Montag, 7. Dezember 2015

Über den Dächern von Bern



"Also machen wir es kurz."
"Den Zeitpunkt haben wir längt verpasst." 
Lucky Number Slevin 


Man sollte meinen, dass pro Tag nur eine Person auf die Idee kommt an genau der gleichen Stelle Selbstmord begehen zu wollen. Aber offenbar habe ich mich da getäuscht, denn als ich es endlich geschafft habe, mich mühsam auf das Dach zu ziehen, steht da bereits einer, dazu mit weit ausgebreiteten Armen, als wolle er noch schnell eine Yogaübung durchführen. Natürlich kann es sein, dass der nur die wunderbare Aussicht über Bern geniessen will, aber ich schätze da gibt es bequemere Plätze als das Dach des Bundeshauses.     

In mir steigt ein Gefühl der Frustration auf, vergleichbar mit dem, das an mir nagt, wenn ich irgendwo anstehen muss. Kein Wunder sprechen alle von Überbevölkerung, wenn man sich sogar zum Sterben erst einreihen muss. Verdammt, ich will wenigstens in Ruhe abkratzen können.
Ich hoffe, der Kerl macht wenigstens schnell, wenn er mir schon die Show stiehlt. Weil wenn sich heute Nacht zwei da runterstürzen, werden die Leute denken: Oh, der zweite hatte wohl keine eigenen Ideen und hat sich darum dem erstbesten Selbstmörder angeschlossen.

Sie werden meine Kreativität in Frage stellen. Das finde ich ungerecht, denn ich habe mir die Schlagzeilen schon so schön ausgemalt: Abgewählter Bundesrat bringt sich um! Und darunter würden sie das Bild meiner Leiche drucken. Ich werde ein dramatischer Toter sein (soweit eine Leiche eben dramatisch sein kann). Mit zerschlagenen Gliedern werde ich auf den kalten Steinen liegen, die Augen noch halb geöffnet, ein dekorativer Blutfaden im Mundwinkel. Wie werden sie dann um mich weinen, diese Heuchler und Verräter, wie werden sie es dann bereuen, mich in den Tod getrieben zu haben! Die Haare werden sie sich raufen und jammern, diese fiesen Parlamentarierschweine! Und jeden Morgen werden sie gezwungen sein an dem Blutfleck vorbeizugehen, der einmal ich gewesen bin. Vielleicht wird es ihnen dann Leid tun, dass sie mich ins Unglück getrieben haben.

Allerdings wird es jetzt wohl weniger dramatisch als erhofft, weil da zwei Blutlachen sein werden. Je mehr Tote, desto weniger Mitleid für den Einzelnen. Ein Mainstream – Selbstmord sozusagen.
Weil mich das so ärgert, verschwende ich erst gar keine Zeit damit höflich zu sein. „Hey Arschloch“, brülle ich und es fühlt sich auf einmal richtig befreiend an nach all den Jahren voller diplomatischem Gesülze mal wieder richtig zu fluchen, „du weisst schon, dass das MEIN Platz zum Sterben ist. Er zuckt erschrocken zusammen. Dann dreht er sich langsam um. Nur langsam schälen sich die Züge eines Gesichts aus der Dunkelheit der Nacht und als sie sich endlich zu einem Ganzen zusammensetze, bin ich es der verblüfft zurückweicht.

Denn ich kenne den Typen. Um genau zu sein ist dieses Arschloch – ich fange an, Gefallen an diesem Wort zu finden – der Grund, warum ich meinem traurigen Leben ein Ende setzen will. Er ist vor wenigen Stunden zum Bundesrat gekürt worden. Auf meine Kosten, denn um diesen ach so weltgewandten Möchtegernstaatsmann in das Amt zu hieven, haben mich die Damen und Herren der vereinigten Bundesversammlung abgewählt.

Dass er mir jetzt aber sogar bei meinem Abgang den Platz streitig macht, finde ich die Höhe! Für einen Moment bin ich versucht mich auf ihn zu stürzen und ihn höchstpersönlich in die Tiefe zu werfen (ich sage das hier ganz offen, da meine politische Karriere beendet ist, brauch ich mich nicht mehr darum zu bemühen ein moralisches Vorbild zu sein). Ja, es juckt mich in den Fingern ihn umzubringen und ich habe auch verdammt viel Grund dazu. Meine Arbeit – mein Amt, meine Berufung – ist mein Leben. Und da taucht dieser geschniegelte Lackaffe auf und nimmt mir mit einem lässigen Fingerschnippen alles weg. Es gibt Menschen, die töten aus weitaus weniger stichhaltigen Gründen.

Dann dämmert es mir: Der Kerl ist entweder dabei seine ganz persönliche Wahlparty zu schmeissen – vielleicht will er „ich bin der König der Schweiz“ in die Nacht brüllen – oder, und das ist die wahrscheinlichere Variante, er hat dasselbe vor wie ich. Also ist es wohl überflüssig ihn hinunterzustossen.

Das nenne ich mal eine Ironie. Der abgewählte und der neugewählte Bundesrat stürzen sich gemeinsam in den Tod. Auf eine morbide Art und Weise freut mich das. Das wird mir noch mehr mediale Aufmerksamkeit bescheren. Als Duo sind wir bestimmt wochenlang in den Schlagzeilen.
Allerdings habe ich eigentlich nicht geplant, die letzten Momente meines Lebens ausgerechnet mit meinem ärgsten Konkurrenten zu verbringen. Deshalb kehrt die alte Wut wieder zurück. „Müssen Sie mir eigentlich alles nachmachen?“, blaffe ich ihn unwirsch an.

Ich erwarte eine bissige, wütende Antwort und mache mich innerlich auf ein Wortgefecht gefasst. Ich lechze förmlich danach. Wenn ich etwas gut kann, dann ist es streiten. Nicht schreien, wohlgemerkt, denn wer anfängt rumzubrüllen, beweist nur, dass er eigentlich nichts mehr zu sagen hat und das mit übermässiger Lautstärke kaschiert. Es zeugt von viel mehr Stil, wenn man sich die Erläuterungen des Gegners anhört, dessen Argumente sorgsam in Einzelteile zerpflückt, um am Ende das Selbstbewusstsein des anderen mit einem riesigen Schuss überlegenem Sarkasmus vernichten.

Es macht allerdings überhaupt keinen Spass wenn der Kontrahent einfach in Tränen ausbricht.
„Verzeihung, ich.. ich wollte nicht, dass es so kommt“, schluchzt er und dieses kindliche, laute Weinen bringt mich auf die Palme. Wenn hier irgendjemand Grund hat zu weinen, bin das wohl ich. Er ist der Sieger, ich der Verlierer. Warum heult er denn bitte schön rum?

„Was wollten Sie nicht? Hier raufklettern? Ist es Ihnen quasi versehentlich passiert? Für das haben Sie es aber ziemlich gut hingekriegt.“ Oh ja, das mit dem Sarkasmus habe ich einfach drauf. Und dabei laufe ich mich gerade erst warm.

Nur leider ist mein bissiger Spott hier völlig verschwendet. Statt endlich zurückzuschlagen sinkt er in sich zusammen wie eine Marionette, deren Stränge man durchgeschnitten hat. Er setzt sich einfach auf das Dach, zieht die Knie an und schlingt die Arme um sich, als wolle er einen Kokon um sich errichten. „Ich wollte nicht Bundesrat werden. Wirklich nicht.“

Wie überraschend geschickt von ihm. Das Opfer spielen, den Gegner einlullen und dann zuschlagen. Ich meine, wer will denn bitteschön nicht Bundesrat werden? Es ist der Höhepunkt einer politischen Karriere, es bedeutet  Ruhm, es bedeutet Anerkennung und es bedeutet alles erreicht zu haben, was es zu erreichen gibt. Ein Bundesrat ist zwar nicht gerade der amerikanische Präsident, dafür kann man Tram fahren ohne in Gefahr zu laufen von einem verrückten Attentäter erschossen zu werden.

Also falle ich gar nicht erst auf diese hinterlistige Maschine rein. „Natürlich. Sie wollten niemals Bundesrat werden, sondern haben sich eine Zukunft als flauschiges, rosa Einhorn gewünscht. Eigentlich ist es mir scheissegal was sie wollten oder nicht wollten. Ich will jetzt auf jeden Fall hier runterspringen, also wäre es super nett, wenn Sie etwas zur Seite rücken könnten!“

Er sieht mich mit grossen Augen an. „Gärtner.“

Was soll denn das jetzt? Hat er einen Schlaganfall und brabbelt einfach wahllos Wörter vor sich hin? „Wie bitte?“, frage ich reflexartig.

„Ich wollte Gärtner werden. Als Kind. Ich fand den Gedanken schön, etwas wachsen lassen zu können. Dinge zum Blühen bringen zu können.“

Meine Güte, was ist dann das für ein kitschiger Mist? Was habe ich nur getan um mir in den letzten Minuten meines Daseins so einen Scheissdreck anhören zu müssen? „Eine  bezaubernde Geschichte. Und dann? Wurden Sie von Ihrem Vater gezwungen in die Politik zu gehen und Karriere zu machen?“

Seine dunklen Augen blicken so wehmütig, dass er mich an einen Dackel erinnert. Es ist geradezu lächerlich sich diesen melancholischen, fast schon scheuen Mann als Bundesrat vorzustellen. Wenn der einmal Putin die Hand schütteln muss, bricht der doch zusammen. „Ich bin da einfach reingerutscht. In alles. Die Politik, das Parlament, jetzt noch Bundesrat.“

„Und da wollten Sie sinnigerweise zum Abschluss das Dach hinunterrutschen.“

Zu meiner Überraschung lacht er. „Ich habe Ihre Schlagfertigkeit schon immer bewundert.“

„Ich würde Ihnen ja gerne auch ein Kompliment machen, aber ehrlich gesagt habe ich Sie bis heute gar nie wahrgenommen.“ Das mag herzlos klingen, allerdings sehe ich nicht ein, wieso ich höflich zu jemanden sein soll, der ohnehin vor hat von einem Dach zu springen.

„Ich kann verstehen, dass Sie wütend sind.“

„Wütend ist ein bisschen untertrieben. Sie haben mein Leben ruiniert. Aber machen Sie sich nichts draus, es dauert ohnehin nicht mehr lange.“

Das finde ich grandiose letzte Worte. Überhaupt finde ich den Moment jetzt sehr passend. Sternenlicht, mein Erzfeind als Zuschauer. Ein grossartiger Abgang. Shakespeare hätte das nicht besser schreiben können. Als wende ich mich von der erbärmlichen Gestalt, die sich frisch gewählter Bundesrat schimpft, brüsk ab und sehe stattdessen in den Abgrund, der sich vor mir auftut. Es ist ganz leicht. Ein Schritt und es ist vorbei. 

Doch bevor ich mich in die Nacht fallen lassen kann, zieht mich eine Hand jäh zurück.

„Was soll das?“, fauche ich erzürnt, „können Sie mich nicht wenigstens in Frieden sterben lassen?“
Er geht nicht darauf ein. „Wieso wollen Sie das tun?“, fragt er stattdessen.

„Ach, ich weiss nicht. Mir war gerade langweilig und da sah ich das Bundeshaus und fand: Hey, wieso stürze ich mich zur Feier des Tages nicht einmal kurz  vom Dach?“
Wieder dieses feine Lachen. „Ich mag Ihren Humor.“

„Ihr Humor ist aber auch nicht schlecht, wenn Sie mich fragen, wieso ich runterspringen will“, knurre ich, lasse mich aber widerwillig neben ihm auf die Dachziegel sinken. Jetzt habe ich mich schon so lange aufhalten lassen, auf ein paar Minuten mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an.

„Sie wollen sich doch nicht etwa umbringen, nur weil Sie als Bundesrat nicht bestätigt wurden?“

Ich äffe seinen vorwurfsvollen Tonfall nach. „Und Sie wollen sich doch nicht etwa umbringen nur weil Sie Bundesrat geworden sind?“

„Ich habe es ernst gemeint, als ich sagte, ich hätte das nie gewollt. Mir wurden die Ämter förmlich nachgeworfen. Ich sei so freundlich, so liebenswürdig, so klug. Über die Parteigrenzen hinweg wählbar. Und ich, ich wollte niemanden enttäuschen. Alles richtig machen. Verantwortung übernehmen. Dinge bewegen.“

Er klingt traurig und resigniert. Erschöpft. Nicht ungewöhnlich bei Politikern, allerdings ungewöhnlich bei jungen, erfolgreichen Politikern. Und überhaupt, wie paradox ist denn das? Der eine will und darf nicht, der andere darf und will nicht. Eine seltsame Laune des Schicksals.

„Man kann so eine Wahl auch ablehnen. Vorausgesetzt man hat Eier in der Hose“, füge ich spitz hinzu.

Da wird er zum ersten Mal laut. „Oh ja, Sie glauben gar nicht, wie oft ich mir das anhören musste. Du bist zu nett, du bist zu weich, du bist zu angepasst. Du brauchst mehr Biss. Mehr Profil. Als könnte man sich solche Dinge im Onlineshop bestellen.“

„Nein, aber solche Dinge kann man lernen.“

„Ich will es nicht lernen“, sagt er und in seiner Heftigkeit wirkt er auf einmal leidenschaftlich, „ich will nicht Ecken und Kanten haben. Ich will ich sein.“

Ich hebe eine Augenbraue. „Also korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber eigentlich wollen Sie auch nicht mehr sich sein. Sie wollen gar nicht mehr sein. Ausserdem haben Sie die Frage noch immer nicht beantwortet: Sie hätten die Wahl ablehnen können. Dann ständen wir jetzt möglicherweise nicht da oben.“

Er sieht mich an, als hätte ich ihm vorgeschlagen, sich in ein Meerschweinchen zu verwandeln. „Ich konnte doch nicht. Die Partei…ich konnte sie nicht verraten. Ich durfte sie nicht verraten. All diese Leute: Sie haben mich gross gemacht. Sie haben mich gefördert. Ich bin es ihnen doch schuldig! Sie wären enttäuscht, sie würden sich von mir abwenden…“ Er schlingt den Arm um seine Körpermitte, als bereite ihm allein der Gedanke furchtbare Bauchschmerzen. Unwillkürlich rutsche ich näher zu ihm und tätschle tröstend sein Knie. Grosser Gott, dieses zu gross geratene Kind tut mir tatsächlich leid.

„Und was genau ist so schlimm daran Bundesrat zu werden? Man überlebt es. Ich bin der Beweis dafür“, bemerke ich trocken.

Jetzt ist er es, der spöttisch die Augenbraue hebt. „Lange werden Sie es nicht mehr überleben.“

Autsch. Punkt für ihn. „Ich bin nicht mehr Bundesrat.“

„Doch. Sie sind es so sehr und mit ganzem Herzen, das Sie ohne dieses Amt nicht mehr leben können. Es hat Sie vereinnahmt. Und jetzt hat man es Ihnen weggenommen und Sie haben nichts mehr. Das würde mir blühen. Ich wäre in vier Jahren ein gebrochener, desillusionierter Mann und würde genau an derselben Stelle stehen wie jetzt. Ich kürze es lediglich ab.“

Mir wird bewusst, dass ich ihn anfange zu mögen. Er ist ein Waschlappen, aber zugegeben ein netter Waschlappen, der noch was im Kopf hat. Vielleicht kann ich sogar ein bisschen nachvollziehen, wieso das Parlament ihn gewählt hat. Gut, sie haben einen selbstmordgefährdeten, unsicheren Weltverbesserer gewählt. Aber er ist nett. „Ich denke, Sie sollten es nicht tun. Denken Sie Ihre Parteikollegen sind nicht von Ihnen enttäuscht, wenn sie morgen Ihre sterblichen Überreste vom Boden kratzen können? Sie stehlen sich aus der Verantwortung, aber nicht nur aus der Verantwortung gegenüber dem Land, sondern vor allem der Verantwortung sich selbst gegenüber.“

Wenn ich will, kann ich sehr gewinnend reden. Er ist jedoch noch nicht gänzlich überzeugt. „Ich habe Angst. Vor dem was kommt.“

„Und vor dem Tod haben Sie keine Angst?“

„Das habe ich ja bald hinter mir. Besser als jeden Tag ein Stückchen mehr Angst zu bekommen.“
Darauf weiss ich nichts recht zu sagen, abgesehen davon ist es lächerlich, wenn ausgerechnet ich versuche ihm Selbstmordgedanken auszureden, so nach dem Motto: Also ich will mich umbringen, aber du solltest es besser nicht tun. Das ist wie wenn ein Vegetarier dem anderen erklärt, er solle doch wieder Fleisch essen.

So bleiben wir schliesslich still nebeneinander sitzen. Es ist sogar beruhigend dem Atem des anderen zu lauschen und seine Wärme zu spüren. Über uns spannt sich der wunderbare Sternenhimmel, während unter uns die Lichter von Bern mit ihnen um die Wette eifern. Es ist ein schöner Anblick. Eine tolle Aussicht hier oben. Ob wir die Ersten sind, die hier raufgeklettert sind? Nichts sät so viel Drama wie Staatspolitik. Wohlmöglich sind schon ein paar Politiker vor uns auf diese Idee gekommen. Ohne sie umzusetzen natürlich.

Als der Himmel sich langsam rosa färbt, durchbreche ich die friedvolle Stille, die sich über uns gelegt hat. „Also. Tun wir es? Zusammen? Wir werden in die Geschichtsbücher eingehen.“

Er holt tief Luft. „Also, machen wir es kurz.“

Ich grinse schief. „Ich schätze, den Zeitpunkt haben wir längst verpasst.“

Zum zweiten Mal innerhalb einer kurzen Zeitspanne stelle ich mich an den Rand des Daches, diesmal mit ihm an der Seite. Wieder zieht er am meinem Ärmel, diesmal aber nicht um mich aufzuhalten. „Ich finde, wir sollten uns duzen. Es ist seltsam mit jemanden in den Tod zu springen, den man siezt.“

Ein bisschen eine an der Klatsche hat er ja schon. „Wenn es Ihnen…Ich meine, wenn es dir wichtig ist. Duzen wir uns eben.“

„Gut. Ich bin froh, dass ich nicht allein bin.“

Die Häuser von Bern erglühen wie Rubine im Morgenrot, während sich die Strassen langsam mit Leben füllen. So viele Menschen, die einfach mit ihrem Leben weitermachen, unberührt von der Tragödie, die sich über ihren Köpfen abspielt. So viele Menschen, von denen die meisten keine grosse Macht besitzen, dafür aber eine Familie und Freunde haben, die sie lieben. Vielleicht haben sie sogar einen Job, der sie ausfüllt. Auf jeden Fall leben sie, atmen sie, lachen sie, fühlen sie.

Genau wie ich.

Es ist seltsam zu sehen, wie die Stadt erwacht. In der Nacht ist es so still und einsam gewesen. Einfach sich unter dem dunklen Himmel davonzustehlen, schwierig, es in der gleissenden Sonne zu tun, wenn die Stadt vor Leben vibriert. Ich habe mein Amt geliebt. Ich liebe es immer noch. Aber zum ersten Mal seit der grauenvollen Abwahl wird mir klar, dass ich auch ohne diese Aufgabe atmen kann. Und dass ich atmen will.

Ich bin nicht der Einzige, der zu dieser Erkenntnis gekommen ist. „Wir tun es nicht, oder?“, fragt er und klingt erschüttert und enttäuscht zugleich.

„Nein“, erwidere ich.

Mir ist klar, wir werden diesen Entschluss vielleicht später bereuen. Bald werden sie wiederkommen, meine Wut, meine Verzweiflung, mein ratloses Fragen nach dem Warum, die Suche nach einem neuen Sinn in meinen Leben. Bald werden sie an seine Tür klopfen, seine Versagensängste, die Furcht vor der Zukunft, das krampfhafte Bemühen sich selbst zu bleiben, während alle an einem zerren.

Aber jetzt, in diesem Moment blicken wir schweigend über die vergoldeten Dächer von Bern und der strahlende Morgen vertreibt die schweren Schwingen der Nacht. Nicht für immer. Manchmal reicht eben einfach nur das jetzt.


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