Montag, 21. Dezember 2015

Als die Maria mit dem Josef...



„Wusa! Wuuuusaaaa... Wuuuuusaaaaaa.“

Bad Boys 2


***
Leise rieselt der Schnee,
Still und starr ruht der See,
Weihnachtlich glänzt der Wald!
Freue dich, Christkind kommt bald!
***

Georg Minder legte nicht nur Wert auf einen religiösen, sondern auch auf einen ganz und gar gesunden Lebensstil. Dazu gehörte neben einer ausgewogenen Ernährung mit viel Gemüse und Obstsaft, auch eine gewisse sportliche Betätigung. Weil es ihm peinlich war in ein Fitnesscenter zu gehen und er das Joggen ebenso verabscheute wie das Schwimmen, hatte er sich angewöhnt seine Wege stets mit dem Fahrrad zurückzulegen.

Da er ein prinzipientreuer Mensch war, schwang er sich auch an diesem eiskalten Novembertag auf seinen Drahtesel und radelte Richtung Kirche. Allerdings bereute er seine Entscheidung. In seiner Hast rechtzeitig zum Unterricht zu kommen, hatte er vergessen seine Handschuhe einzupacken und seine Finger fühlten sich nach wenigen Minuten an wie Eiszapfen. Der kalte Wind blies ihm hart ins Gesicht, das langsam taub wurde und er bezweifelte ernsthaft, dass er seinen Hintern jemals wieder vom Sattel kriegen würde, so festgefroren fühlte er sich an.

Als er die Kirche erreichte, war er nicht nur durchgefroren, sondern auch völlig ausser Atem. Hastig schwang er sich von seinem Gefährt und schloss es ab Dummerweise bemerkte er nicht, wie sein Schal sich dabei im Rad verfing und als er mit seiner Tasche unter dem Arm davonhasten wollte, riss ihn das Wolltuch mit einem schmerzhaften Ruck zurück.

Georg Minder fluchte fast nie, aber das war so ein Moment, in dem es ihm schwerfiel sich an seine eigenen eisernen Grundsätze zu halten. „Herr, heute bist du wohl echt sauer auf mich“, murmelte er stattdessen entnervt und zerrte hektisch an dem Schal. Es war sein Lieblingsschal, den ihm seine Oma gestrickt hatte und ihm blutete das Herz, als er sah, wie sich die Wolle langsam aufscheuerte.

„Wenn das nicht mein Lieblingsreligionslehrer ist!“, dröhnte da eine Stimme hinter ihm. Erschrocken fuhr Georg herum, wobei sich der Schal noch enger um seinen Hals wickelte und ihm die Luft abschnürte. Hinter ihm stand ein wahrer Hüne von Mann, den man bei flüchtiger Betrachtung durchaus für einen Yeti hätte halten können, von dem Georg aber nur zu gut wusste, dass es der Pfarrer Balthasar Gutkind war, der nicht nur die Statur, sondern auch die Kraft eines Bären hatte.

„Herr Pfarrer“, röchelte Georg, während er verzweifelt versuchte, den Schal von seinem Hals zu zerren, „was verschafft mir diese Ehre?“

Eigentlich sah Georg seinen Chef nicht besonders oft, denn weil katholische Pfarrherren inzwischen fast so selten geworden waren wie rosafarbene Einhörner im Wald, mussten sich diese inzwischen um mehrere Gemeinden kümmern, weshalb Gutkind mehr Zeit im Auto verbrachte als auf der Kanzel.

Und wenn sie sich sahen, blieb es meist bei einem oberflächlichen Gespräch oder einem kurzen Winken. Georg hatte zudem eine zwiespältige Meinung zu Gutkind, seit dieser bei der Weihnachtsfeier vor zwei Jahren dem Glühwein dermassen eifrig zugesprochen hatte, dass er am Ende katzfalsch „O du Fröhliche“ gegrölt hatte – begleitet von einem ebenso betrunkenen Kirchenchor. Das schickte sich nach der Meinung von Georg einfach nicht für einen Pfarrer.

Gutkind liess erneut sein lautes Lachen hören. „Brauche ich denn einen Grund um mit einem geschätzten Mitarbeiter zu reden?“

Dein geschätzter Mitarbeiter ist gerade kurz davor zu ersticken, dachte Georg bissig, der noch immer mit seinem Schal kämpfte. „Nein, aber meistens gibt es einen.“

Gutkind strich sich über den Bart, der seine frappante Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann noch betonte. „Nun ja…Wenn Sie mich so direkt fragen…ich hätte da schon eine Kleinigkeit mit Ihnen zu besprechen.“

Wenn er gekonnt hätte, hätte Georg ein triumphierendes „HA!“ ausgestossen, doch da er sich inzwischen rettungslos in seinem Schal verwickelt hatte, brachte er nur ein ersticktes Japsen heraus, das jedoch von Gutkind geflissentlich ignoriert wurde.

„Es geht um unsere alljährliche Weihnachtsfeier…“

Georg war inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem er ernsthaft bezweifelte, nächstes Weihnachten überhaupt noch zu erleben. Er lief allmählich blau an und schnappte zunehmend panischer nach Luft.

„Dieses Jahr sollte sie etwas ganz Besonderes werden. Wissen Sie, unser Bundespräsident hat sich angemeldet und…Um Himmels Willen, geht es Ihnen gut?“ Endlich war auch Gutkind aufgefallen, das mit seinem Religionslehrer irgendetwas nicht stimmte und er musterte Georg ernsthaft besorgt. Dieser deutete mit hektischen Gesten auf den Schal und seine inzwischen zweifellos tiefblauen Lippen.

Eines musste man Gutkind lassen: Erkannte er das Problem, handelte er sehr schnell. So auch diesmal. Er packte Georg an den Schultern und zog ihn beherzt nach vorne. Der vermaledeite Schal löste sich endlich, allerdings stolperte Georg, seinem Halt so rüde beraubt, nach vorne und landete in den Armen des Priesters.

Das war Georg so peinlich, dass seine Gesichtsfarbe schlagartig von Blau zu Rot wechselte. Wenn ihn jetzt jemand sah, wie er da in der Umarmung von Gutkind lag, ganz wie eine Jungfrau in Nöten! Das konnte leicht böse Gerüchte geben.

Der Pfarrer selbst schien jedoch keineswegs unangenehm berührt zu sein. Er lachte nur und stellte Georg dann wieder auf seine Füsse. „Da habe ich Ihnen wohl gerade das Leben gerettet!“, behauptete er grossspurig und schlug Georg so hart auf den Rücken, dass dieser gleich wieder in die Knie sank.

„Da bin ich Ihnen wohl was schuldig.“ Georg rieb sich den wunden Hals. Die traurigen Reste seines Schals hingen wehmütig in den Radspeichen. Wie sollte er dieses Desaster nur Oma erklären?

„Das trifft sich gut, denn ich muss Sie tatsächlich um einen winzigen Gefallen bitten!“

Georg erstarrte. Das klang gar nicht gut. Das letzte Mal als Gutkind ihn um einen winzigen Gefallen gebeten hatte, hatte er sich bei gefühlten dreissig Grad minus auf den Kirchendach wiedergefunden und verzweifelt versucht eine Fahne zu montieren, während Gutkind ihm von unten Befehle zugebrüllt hatte. „Der da wäre?“

„Naja“, sagte Gutkind gedehnt, „wie ich Ihnen schon vorher zu erklären versucht habe: Bei unserer diesjährigen Weihnachtsfeier haben wir hohen Besuch. Der Bundespräsident hat sich angekündigt und in Konsequenz davon kommt natürlich auch der gesamte Gemeinderat…“

„Ich bin sicher, der Kirchenchor übernimmt auch dieses Jahr gerne wieder die Gestaltung. Letztes Jahr haben sie doch diese wundervolle Interpretation von Jingle Bells gebracht, wirklich ganz reizend!“

Gutkind winkte ab. „Unser Kirchenchor ist grosse klasse, keine Frage. Allerdings hat mir der Dirigent letzthin erklärt, wenn er noch einmal Weihnachtslieder und insbesondere Jingle Bells einstudieren muss, besorgt er sich eine Axt und zerhackt uns das ganze Kirchenschiff.“

Eine so raue Gewaltäusserung liess Georg erst einmal schlucken. Marcel Würzer, der Chorleiter war schon immer ein besonderer Typ gewesen, aber dass er jetzt derart wilde Drohungen ausstiess war wirklich äusserst schockierend! Mit dieser Gemeinde ging es wirklich bergab.  „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er diese Ankündigung wahrmachen würde.“

„Das glaube ich auch nicht. Mit diesen dünnen Ärmchen könnte der Würzer die Axt ja nicht einmal heben. Aber ich habe mir ohnehin keinen Chorauftritt vorgestellt. Ich möchte, dass sich unsere Kirchenjugend engagiert. Bei einem Krippenspiel. Und ich denke, niemand wäre dafür besser geeignet als Ihre Religionsklasse!“

Gutkind hatte gegen Ende immer schneller gesprochen, so dass Georg erst Mühe hatte die einzelnen Worte zu verstehen und dann auch noch einen Sinn daraus zu entnehmen. Doch dann schaltete er. Und als der Groschen fiel, fiel ihm parallel dazu auch die Kinnlade runter. „Aber…Sie meinen doch nicht…Sie wollen, dass MEINE Klasse, eine Horde Fünfzehnjähriger, ein KRIPPENSPIEL aufführt?“ 

Gutkind grinste inzwischen wie ein Honigkuchenpferd. „Ich wusste, ich kann mich auf Sie verlassen!“

„Herr Pfarrer, ich halte das wirklich für eine ausgesprochen schlechte Idee! Ich bin froh, wenn ich diese Plagegeister durch die Firmung kriege, ohne dass einer von ihnen das Altartuch in Brand steckt! Das wird eine Katastrophe, eine absolute Katastrophe…“

Gutkind plapperte unbeirrt weiter, als hätte er Georg gar nicht gehört. „Das ist die Gelegenheit für die katholische Kirche positive Werbung zu machen! Sonst hören die Leute ja immer nur von diesen schrecklichen Hexenverbrennungen…“

„Das wäre doch was“, warf Georg ein und in seine Augen trat ein irres Funkeln, „was ist denn gegen eine schöne Hexenverbrennung einzuwenden?“

Auch über diesen mehr als radikalen Vorschlag sah Gutkind einfach hinweg. „Wir präsentieren uns mit dieser Darbietung auch dem Gemeinderat als jung, frisch und modern! Ich bin Ihnen ja so dankbar, dass Sie diese anspruchsvolle Aufgabe übernehmen! Sie und die lieben Kinder werden das wunderbar machen. Alles andere besprechen wir zu einem späteren Zeitpunkt, ja? Ich muss jetzt nämlich dringend zu einem weiteren Termin!“

Fröhlich winkend zog Gutkind von dannen, einen völlig konfusen Georg zurücklassend, der sich verzweifelt zu erinnern versuchte, wann genau er im Laufe dieser wirren Unterhaltung „Ja“ zu dieser Schnapsidee gesagt hatte.
***
Süsser die Glocken nie klingen,
Als zu der Weihnachtszeit,
Ist als ob Engelein singen,
Wieder von Frieden und Freud!

***

Die Reaktion der „lieben Kinder“ fiel genauso aus wie Georg es erwartet hatte. Auf seine mehr oder weniger euphorische Ankündigung, dass sie die nächsten Lektionen damit verbringen würden ein Krippenspiel einzustudieren, herrschte verblüfftes Schweigen. Dann frage Ella: „Was ist denn ein Krippenspiel?“

„Wir spielen die Weihnachtsgeschichte nach! Das ist wie ein Theaterstück!“, verkündete Georg und versuchte angestrengt, so etwas wie Freude in seine Stimme zu legen. Wenn er sich motiviert gab, konnte er vielleicht auch seinen Schützlingen  Begeisterung abringen.

„Kommt denn da auch die Presse?“, wollte Lisa wissen. Sie war ein ausserordentlich hübsches Mädchen mit einem sehr ausgeprägten Selbstbewusstsein und breitete sich auf eine grosse Karriere als Künstlerin vor, wobei sie sich immer noch nicht ganz entschieden hatte ob sie sich jetzt aufs Singen, Theaterspielen oder Tanzen festlegen wollte.

„Naja, wahrscheinlich die Lokalpresse aber…“

„Dann will ich die Hauptrolle!“, erklärte Lisa sofort.

Niklas, ein eigentlich ganz gescheiter aber unglaublich vorlauter Junge, prustete los. „DU willst den Weihnachtsmann spielen? Da musst du aber ganz schön Fett anfressen!“

„Der Weihnachtsmann kommt in den Stück gar nicht vor.“

Seine Schüler starrten Georg völlig entgeistert an, als hätte dieser gerade erklärt, man stelle dieses Jahr Palmen statt Tannenbäume in die Kirche. „Wie? Der Weihnachtsmann kommt gar nicht vor? Was ist denn das für eine Scheisse?“, verlangte Anton zu wissen.

Georg unterrichtete Anton schon fast ein halbes Jahr und er hatte noch nie erlebt, dass dieser einen Satz aussprach ohne mindestens ein unanständiges Wort auszusprechen. „Der Weihnachtsmann hat nichts mit der überlieferten Weihnachtsgeschichte zu tun. Ihr werdet doch wohl den Grund kennen, wieso wir jedes Jahr Weihnachten feiern?“

Er hätte diese Frage nicht stellen sollen.

„Weil’s geile Geschenke gibt“, antwortete Anton unverblümt.

„Damit die Konsumgesellschaft voll auf ihre Kosten kommt und sich gegenseitig mit nutzlosen, kapitalistischen Krempel beschenken kann!“, regte sich Josh auf, der ein glühender Kommunist war und Georgs Theorie bestätigte, dass die jüngsten Sozialisten immer auch die schlimmsten waren.

Lediglich Ella bemühte sich um eine halbwegs religiöse Begründung. „Ist da nicht Jesus aus dem Grab gekrochen oder so?“

„Ihhh, ist ja eklig!“, quietschte Lisa, „dann ist Jesus also so eine Art Vampir?“

Womit hatte er das nur verdient? So viel Ignoranz gegenüber der heiligen Bibel tat ja fast schon körperlich weh. „Nein, Ella, das was du da erzählst ist die Ostergeschichte. Und Jesus ist nicht aus dem Grab gekrochen, wie du das so salopp ausdrückst, er ist auferstanden von den Toten. An Weihnachten ist Christus geboren.“

„Und wer ist jetzt dieser Christus?“, wollte Niklas wissen.

Georg musste sich die Fingernägel in die Handfläche bohren um nicht zu schreien. Er durfte die lieben Kinderlein nicht anschreien. Mit Geduld kam man ja bekanntlich weiter, als mit blosser Gewalt. „Jesus ist Christus. Und er wurde an Weihnachten geboren.“

„Da hat er ja voll die Arschkarte gezogen“, fand Anton mitleidig.

„Wieso?“

„Na, da bekommt er doch nur einmal Geschenke!“

Sie rafften es nicht, sie rafften es einfach nicht! Und so etwas wurde in ein paar Monaten in die heilige katholische Gemeinschaft aufgenommen. „Also am besten erzähle ich euch die Geschichte von ganz vorne, da hier doch noch einige Lücken zu schliessen sind.“ Er stellte sich an die Tafel und zeichnete mit einigen schnellen Strichen die Umrisse eine Frau. „Vor langer, langer Zeit lebte eine junge Frau namens Maria, die war mit einem Mann namens Josef verlobt. Da erschien ihr eines Tages ein Engel“, er zeichnete mit schnellen Strichen eine Figur mit Flügeln, „der ihr verkündete, sie trage das Kind Gottes unter den Herzen.“

„Moment, die Tusse hat ihren Macker betrogen und sich ein Kind machen lassen?“ Anton klang aufrichtig empört.

Georg räusperte sich vernehmlich. „Also erstens ist Maria keine Tusse und Josef kein Macker. Und zweitens: Nein, sie hat ihn eben nicht betrogen. Sie war von Gott auserwählt worden, die Mutter von Jesus Christus zu sein.“

„Na, das hätte ich an ihrer Stelle auch behauptet“, bemerkte Ella spitz.

„Manche haben eben noch nichts von Verhütung gehört“, fügte Josh weise hinzu.
Ich wünschte eure Eltern hätten etwas von Verhütung gehört, dachte Georg bissig und war sogleich schockiert über seine boshaften Gedanken. „Darum geht es doch gar nicht! Ihr dürft das nicht so eng sehen. Also, Maria war auf jeden Fall schwanger, als von Kaiser Augustus der Befehl ausging, dass jeder Mann und jede Frau sich in der Heimatstadt einzutragen hatte…“

„Wieso denn das?“, wollte Niklas wissen und klang ehrlich interessiert.

Georg freute sich über die erste sinnvolle Frage. „Er wollte wissen, viele Menschen in seinem Reich lebten.“

„Da hätte er auch einfach eine Facebookgruppe gründen können“, meinte Lisa neunmalklug.

„Du wirst es nicht glauben, aber damals gab es noch kein Facebook. Und auch keinen Computer oder Fernseher.“

„Wie?“, staunte Niklas, „so lange ist das schon her?“

Georg schloss die Augen und zählte langsam bis drei. „Ja, es ist wirklich schon SEHR lange her. Weil Josefs Heimatstadt Bethlehem war, musste er mit seiner hochschwangeren Braut eine lange Reise unternehmen und als die beiden angekommen waren, war für Maria die Zeit der Niederkunft gekommen.“

„Was ist denn Niederkunft? Klingt irgendwie anstrengend“, befand Josh.

Ella verdrehte die Augen. „Gott, bist du doof. Sie hatte Wehen. Das Baby kam.“

Lisa klatschte entzückt in die Hände. „Oh, das ist ja wie bei Greys Anatomy! Da bekam die eine Ärztin ihre Wehen beim Operieren und das war sehr dramatisch, weil sie konnte ja nicht einfach aufhören, sonst wäre der Patient verblutet und die Wehen wurden immer stärker und…“

Anton unterbrach diese dramatische Story mit seinem üblichen Feingefühl. „Boah, die Kleine hatte da also voll die Schmerzen und so? Was geschah dann? Sind dann die Bodyguards von Gott gekommen und haben sie mit einem gepanzerten Auto in das nächste Spital gekarrt?“

Niklas tippte sich an die Stirn. „Du spinnst wohl. Gott hat doch keine Bodyguards und wenn es damals noch kein Facebook und nicht einmal einen Fernseher gab, gab es bestimmt auch keine gepanzerten Autos. Wahrscheinlich nicht einmal ein Krankenhaus! Nein, wahrscheinlich hat Josef dann einfach seinen Mann gestanden und dem Kind auf die Welt geholfen, was sehr edel war, bedenkt man, dass es nicht einmal seines war!“

Nun zumindest fingen die Schüler Feuer für die Geschichte. „Nichts von allen passierte. Josef suchte eine Herberge, doch überall wo er anklopfte wurde er weggeschickt.“

„Kapitalistenschweine“, entfuhr es Josh.

„Schliesslich fanden sie Platz in einem Stall. Maria gebar ihr Kind und sie betteten es in Stroh. Und die Hirten kamen ihren neuen Herrn besuchen, ebenso wie drei Weise aus dem Morgenland und sie alle freuten sich, denn ihr Heiland war geboren.“

Zum ersten Mal wurde es still im Klassenzimmer. Georg konnte es kaum glauben. Es war ihm tatsächlich gelungen, seinen Schüler eine Spur von Demut gegenüber der Weihnachtsgeschichte zu vermitteln. Sie wirkten auf jeden Fall alle ganz gerührt. Es sind eben doch liebe Kinder, dachte Georg, man muss sie nur ein wenig anleiten. Vielleicht war er zu negativ an die Sache rangegangen. Sie würde ein wunderbares Stück aufführen, das beste und schönste Krippenspiel, das der Gemeinderat und der Bundespräsident je gesehen hatten. Es würde wunderbar werden.

Da räusperte sich Ella. „Und was hatte jetzt genau der Weihnachtsmann damit zu tun?“

„Na, der brachte Jesus doch die Geschenke in den Stall. Durch den Kamin!“, antwortete Niklas.
Georg liess den Kopf gegen die Tafel knallen. Wem machte er etwas vor. Es würde eine Katastrophe werden!
***
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie treu sind deine Blätter!
Du grünst nicht nur zur Sommerzeit,
nein, auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie treu sind deine Blätter!
***
„Nein, nein und nochmals nein!“ Maria aka Lisa, verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. Sie war wirklich wie geschaffen für diese Rolle mit ihren rehbraunen, ausdrucksvolle Augen und dem Engelsgesichtchen. Ganz die grosse Schauspielerin konnte sie auch ihren Text perfekt und spielte Maria mit einer Hingabe, die ihresgleichen suchte. Allerdings zeigte sie leider nicht nur das Können, sondern auch das Benehmen einer Diva. Schon das Aussuchen des Kostüms war eine wahre Nervenprobe für alle Beteiligten gewesen. Jetzt weigerte sich Lisa, sich ein Kissen um den Bauch zu schnallen mit der Begründung, sie sehe damit dick aus.

Georg massierte sich die Nasenwurzel, genau dort, wo ihn seit Tagen ein konstanter Kopfschmerz quälte. „Lisa, du spielst eine Schwangere. Du musst ein weniger runder wirken.“ Und nicht wie eine magere Ziege, fügte er in Gedanken hinzu.

„Sie haben gesagt, es sei mehr eine Art spirituelle Schwangerschaft gewesen“, widersprach Lisa heftig, „und die Marienfigur in der Krippe ist auch rank und schlank.“

Diese Maria hat ja auch schon geboren. Du stehst kurz vor der Niederkunft und das müssen die Zuschauer sehen!“

„Wieso? Die kennen ja die Geschichte!“

Georg öffnete schon den Mund um ihr klarzumachen, dass gerade sie der beste Beweis dafür war, dass eben nicht jeder die Weihnachtsgeschichte kannte, da wurde ihre Diskussion von einem spitzen Schrei unterbrochen: „Nein, DAS werde ich ganz bestimmt nicht tun!“

Ella, in einem wahrhaft zauberhaften Engelsgewand starrte entsetzt auf das Fluggeschirr in ihren Händen Um dem Krippenspiel mehr Pepp zu verleihen, hatte Georg sich nämlich dazu entschieden, seinen Engel von der Decke hinabschweben zu lassen. Da der Text bei den meisten mehr schlecht als recht sass, die schauspielerischen Künste ebenso zu wünschen übrig liessen, wie die Begeisterung der Schüler, wollte er mit diesem gewagten Einfall zumindest einen Höhepunkt setzen.

Leider machte ihm Ella gerade einen Strich durch die Rechnung. Georg liess Kissen, Kissen sein und eilte zu seinem völlig aufgelösten Engel. „Aber Ella! Mit diesen Auftritt wirst du in die Geschichte der Gemeinde eingehen!“, säuselte er.

„Ja, als der Engel, der vom Himmel gefallen ist und sich das Genick gebrochen hat!“, fauchte Ella.

„Ach, Quatsch, da kann doch gar nichts passieren. Du bist optimal gesichert und selbst wenn etwas schiefläuft, fällst du auch nicht tief…wobei natürlich nichts schief laufen wird!“, beeilte er sich hinzuzufügen, denn Ellas Gesicht hatte sich bereits zu einer gefährlichen Grimasse verzogen.

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Ich mach das nicht!“, sagte sie und in ihre Stimme schlich nun ein leicht hysterischer Unterton.

Hysterisch, das beschrieb Georgs Gemütszustand ebenfalls am Treffendsten. Seine schöne Idee scheiterte an der Bockigkeit seines Engels! Wieso konnten die Gören nicht einfach tun, was man ihnen sagte? Dazu führte diese verfluchte liberale Erziehung! Die Kinder machten einfach, was sie wollten, anstatt sich von weitaus klügeren, reiferen Wesen anleiten zu lassen.

„Ich mach es!“, ging da Niklas dazwischen. Er trug zwar bereits seinen Königsmantel, hatte aber noch immer seine Baseballmütze aufgesetzt, was ihm das Aussehen eines grössenwahnsinnigen Rappers verlieh.

„Du willst den Engel spielen?“, fragte Georg zweifelnd.

Niklas nickte eifrig. „Ich stelle mir das total cool vor durch die Lüfte zu schweben!“

Bei diesem Vorschlag leuchteten Ellas Augen auf. „Und ich spiele den König.“

„Ja, aber“, stammelte Georg, dem bei all diesen Umbesetzungen der Kopf schwirrte, „du bist eine Frau!“

Schlagartig fiel alle Weinerlichkeit von Ella ab. Sie kniff ärgerlich die Augen zusammen. „Und Sie finden, eine Frau kann keine Führungspersönlichkeit darstellen oder was?“

„Doch natürlich, ja, aber die Könige damals waren nun einmal männlich.“

„Die Bibel wurde, soviel ich weiss, von Männern geschrieben. Wahrscheinlich haben sie die Frauen einfach rausgekürzt“, mischte sich zu allem Überfluss auch noch der Weltverbesserer Josh ein.

So weit war es also schon gekommen. Jetzt diskutierte er mit seinen Schülern schon über Frauenrechte in der Kirche! „Also gut“, gab er sich seufzend geschlagen, „dann tauscht eben die Rollen!“

Nach vielen guten Zureden, stopfte sich  Lisa endlich auch das Kissen unter den Bauch, was vor allem Josh zu verdanken war. Während der Proben hatten  beide nämlich romantische Gefühle füreinander entdeckt und konnten kaum noch die Finger voneinander lassen. Ella machte im Königsmantel eine ausgezeichnete Figur. Nikolas sah zwar total lächerlich aus im Engelsgewand, kam aber wenigstens gut mit dem Fluggeschirr zurecht. Also konnte die Hauptprobe starten.

Während sich Anton (dem Georg in einem Anfall von Wahnsinn die männliche Haupttrolle gegeben hatte) durch seinen Anfangstext quälte, dabei die eine Hälfte vergass und die andere Hälfte um blumige Kraftwörter erweiterte, betrat ein  fröhlicher Pfarrer Gutkind den Raum.

„Das sieht doch schon alles ganz ordentlich aus!“, lobte er, drehte dabei aber der Bühne, wo Lisa gerade den armen Anton über die Bühne schleifte und dabei die halbe Kulisse mit sich riss, wohlweislich den Rücken zu. Offenbar war er immer noch wild entschlossen Die Realität einfach auszublenden.

„Ach, finden Sie?“ Georg gab sich nicht einmal mehr Mühe seinen Sarkasmus zu verbergen.

„Der Bundespräsident freut sich schon sehr auf das Krippenspiel. Er schreibt, es werde das Highlight seines Besuches sein!“

Georg blickte starr auf die Bühne, wo seine Maria gerade aus unbekannten Gründen dazu übergegangen war, mit ihrem Schwangerschaftskissen einen Hirten zu verprügeln, während über ihnen Niklas durch die Luft sauste und „I believe I can fly“ trällerte.

Er zwang sich zu einem Lächeln. „Ich kann Ihnen auf jeden Fall garantieren, Herr Pfarrer. Es wird ein unvergessliches Krippenspiel!“
***
O du fröhliche, O du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ward geboren:
Freue, freue dich, O Christenheit!
***
Am Anfang lief es eigentlich nicht einmal so schlecht. Die Gäste strömten zahlreich in das liebevoll geschmückte Kirchgemeindehaus. Der Bundespräsident kam in einer weihnachtlich geschmückten Limousine, flankiert vom fröhlich grinsenden Gemeinderat. Alle waren bester Laune, wobei sich die meisten allerdings weniger auf das Krippenspiel, als vielmehr auf den reichhaltigen Apéro danach freuten.

Georg befand sich in einem Zustand völlig geistiger Umnachtung. Zur Beruhigung seiner flatternden Nerven hatte er sich mehrere Liter Baldriantee zugeführt, damit allerdings nur erreicht, dass er jede halbe Stunde auf die Toilette hasten musste. Für einen Moment erwog er ernsthaft, sich einfach gleich darin einzuschliessen, allerdings deckte sich das nicht mit seiner Auffassung von Pflichterfüllung.

So sass er also bleich und verschwitzt in der ersten Reihe, als der Vorhang sich hob und den Blick freigab auf eine stickende Maria, die auf ihren Josef wartete. „Mein Mann ist fort, der Befehl des Kaisers hat ihn in den Palast gerufen“, säuselte sie in das Publikum und setzte eine wahre Leidensmiene auf, während sie über ihren Bauch strich, damit auch wirklich jeder begriff, dass sie schwanger war.

Anton trampelte auf die Bühne und hielt sich gar nicht mit langen Vorreden auf. „Ey, wir haben hier gerade ein krass schlimmes Problem!“

Georg schloss die Augen. Der Alptraum hatte begonnen.

„Aber, aber lieber Mann, was hat dich denn dermassen aufgebracht, dass du so wüste Worte in den Mund nimmst?“ Einst musste man Lisa lassen. Sie versuchte die Situation zu retten.

Leider machte Anton diese Versuche gleich wieder zunichte. Er lief krebsrot an und rief: „Weisst du was dieser beschissene Vollpfosten von Kaiser von uns verlangt? Dieser blöde Saftsack will, dass wir nach Bethlehem zotteln und uns in so eine verfickte Liste eintragen lassen!“

„Und warum trägt er dieses kühne Ansinnen vor?“

„Na, weil das Arsch wissen will, wie viele er eigentlich rumkommandieren kann. Jetzt musst du mit deinem fetten Bauch extra nach Bethlehem latschen. Das ist ja wohl voll der Anschiss!“

„Wenn der Kaiser das wünscht, müssen wir seinen Befehl Folge leisten“, erklärte Lisa würdevoll, „lass uns also schnell aufbrechen!“

„Wenn du meinst Lisa, äh ich meine, wenn du meinst Maria…“

Man musste Anton allerdings eines lassen: Er schmückte zwar den Text sehr aus, aber zumindest blieb er der Handlung treu. Etwas, das man von Lisa nicht behaupten konnte. In der zweiten Szene, wo Maria und Joseg an verschiedene Wirtshaustüren klopften und abgewiesen wurden, entschied sie sich kurzerhand, der Handlung eine weitaus dramatischere Wendung zu geben. Sie stöhnte plötzlich und legte mit theatralischer Geste die Hand auf den Bauch. „Das Kind“, schrie sie, „das Kind kommt!“

An dieser Stelle ging ein erstauntes Raunen durch das Publikum. Georg hörte, wie der Bundespräsident seinem Nachbarn zuflüsterte: „Also daran kann ich mich gar nicht erinnern!“

Lisa  schien sich jedoch ganz genau an diesen Teil der Handlung zu erinnern. „Eine Wehe, eine Wehe!“, jammerte sie und legte sich windend auf den Boden. Das sah allerdings nicht wirklich nach einer Geburt aus, sondern vielmehr nach einem besonders heftigen Wadenkrampf.

Für Anton jedoch war es offenbar lebensecht genug. Er wurde blass wie ein Leintuch und rief: „Scheisse, die bekommt ein Kind! Hilfe, Hilfe, meine Frau wirft Junge!“

„Oh, diese Schmerzen, diese Schmerzen“, klagte Lisa, doch statt ihr zu helfen, ging Anton dazu über, hektisch auf der Bühne hin – und herzurennen, wobei er immer wieder  schrie: „Ist denn hier niemand! Kann denn niemand helfen?!“

Rettung nahte, allerdings in ungewöhnlicher Form. Ella, gewandet in ihren Königsmantel, betrat würdevoll die Bühne. „Fürchtet Euch nicht, ich bin die Weise aus dem Morgenland“, posaunte sie und aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen begann das Publikum zu klatschen.

„Wow, Ella du siehst echt geil aus“, entfuhr es Anton, besann sich dann allerdings wieder seine Rolle, „meine Frau kriegt gerade ein Baby!“

Ella kniete sich neben Lisa. „Nur keine Angst gute Frau, Gott und vor allem ich, stehen Euch nun zur Seite.“

Lisa war wenig begeistert davon, dass Ella ihr gerade die Show stahl. „Du kommst in der Szene gar nicht vor“, zischte sie ärgerlich.

„Sei still Frau und gebäre!“, befahl Ella herrisch.

Anton erinnerte sich auf einmal, dass es mal so etwas wie eine vorgeschriebene Handlung gegeben hatte. „Hey, sollen wir eigentlich nicht längst in diesem Stall sein?“

„Ja, dort ist es wahrlich bequemer, als auf diesen kalten Pflasterstein“, pflichtete ihm Ella bei, 
„folgt mir also!“ Und sie schritt ebenso unvermittelt von der Bühne wie sie gekommen war. Anton schien erst unschlüssig, was er als Nächstes tun sollte, packte dann aber seine noch immer stöhnende Frau kurzerhand an der Hand und zerrte die arme Maria hinter den Vorhang.

Man könnte meinen, die Weihnachtsgeschichte könnte nicht noch schlimmer verschandelt werden, aber seine Schüler bewiesen eindrucksvoll das Gegenteil. Das Trauerspiel fand seinen Höhepunkt in der Schlussszene, als sich die ganze Truppe in der Krippe versammelte, inklusive Josh, der jetzt seinen grossen Auftritt als Hirt hatte.

Eigentlich war es seine Aufgabe, sich vor der Krippe niederzuknien und dem Jesuskind (dargestellt von einer Baby – Born – Puppe) ein Schaffell anzubieten. Doch bereits als Josh mit entschlossenen Schritten auf die Bühne marschierte, wusste Georg, dass jetzt die nächste Katastrophe kam. Er kannte diesen Gesichtsausdruck seines Schützlings nur zu gut.

Er sollte leider Recht behalten. „Genossen!“, donnerte Josh und das Publikum zuckte zusammen wie ein Haufen verschreckter Hühner. Erregt begann Josh auf und abzugehen, wobei er die heilige Szene, die sich in seinem Rücken abspielte, gekonnt ignorierte. „Der Kern dieser Geschichte ist nicht, dass hier irgendein schreiendes Gör geboren wurde, der Kern dieser Geschichte ist, dass sich diese arme schwangere Frau quer durch das ganze Land schleppen musste, weil ein grössenwahnsinniger Kaiser dies für notwendig befand! Ist das richtig? Ist denn nicht jeder Mensch gleich wert? Warum soll denn ein einzelner Mensch sich über die anderen aufschwingen?“

„Mach weiter“, hauchte Lisa, deren Augen vor Hingabe leuchteten und die sowohl ihr neugeborenes Baby, als auch ihren Angetrauten Josef völlig vergessen zu haben schien.

Dermassen angespornt, legte Josh gleich noch eine Schippe. „Brüder und Schwestern! Es gibt keine Kaiser oder Könige, es gibt niemanden, der das Recht hat, über andere zu herrschen! Da draussen ist Freiheit, wir müssen nur danach greifen!  Wir sind alle gleich und wir müssen vor niemanden das Knie beugen! Auch nicht vor Gott, denn Gott ist tot!“

Tosender Applaus, zumindest von allen Engeln und Hirten auf der Bühne. Lisa raffte kurzerhand ihren Rock, stieg über die Krippe und  warf sich Josh an den Hals. „Du bist grossartig!“, schwärmte sie und dann, zum grenzenlosen Entsetzen von Georg, begannen die beiden sich leidenschaftlich und schamlos zu küssen. Anton schien sich erst nicht sonderlich gross daran zu stören, dass seine Verlobte gerade selig schmusend mit einem anderen ins Heu sank, doch dann dämmerte es ihm, dass da irgendetwas falsch lief. „Ey, die Alte betrügt mich!“, quäkte er und versuchte, seine Maria von ihrem Hirten zu zerren.

Es war peinlich, einfach nur unendlich peinlich, aber Niklas war offenbar der Ansicht, es sei noch nicht chaotisch genug. Er sah die Chance für seinen grossen Auftritt gekommen. In seinem Engelkostüm raste er durch die Luft, ruderte wild mit den Armen und rief: „Wusa! Wuuuusaaaa... Wuuuuusaaaaaa.“ Das einzig Gute daran war, dass er das Publikum damit zumindest von der Prügelei ablenkte, die inzwischen unter ihm tobte.

Er musste diesen Irrsinn aufhalten! Beherzt sprang Georg auf die Bühne und zog energisch den Vorhang zu. „Und so endet die Weihnachtsgeschichte dort wo sie angefangen hat: Mit streitenden Menschen! Denn wisset: Egal wie viele heilige Babys geboren werden, es wird sich nie etwas ändern, wenn wir uns nicht selbst ändern!“

Stille. Dann Applaus. Langanhaltender Applaus. Aus Mitleid, wie Georg wusste. Weil er es als Religionslehrer nicht einmal schaffte, ein blödes Krippenspiel einzustudieren. Wenn es je einen perfekten Moment gab sich zu betrinken, dann war es heute Abend.

***
Fröhliche Weihnacht überall!
Tönt es durch die Lüfte froher Schall!
Weihnachtsbaum, Weihnachtstraum,
Weihnachtsduft in jedem Raum!

***

Beim anschliessenden Apéro versuchte Georg sich möglichst unauffällig Richtung Bowle zu bewegen. Allerdings nicht um sich zu betrinken. Nein, er würde einfach gleich den Kopf in die Schüssel stecken und sich so langsam ertränken. Das war der richtige Abgang für einen Waschlappen wie ihn. Er schämte sich so, er konnte gar keinem mehr in die Augen sehen.

Er kam allerdings  nicht weit, da packte ihn auch schon Pfarrer Gutkind am Arm. „Da ist ja unser Held des Tages!“ Und er trieb Georg ausgerechnet in die Arme des Bundespräsidenten, der mit einem Champagnerglas neben dem versammelten Gemeinderat stand und aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen eine geradezu unverschämt gutgelaunte Miene zur Schau trug.

Georg schluckte leer. Da kam es also, sein Strafgericht. Möge der Herr im beistehen. Wenn der überhaupt noch Interesse an ihm hatte, nach dieser ketzerischen Darbietung. „Herr Bundespräsident, ich versichere Ihnen, ich weiss gar nicht was in meine Klasse  gefahren ist! Es sind sonst so liebe Kinder!“

Der Bundespräsident hob die Hand, allerding nicht um ihn zu schlagen, sondern um ihn anerkennend auf die Schulter zu klopfen. „Grossartige Klasse haben sie da! Dieser Innovationsgeist, diese Schaffenskraft, dieser Mut zur Provokation…So ein Krippenspiel lob ich mir! Und dann diese direkte, unverblümte Sprache, so ungekünstelt…Genial!“

Georg traute seinen Ohren nicht. Lobte der Bundespräsident ihn gerade? „Sie…Sie fanden es gut?“

Gut? Ich fand es nicht gut! Ich fand es fabelhaft. Unterhaltsam, kurzweilig, mit einer Prise eigenwilligem Humor! Wissen Sie, wie viele Krippenspiele ich mir dieses Jahr schon ansehen musste? Eines langweiliger als das andere. Immer dieselbe öde Geschichte und dieselben müden Dialoge. Ihres dagegen war originell und witzig! Sie sind zweifellos ein sehr begabter Regisseur. Fahren Sie nur so weiter, ich bin jetzt schon auf die nächste Inszenierung von Ihnen gespannt!“

Georg brachte nur ein gequältes Lächeln zustande.

***

Stille Nacht, Heilige Nacht,
Alles schläft, einsam wacht,
Nur das traute, hochheilige Paar,
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlafet in himmlischer Ruh!
Schlafet in himmlischer Ruh!

***





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