Freitag, 1. Januar 2016

Hinter den Kulissen des Clanum Mystericum II: Der Text, der Text!






Über was reden wir hier eigentlich?

Bevor wir uns dem eigentlichen Thema widmen, vielleicht noch schnell eine kurze Erklärung was eine Schnitzelbank eigentlich so genau ist. Denn oft, wenn ich Mitmenschen erzähle, ich sei Mitglied in einer Schnitzelbank, machen diese grosse Augen und fragen ganz erstaunt: „Wo genau bist du Mitglied?“ Manch einer denkt wohl inzwischen, ich sei in einer fanatischen Sekte.

Wie soll ich das erklären? Eine Schnitzelbank trägt an der Fasnacht Verse vor. Sie muss nicht zwangsläufig aus mehreren Personen bestehen, auch Einzelpersonen sind sehr oft als Schnitzelbank unterwegs. Auch bei der Themenwahl ist man frei. Egal ob man über aktuelle Geschehnisse in der Welt oder über das alltägliche Leben berichtet, wichtig ist es, das Ganze mit einer gelungenen Pointe zu verbinden. Auch die Länge der Verse ist unterschiedlich, wobei manch einer der Meinung ist, je kürzer und lustiger der Vers, desto höher die Qualität der Schnitzelbank.
Schnitzelbänke werden meist in Gesang eingebettet (wir sind dabei eine der wenigen Ausnahmen) und mit Helgen unterstützt. Eine Helge ist ein Plakat (kann man vergleichen mit einem Cartoon), welches zum Thema des Verses passt und oft für zusätzliche Lacher sorgt.

Ich hoffe, ihr seid jetzt nicht verwirrt. Wenn doch, solltet ihr einfach mal auf YouTube Schnitzelbank (am besten mit dem Zusatz Basel) eingeben. Ihr werdet dann sicher ein paar vergnügliche Minuten (wenn nicht gar Stunden, Schnitzelbänke machen süchtig) verbringen. 
Das Elementare an einer Schnitzelbank ist – nach unserer Ansicht – nicht der Gesang oder die musikalische Untermalung. Der Kern einer Schnitzelbank ist der Text. Doch wie entstehen eigentlich Verse? Das handhabt wohl jeder künstlerisch Schaffende anders. Ich öffne heute – mit dem Einverständnis meiner Gruppe – unsere ganz persönliche Dichterstube.

Aber worüber denn?

Bevor man mit der Schnitzelbank anfängt, braucht man passende Themen, denn dichten fällt bekanntlich leichter, wenn man weiss, was man in Poesie kleiden will. Im  ersten Jahr haben wir den Text relativ früh geschrieben. Das hatte den Vorteil, dass wir ihn perfekt auswendig konnten, hatte allerdings einen ganz entscheidenden Nachteil: Als wir schlussendlich auftraten, war unser Inhalt schon wieder kalter Kaffee. In unserer schnelllebigen Zeit (abgedroschene Formulierung), wo sich Nachrichten blitzschnell via Social Media in die ganze Welt verbreiten, ist es für Schnitzelbänke noch einen Zacken schwieriger geworden, feinfühlig den Nerv der Zeit zu treffen.

Aber ich will nicht rumjammern, das Suchen der passenden Themen ist zwar anspruchsvoll, macht allerdings auch viel Spass. Als wir uns dieses Jahr zum Dichten zusammengesetzt haben, fertigten wir als erstes ein Mind – Map. Was ist geschehen in Langenthal? Was ist auf der Welt passiert? Was hat die Schweiz bewegt? Was hat uns persönlich wütend, traurig, stutzig oder fröhlich gemacht? So lässt man die vergangene Zeit auch Revue passieren, erinnert sich an Dinge, lacht oder diskutiert darüber.

Nicht jede Idee wird schliesslich umgesetzt. Manchmal fällt uns einfach keine Pointe ein, manchmal finden wir das Thema nicht so ergiebig oder sind der Meinung, dass es das Publikum nicht interessieren wird. Am besten zünden in Langenthal natürlich die regionalen Scherze und wie es der Zufall will, gibt es dieses Jahr auch einiges zu berichten aus dem Dorf…äh, ich meine natürlich der stolzen Stadt Langenthal.      

Das Wunder der Sprache

Eine Schnitzelbank zu schreiben ist für mich jedes Mal wieder ein Kraftakt. Schreiben fällt mir normalerweise sehr leicht. Habe ich eine konkrete Idee, sind die Worte meist nicht mehr weit. Schreiben ist meine Passion, meine Nemesis, mein Werkzeug, auf das ich immer zurückgreifen kann.

Meine Sprache dabei ist jedoch Hochdeutsch. Mundart liegt mir einfach nicht. Natürlich spreche ich im Alltag stets Schweizerdeutsch, aber beim Schreiben fühlt es sich einfach falsch an. Es gibt viele begabte Schweizer Autoren, die toll in ihrer Muttersprache schreiben können, die dadurch Wortwitz und Charme in ihre Texte streuen können. Ich kann es nicht.

Mein Dialekt ist nicht wirklich definiert. Meine Eltern stammen aus Winterthur und obwohl in Langenthal geboren und aufgewachsen, schleicht sich doch einmal der Zürcher in meine Sprache.  Mit einem richtig schönen, wehmütig klingenden Berndeutsch kann ich nicht dienen. Aber ich schreibe auch lieber auf Schriftdeutsch. So ketzerisch das in manchen Ohren auch klingen

Deshalb habe ich meiner Gruppe eines schönen Tages vorgeschlagen, wir könnten doch auf Hochdeutsch umsteigen. Ich will jetzt hier nicht näher ins Detail gehen, aber ich kann euch verraten, dass sie mich sang – und klanglos niedergeschrien haben. Und das mit einer solchen echt schweizerischen Empörung, dass ich nie mehr gewagt habe, diesen revolutionären Vorschlag zu äusseren.

Recht hatten sie allerdings. Eine Schnitzelbank auf hochdeutsch, wäre vielleicht doch eine Spur ZU speziell gewesen. Und wer weiss, vielleicht hätte man uns zur Strafe gar aus dem schönen Langenthal verbannt.

Der Weg ist das Ziel

Glücklicherweise bin ich aber keine Einfrauschnitzelbank, deshalb muss ich auch nicht alleine dichten. Da wir noch eine zweite begabte Dichterin in der Gruppe haben, die, in Gegensatz zu mir, einen wunderbaren Zugang zu Schweizerdeutsch hat, erledigen wir das inzwischen im Teamwork.

Als wir angefangen haben (lang, lang ist’s her), haben wir noch getrennt gedichtet. Sie hat einen Vers geschrieben, ich habe einen Vers geschrieben. Erst, wenn wir fertig waren, haben wir sie untereinander ausgetauscht, jedoch so gut wie nie Kritik aneinander geübt. Per Abstimmung wurde dann vom ganzen Clanum entschieden, welche Verse es in Programm schaffen.

Als uns klar wurde, dass wir bei der Qualität der Verse eine Schippe drauf legen müssen, haben wir dieses System überdacht. Um die Themenvielfalt zu gewährleisten, richteten wir auf Facebook (inzwischen hat sich ins WhatsApp verlagert) einen Ideenpool ein. Jedes Mitglied kann so Themen beisteuern, die der persönlichen Meinung nach in die Schnitzelbank gehören.

Wichtiger war jedoch die Entscheidung der beiden Dichterinnen, gemeinsam zu arbeiten. Inzwischen hat sich diese Vorgehensweise etabliert. Es ist leichter und auch witziger, wenn man sich gemeinsam den Kopf zerbrechen kann, wenn man sich Verse vorlesen kann, wenn man sich gegenseitig inspiriert und antreibt. Es ist auch wichtig, dass man mal kritisiert und sagt: „Hey, der Vers geht so nicht auf“ oder „Diese Pointe wird nicht zünden“. Da wir uns als Schwestern sehr nahe stehen, können wir auch getrost ein wenig aneinander rummäkeln, ohne dass wir uns dabei den Kopf abreissen. Am Ende einer solchen „Dichtersession“ sind wir immer bestens gelaunt und voller Vorfreude auf die Fasnacht. Böse Worte oder gar Tränen, gibt es bei uns nie. Auch wenn im Rausch der Muse schon mal heftig diskutiert wird.

Ein wichtiger Diskussionspunkt ist immer die Länge der Verse. Kurz und knackig, oder lang und poetisch. Ich persönlich bin ein grosser Fan von letzteren, wobei ich es besonders mag, das Publikum möglichst lange im Dunkeln über die Pointe zu lassen. Allerdings haben die Zuhörer – besonders an der Fasnacht – nicht immer die Geduld, so lange zuzuhören, deshalb sollte man schon versuchen, die Verse nicht allzu lang auszudehnen. Was man ebenfalls vermeiden sollte, ist das „Leiern“. Damit meine ich nicht die Vortragsweise, sondern wenn man einfach nach einen Reim an den anderen reiht, ohne auf den Punkt zu kommen.

Verse schreiben hat auch immer was mit Übung zu tun. Meine Schwester hat schon Schnitzelbänke für Geburtstage verfasst, als ich noch keinen grammatikalisch korrekten Satz schreiben konnte, deshalb ist sie zweifellos die Erfahrene von uns. Die anderen Mitglieder versuchen sich hin und wieder auch in der Dichtkunst, überlassen aber grösstenteils uns das Feld. Und sie lernen schön brav auswendig, was wir ihnen vorsetzen.

Der Weg zum Ziel ist bekanntlich nicht immer leicht, aber hat man den fertigen Text dann vor sich, ist das ein ganz kleines bisschen wie sein Kind zum ersten Mal in den Armen zu halten. Man betrachtet es verzückt und fragt sich: Wie haben wir das nur fertiggebracht? Dieses Jahr sind wir besonders stolz auf unseren Schatz und wir freuen uns schon jetzt darauf, die Verse präsentieren zu dürfen.

Darf man das?

Aber über was darf oder soll man überhaupt dichten? Gibt es Tabuthemen oder herrscht an der Fasnacht die so oft beschworene Narrenfreiheit? Soll man moralischen Grundsätzen folgen oder gilt man dann als prüde und verklemmt? Das muss jede Schnitzelbank für sich selbst entscheiden.

Schon bei der Gründung hat der „Clanum“ (auch die männlichen Mitglieder, wie ich hier festhalten möchte), entschieden, dass man auf die sogenannten „Füdliwitze“ zu verzichten. Wenn wir unter die Gürtellinie gehen, dann auf sanfte und vielleicht ein wenig verruchte Art und nicht auf diese hey – ich – hab – jetzt – Penis – gesagt Weise. Wir haben (bzw. hatten, sie hat leider aufgehört) in Langenthal eine fast schon legendäre Gruppe, die dieses Thema genug (und sehr gekonnt) ausgereizt hat. Da müssen wir nicht noch in dieselbe Kerbe schlagen.  

Wir haben uns auch dagegen entschieden, uns über andere Schnitzelbänke lustig zu machen. Unserer Meinung nach sind wir inzwischen so wenige in Langenthal, das wir zueinander Sorge tragen müssen und uns nicht auf Kosten der anderen profilieren sollten (ja, hier spricht auch der verletzte Stolz, wie ich freimütig eingestehe). 

Natürlich macht man sich in einer Schnitzelbank geniesserisch über die Missgeschicke von anderen lustig, ganz nach dem Motto: Schadenfreude ist die schönste Freude. Dennoch gilt für uns: Wenn jemand schon am Boden ist, treten wir nicht nach. Es macht auch viel, viel mehr Spass, über jene herzuziehen, die sonst das ganze Jahr über fest im Sattel sitzen.  

Was wir auch immer im Hinterkopf behalten: Langenthal ist jetzt nicht so gross. Die Wahrscheinlichkeit, dass man jenen Akteuren, über die man eben noch gespottet hat, im Migros oder am  Bahnhof über den Weg läuft, ist relativ hoch. Und wir wollen schliesslich nicht mit faulen Tomaten beworfen werden.

Dennoch das gesteckte Ziel wäre, einmal vom Stadtpräsident persönlich vorgeladen und abgemahnt zu werden, weil die Sprüche zu bissig waren. Vielleicht erreichen wir das ja mal….
Die Dichterinnen stossen auf die Schnitzelbank 2016 an!

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