Freitag, 15. Januar 2016

Karma dein Name ist Arschloch




Ich halte mich für einen moralisch ziemlich korrekten Menschen. Ich zahle meine Steuern. Ich begleiche jede Rechnung pünktlich. Ich gehöre zu den Menschen, die im Zug immer gleich hektisch die Fahrkarte hervorkramen, sobald der Schaffner den Wagen betritt. Ich lasse älteren Menschen den Vortritt. Ich warte, bis alle ausgestiegen sind, bevor ich den Bus betrete. Ich schnalle mich im Auto immer an. Ich sage immer „Danke“ und „Bitte“, ausserdem wünsche ich der Verkäuferin immer einen schönen Tag und gebe jedem Kellner Trinkgeld. Ich trinke keinen Alkohol und nehme keine Drogen. Ich bin immer pünktlich. Ich rauche nicht. Wenn ich um Geld für die Notschlafstelle gebeten werde, gebe ich es Eine Freundin von mir hat mir mal diagnostiziert, ich sei geradezu fanatisch besessen davon, alles korrekt zu machen.

Aber natürlich mache ich auch Fehler. Und habe Sünden. Dazu gehört, dass ich hin und wieder mein Mittagessen bei MacDonalds hole. Sollte man nicht, aus vielfältigen Gründen. Heute hatte ich aber eine so unbändige Lust auf einen saftigen, ungesunden, fettigen, viel zu sehr gesalzenen Burger, dass ich mich mit beschämt gesenkten Kopf Richtung MacDonalds begab, namentlich in die Bahnhofsfiliale.

Dort geht es eigentlich immer sehr schnell, schliesslich haben die Leute es ja eilig. Nur hat mein Karma offenbar beschlossen sich an mir zu rächen. Schon als ich angekommen war, bemerkte ich, dass die Mitarbeiter überfordert waren, sprich, es wuselten zwar unglaublich viele grüngekleidete Männchen und Weibchen in der Küche herum, aber sich dabei hauptsächlich auf den Füssen rumstanden.

Wild entschlossen auf keinen Fall auf meinen Burger zu verzichten, begab ich mich zu dem praktischen Automaten, wo ich die Bestellung aufgab und dafür einen netten Zettel mit einer Nummer und der Aufforderung mich doch zur nächsten Kasse zu begeben. Wohlerzogen, wie die Tochter meiner Eltern nun einmal ist, reihte ich mich also ein.

Was sich allerdings als schwierig herausstellte, denn ich konnte nicht so genau erkennen, wo die Schlange überhaupt war, da sich alle Kunden wie Gartenzwerge über den Bahnhof verteilten, während die Mitarbeiterinnen mit quietschender Stimme Nummern ins Nirgendwo schrien.
Dennoch, da ich selber in einer Buchhandlung arbeite, hüte ich mich natürlich in so einer Situation ungeduldig zu werden. Ich warte also einfach dort wo ich die Schlange vermute. Da kommt eine kleine rundliche Frau angebraust, kneift die Augen zusammen und herrscht mich an: „Wo anstehen?“

Ich war da erstmal perplex, denn grundsätzlich schätze ich es, wenn man mich zumindest grüsst, bevor man mich anquatscht. Dass mich Leute etwas fragen passiert mir öfters (vielleicht weil ich manchmal so im Verkaufsmodus bin, dass ich den Menschen automatisch zunicke und lächle). Das ist manchmal ganz schön nervig, denn nach dem Feierabend habe ich nicht unbedingt noch Lust mich weiter um die Probleme anderer Leute zu kümmern (hum, kritische Aussage. Ich lass sie jetzt aber so stehen). Deshalb habe ich mir letztens auch die Haare schwarz gefärbt. Ich dachte, so wirke ich weniger wie das nette Mädchen von nebenan. Fehlanzeige.

Ich erwiderte als nicht gerade freundlich. „Wie bitte?“

Sie deutete mit ihrem beeindruckenden Wurstfinger auf mich. „Du die Nächste?“

„Nein.“ Ich wedle unbestimmt mit der Hand über die Menge. „Die kommen alle vor mir dran.“
Dann quasselte sie noch irgendetwas auf Spanisch (ja, ignorier meine Einwände, dass ich kein Spanisch verstehe. Vielleicht lerne ich es ja plötzlich, wenn du mich volllaberst). Und dann, hat sie einfach die Leute beiseite gedrängt, hat sich vorne an die Kasse gestellt und laut nach der Bedienung verlangt. Sie wurde auf der Stelle bedient!! Ich meine, sie war frech und unhöflich, dennoch hat sie bekommen, was sie gewollt hat, weil sie es sich einfach genommen hat! Ich hätte mich das nie getraut!

Hin – und her gerissen zwischen Ärger und Bewunderung wartete ich also noch einmal eine Weile, bis ich mich dann schliesslich vor der Kasse befand und meinen Zettel abgab. Doch statt mich (ENDLICH) einzukassieren (inzwischen hatte ich verdammt Hunger und wenn ich Hunger habe, könnt ihr all das mit dem netten Menschen streichen). Allerdings konnte ich immer noch nicht zahlen, weil sich die Nebenkassiererin just diesen Moment aussuchte, um meiner Mitarbeiterin einen Stapel Rechnungen in die Finger zu drücken. Sie solle die mal spüren (also, ich weiss ja nicht, was die mit den Kassenzetteln machen…ich hoffe, nichts Unanständiges). Und flugs wurde darüber diskutiert, wer wann in die Pause geht.

Ich liess mich eine Weile ignorieren, dann beschloss ich, dass ich jetzt essen will, Pause hin und her. Der Haufen hinter dem Tresen war inzwischen dermassen unorganisiert, dass manche Kunden auf ihre Essen verzichteten und davontrottelten, weshalb ihre Nummern dann vergeblich herumgeschrien wurden. Ausserdem war ich gekränkt, weil die Unverschämte vor mir bedient worden war und ich fürchtete meine Mittagspause würde vergehen, ohne dass ich etwas gegessen hatte (eine grauenhafte Vorstellung). Ausserdem hatte ich es richtig satt, dass ich immer weggedrängt werde, dass ich immer freundlich lächelnd zurückstecken muss, dass ich als Informationsbüro missbraucht werde, dass ich immer warten muss, weil ich mich nicht getraue den Mund aufzumachen und dass das schon immer mein Problem gewesen ist und immer mein Problem sein wird, weil ich mich einfach nicht durchsetzen kann.

Kurzum es brodelte in mir, ich legte mir schon gesalzene Worte zurecht, ich wollte schimpfen, keifen, mich beschweren, darauf pochen, dass ich hier schon ewig lang warte und jetzt endlich Gerechtigkeit für mich fordere, doch alles was aus meinem Mund plumpst ist ein unbestimmtes „Äh….“ Reichte dann aber auch, ich konnte meine Bestellung bezahlen und bekam endlich feierlich mein Essen überreicht.

Doch noch während ich, die Tüte besitzergreifend an mich klammernd, davonzottle, ruft eine Stimme hinter mir: „Nummer 26!“ Das wäre eigentlich meine Nummer gewesen. Mit Gewissensbissen denke ich daran, dass jetzt wahrscheinlich eine weitere Tüte mit meinem Menü in den Müll wandert…Essensverschwendung pur.

Zusammengefasst: Ich war ungerecht gegenüber Verkaufspersonal (nur in Gedanken, aber die zählen auch irgendwie), ich habe ungesundes Essen zu mir genommen, ich habe MacDonalds unterstützt und das alles nur weil ich verfressen und charakterschwach bin. Als Quittung wurde ich herumgeschubst, angeschnauzt, ignoriert und habe die Hälfte meiner Mittagspause mit Anstehen vergeudet.  

Karma hat zugeschlagen würde ich sagen.  

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