn mit bebender Brust und schnellen Atem, angelt sich rasend schnell durch die Sätze, als könne sie dadurch den Sinn verändern. Doch es gelingt ihr nicht, die Worte bleiben dieselben. Wie Splitter bohren sie sich in ihren Verstand und zwingen ihr ihren grausamen Sinn auf.

Liebste Karoline! Liebe Karoline! Meine kleine Karoline, meine tapfere kleine Dichterin! Karoline!

Ihr Name tausend Mal geschrieben von seiner Hand, ihr Name in Tinte getaucht, ihr Name, immer und immer wieder von seinem Lippen fallend, ihr Name behutsam in ihr Ohr gehaucht, ihr Name, so zärtlich ausgesprochen, mit so sanftem Schwung geschrieben, als gebe es nichts Kostbareres als sie. Tausendmal hat er ihn ausgesprochen, tausendmal hat er ihn geschrieben, gefolgt von stürmischen Liebesschwüren. Jetzt verwendet er ihn, um ihr wehzutun, um sie von sich zu stossen, um sie wegzuwerfen.

Unsere Zeit gemeinsam war eine Zeit voll süssem Glück und Sonnenschein. Du warst mein Sommer nach einem langen Winter. Das weisst du, oder? Du weisst, dass du das Schönste und Beste in meinem Leben warst, dass du nicht nur meine Geliebte, sondern meine Freundin, meine Schwester, meine Seele warst?

Und er ist alles für sie. Noch immer. Alles was zählt. Ihr Leben. Ihr Mittelpunkt. Ihre Inspiration. Ihr Ratgeber. Ihr Liebhaber. Ihr Bruder. Ihr Herz. Ihr Wille. Ihr Ritter. Ihr Kavalier. Es ist nicht die Frage, ob sie ohne ihn sein kann. Sie will es einfach nicht.

Du bist so anders als sie. So lebendig. So sprühend. So wild. So sprunghaft wie Sonnenlicht, das über Herbstblätter tanzt. So leichtfüssig wie ein Schmetterling, der von Blüte zu Blüte schwebt. So gewaltig wie ein Sturm, der jäh hereinbricht. Du hast mein Leben durcheinandergewirbelt. Nein, eigentlich hast du mir gezeigt, wie ein Leben sein kann. Verheissungsvoll und schön.

Schreibt er wirklich von ihr? Ist das wirklich sie? Ist sie jemals so gewesen? Sie weiss es nicht. Alles in ihr fühlt sich so schwer und finster an. Da ist kein Leben mehr in ihr, alles ist abgestorben, alles tot, alles fort. Nein, das stimmt nicht, denn wenn sie nichts mehr fühlen würde, würde es nicht so wehtun, würde es nicht so schmerzen. Sie hat immer auf ihren Gefühlen beharrt, hat nach ihnen gelebt, hat ihre Kunst und sich selbst ganz nach ihnen gerichtet, geglaubt, es sei der richtige Weg. Und wohin hat er sie geführt, dieser Pfad, den sie für den einzig richtigen gehalten hat? Ins Unglück hinein, ins tiefste Unglück.

Du hast mir gezeigt, was Träumen bedeutet. Du hast mich träumen lassen, du hast die Grenzen meines Daseins niedergerissen, hast mich an die Hand genommen und gesagt: Draussen ist Freiheit! Man muss nur den Mut haben, den Schritt zur Tür hinauszugehen und den Willen, nicht zurückzublicken. Glaube mir, Karoline, ich habe es versucht. Ich habe versucht nicht zurückzublicken, ich habe versucht nicht zu zögern, ich habe versucht, mutig zu sein. Aber ich kann es nicht. Ich bin nicht wie du.

Es hat eine Zeit gegeben, da hat sie ihr nichts bedeutet, die Freiheit. Geboren in den schwachen Körper einer Frau, ausgeliefert den Konventionen, in Ketten gelegt, von jenen, die behaupten, sie zu lieben und nur das Beste für sie zu wollen. Was kann eine Frau schon mehr erwarten, als verheiratet zu werden und zu hoffen, dass ihr Ehemann gut zu ihr ist?

Aber dann hat sie die Fenster ihrer versperrten Seele geöffnet und hat ihn auf einmal gespürt. Den wilden Geschmack der Freiheit. Egal ob sie nun in den Körper einer Frau geboren ist, kann sie über den Geist eines Mannes verfügen. Beflügelt von diesem Gedanken ist sie ausgebrochen aus dem starren Gefängnis der Schicklichkeit. Sie hat geschrieben und sie hat geliebt. Und gedacht, es brauche nicht mehr um glücklich zu sein.

Ihre Liebe hat sie verraten. Die Worte sind ihr geblieben, nur was bedeuten sie schon? Geschrieben von Frauenhand sind sie kaum mehr wert als ihre Tränen. Denn was das Herz einer Frau bewegt, wird von der Welt mit Gleichgültigkeit bedacht. Wenn sie nur ein Mann wäre, dann könnte sie sich alles nehmen, was ihr zusteht. Anerkennung. Ruhm. Beachtung. Es gebe nicht nur den Schein der Freiheit. Es gebe die wahre Freiheit.

Ein letztes Mal senkt sie den Blick auf den Brief.

Karoline, verzweifle nicht! Auch wenn ich dich verlasse, auch wenn ich zurückkehre in die liebenden Arme meiner Frau, du wirst immer ein Teil meiner Seele sein. Ein wichtiger Teil meiner Seele. Du bist noch jung, ich bin sicher, du wirst deinen Weg finden. Ich kann ihn nicht mit dir gehen. Karoline, du weisst, dass es mich ebenso schmerzt wie dich oder? Du warst mein Leben, aber ich nur ein Kapitel in deinem. Lebe und werde glücklich. Ich weiss, du kannst es.
Dein dich auf ewig liebender
Friedrich

Lebe, Karoline. Was für ein Hohn, so etwas von ihr zu verlangen. Für sie gibt es kein Leben mehr. Wenn ihr das Leben verwehrt wird, dass sie sich wünscht, dann will sie lieber gar keines haben. Langsam zerreisst sie den Brief, Stück für Stück und wirft ihn in den Rhein, wo das träge fliessende Wasser ihn davonträgt.  Sie kniet sich an das Ufer und sieht zu wie die weissen Fetzen davonziehen. Es ist ihr, als ziehe damit auch ihre Seele davon.

Ihr Gemüt eben noch sturmgepeitscht, beruhigt sich. Alles in ihr ist still. Sie hat sich alles genau überlegt. Sie weiss, was zu tun ist. Der Dolch in ihrer Hand fühlt sich wunderbar leicht an. Es tut nicht einmal weh, als sie ihn in ihre Brust stösst. Oder vielleicht ist sie Schmerz inzwischen so gewohnt, dass sie ihn nicht mehr wahrnehmen kann. Weil bereits alles taub ist. Als ihr Kopf ins Wasser fällt, richtet sich ihr sterbender Blick auf den Nachthimmel. Wie schön er ist. Sie hat es ja immer gewusst.

Draussen ist Freiheit. 
In die heitre freie Bläue
In die unbegrenzte Weite
Will ich wandeln, will ich wallen,
Nichts soll meine Schritte fesseln!

Leichte Banden sind mir Ketten,
Und die Heimat wird zum Kerker,
Darum fort und fort ins Weite,
Aus dem engen dumpfen Leben!
Karoline von Gründerrode

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