Dienstag, 23. Februar 2016

Alleine unter Liebespärchen



Es ist nicht leicht ein Single zu sein. Gestrandet in einer Welt voller glücklichen Pärchen. Alleine in einer Gesellschaft, die sich zwanghaft vermehrt. Ein verwitterter Fels in der Brandung herumwirbelnder Hormone. Das einsame Kamel auf der Arche Noah. Alleine eben. Vergessen. Verlassen.

Du findest diese Zeilen dramatisch? Du findest, ich solle mich nicht so anstellen, ich sei schliesslich eine freie ungebundene Frau, der alle Türen offenstehen? Du findest, in unserer aufgeklärten Welt kann und darf eine Frau mehr erwarten, als einen Mann, der schützend die Arme um sie legt? Du findest, ich sei gar zu beneiden, schliesslich könne ich ganz nach meinem eigenen Gutdünken leben? Lass mich raten, DU bist gerade in einer Beziehung, vermutlich schon ziemlich lang und DU bist verdammt glücklich, deshalb kannst du nur herablassend lächeln über ein alleingelassenes Töpfchen ohne Deckelchen.

Vielleicht gehörst du aber auch zu jenen übriggebliebenen Socken, die vergessen in der Schublade rumliegen. Und daran erkennst du, dass du schon viel zu lange Single bist:


  • Du fängst an, dich brennend für das Beziehungsleben deiner Freunde und Familie zu interessieren. Egal ob Höhepunkte, Tiefpunkte, Verlobungspläne, Trennungsgerüchte, Schwangerschaften, Heiratsanträge, Beziehungsprobleme…du saugst alles gierig auf, als wärst du ein äusserst gefrässiger Schwamm.
  • Du gibst deinen Senf zu jedem Beziehungsthema ab. Ausgiebig. Denn schliesslich ziehst du dir ständig Liebesschnulzen rein und hast jedes relevante Buch zum Thema Liebe gelesen inklusive „Shades of Grey“ und „Wie ein einziger Tag“. THEORETISCH bist du also perfekt gerüstet für eine glückliche Beziehung. Da kann es wohl nicht so schwer sein, diese romantischen Ideen auch in der PRAXIS umzusetzen. Die Paare sind einfach alle zu blöd dafür.
  • Auch wildfremden Menschen gegenüber kennst du kein Halten mehr. Du hörst ungeniert zu, wenn deine Sitznachbarin im Zug ihre Ehekrise am Telefon lösen will, gibst ihr hilfreiche Tipps und reisst das Mobiltelefon auch mal an dich, wenn du das Gefühl hast, du könntest das Gespräch besser führen.   
  • Du antwortest auf die Frage „Und, hast du einen Freund?“ mit einer langatmigen Litanei über die Freuden des Alleinseins. Bist du eine Frau, weist du mit süffisantem Lächeln auf die Emanzipation hin, bist du ein Mann, erklärst du mit tragisch klingender Stimme, du seist ein einsamer, rastloser Wolf, der nur mit der Wildnis verheiratet ist. Und wenn der Fragesteller dann davonzottelt, beeindruckt von deinem freien Geist, verkriechst du dich in die nächste Ecke und schluchzt in dein mit rosa Herzen besticktes Taschentuch.  
  • Jedes Mal wenn du jemanden kennenlernst, beginnst du dir vorzustellen, wie es wäre, mit ihm oder ihr zusammen zu sein. Du stellst dir vor, wie du ihn oder sie mit deinem Eltern bekannt machst, wie und wo ihr euch zum ersten Mal küsst, wie du mit ihm oder ihr vor den Altar trittst und wie euer Gemeinschaftsgrab aussehen wird. Das führt dazu, dass du gleich zu Beginn einer Bekanntschaft anfängst intime Fragen zu stellen, wie zum Beispiel: „Sag mal, findest du dein Sexualtrip ist eher unter – oder überentwickelt? Wäre dreimal in der Woche Sex übertrieben für dich?“
  • Du fängst an, glückliche Paarfotos vom Internet herunterzuladen und sie per Photoshop so zu bearbeiten, dass auf einmal du in den Armen deines Traummannes oder deiner Traumfrau liegst. Du redest dir ein, du würdest damit nur deine Kreativität fördern.
  • Immer wenn du ein küssendes Paar siehst, hast du plötzlich unbändige Lust, dich dazwischen zu quetschen und zu fragen: „Na, bluten die Lippen noch nicht?“ Oder sie auseinander zu reissen und zu kreischen: „Wie konntest du nur? Du hast gesagt ich bin die Einzige/ der Einzige für dich!“ Beziehungen auseinander zu reissen macht dir auf einmal noch fast mehr Spass als sie zu kitten.
  • Du beginnst, Facebook zu meiden, denn jedes Mal wenn du deine Startseite aufrufst wirst du von deprimierend glücklichen Pärchen angestrahlt. Pärchen, die Händchen halten, Pärchen, die auf dem Bett rumliegen, Pärchen, die sich küssen, Pärchen, die nebeneinander im Schnee liegen, Pärchen, die gemeinsame eine Bank ausrauben, Pärchen im Hochzeitskleid…Jeder Schritt wird liebevoll dokumentiert, als möchte die Pärchenfraktion uns ins Gesicht schreien: Seht her, wie glücklich wir sind! Und wenn es keine Paare sind, die miteinander kuscheln, dann ist es bestimmt ein Baby, das dich sabbernd angrinst.
  • Du siehst dir immer und immer wieder Sissi an, wobei du die Dialoge mitsprechen kannst und dir ausmalst, wie du beim Fischen deinen Kaiser angelst. Und spätestens bei dem Liebesgeständnis, brichst du in Tränen aus und spulst immer wieder zurück, damit du immer wieder das gehauchte: „Ich liebe dich“ hören kannst.




Trifft einer dieser Punkte auf dich zu? Oder sogar mehrere kommen dir bekannt vor? Dann bist du wohl schon zu lange Single. Und was kannst du dagegen tun? Dich in den Wald begeben und so lange zu röhren bis sich ein passendes Weiblein oder Männlein einstellt? Dich bei einer Singlebörse anmelden? Das Rad schlagen (also so wie der Pfau, nicht wie eine Kunstturnerin)? Jemanden bezahlen, damit er Zeit mit dir verbringt? Dich in eine Fantasiewelt mit einem imaginären Traummann oder einer imaginären Traumfrau flüchten (vorzugsweise auch ein imaginäres Harem. Wenn man schon mal dabei ist)? Glühende Liebesbriefe an jeden schreiben, der das Pech hat im Telefonbuch zu stehen?

Oder einfach akzeptieren, dass man momentan alleine ist. Es ist ja nicht so, als werde man nicht geliebt, man wird nur eben nicht auf diese ganz spezielle Art geliebt. Und abgesehen davon, ich weiss, dass mich niemand je so vorbehaltslos und leidenschaftlich lieben wird, wie diese beiden süssen flauschige Kerle, die sich in meinen Text geschlichen haben.

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