Montag, 7. Dezember 2015

Beipackzettel: Über den Dächern von Bern




Die Idee schwirrt mir schon eine Weile im Kopf herum. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich „A Long Way Down“ gelesen. Geschrieben wurde es von Nick Hornby. Im Buch geht es darum, dass sich vier Menschen am Silvesterabend das Leben nehmen wollen, sich dafür jedoch dummerweise denselben Ort aussuchen. Es ist ein unglaublich trauriges, sarkastisch und zugleich lustiges Buch (sehr empfehlenswert!) 

Als dann die Bundesratswahl näher rückte und Eveline Widmer – Schlumpf ihren Rücktritt bekannt gab, begann ich darüber zu sinnieren, was wohl schlimmer ist: Als Bundesrat gewählt oder eben nicht gewählt zu werden. Und da kam ich auf den Gedanken, wie wunderbar ironisch es wäre, wenn sich ein abgewählter Bundesrat und dessen Nachfolger auf dem Dach des Bundeshauses treffen würde: Beide mit der Absicht zu springen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass man da wirklich raufklettern nach, jedenfalls den Bildern nachzuschliessen. Vergebt mir die mangelnde Recherche, aber ich konnte es schlecht ausprobieren.

Das Zitat stammt aus dem Film „Lucky Number Slevin“. Trotz Staraufgebot und brillantem Drehbuch ist er eher unbekannt. Wer Tarantino mag, wird ihn lieben.

Die beiden Figuren bleiben ohne Namen und bewusst auch ohne Partei. Sie sind auch keinem lebenden Menschen nachempfunden. Sie brauchen weder Vorbilder noch Namen, denn ihr Gespräch und ihre Charakterzüge sprechen (hoffentlich) für sich.

Selbstmord ist ein ungeheuer schwieriges und sensibles Thema, das in der Gesellschaft seit Jahrhunderten heiss diskutiert wird, galt es doch lange Zeit als unverzeihliche Sünde Gottes Geschenk einfach so wegzuwerfen. Heute denkt man liberaler darüber, allerdings entsetzt es uns noch immer, wenn Menschen plötzlich freiwillig aus dem Leben scheiden. Und uns damit verlassen

Im Herzen bin ich eine schwarze Romantikerin und als solche, neigte ich als Teenager immer ein wenig dazu, in Selbstmord eine Art romantische Flucht zu sehen und als letzten Akt der Freiheit, die ein Mensch für sich beanspruchen kann. Nicht, dass ich jemals ernsthaft darüber nachgedacht hätte, denn trotz meiner Vorliebe für dunkle Farben, bin ich schon immer ein lebensfroher Mensch gewesen. Aber ich konnte es verstehen, wenn jemand diesen Weg wählte.

Inzwischen sehe ich das nicht mehr so verklärt. Wenn sich jemand nach jahrelangen Depressionen das Messer in die Brust rammt, ist letztlich ebenfalls einer Krankheit erlegen. Das hat nicht mehr viel mit Freiheit zu tun.

In der Literatur treffen wir immer wieder auf Selbstmörder. Der wohl Berühmteste ist der junge Werther aus der Feder von Johann Wolfang von Goethe. Sein Werther, der sich am Ende des Buches aus Liebeskummer selbst erschiesst,  wurde zur Symbol – und Leitfigur einer ganzen Bewegung. Leider führte das Buch – ein absoluter Bestseller zur damaligen Zeit, angeblich eines der Lieblingsbücher von Napoleon – auch dazu, dass viele junge Männer, sich nach Werthers Vorbild das Leben nahmen. Auch Anna Karenina, eine nach wie vor faszinierende Frauenfigur, wirft sich am Ende des Romans vor den Zug (was ich ihr immer noch nicht ganz verziehen habe, immerhin habe ich mich durch über tausend Seiten gequält, nur um am Ende mitzuerleben wie sie hops geht).

Den wohl berühmtesten Doppelselbstmord der Literatur verübten Romeo und Julia. Zugleich demonstrieren die beiden auf eindrückliche Weise, dass es nicht besonders schlau ist, gleich der ersten Verzweiflung nachzugeben, denn wenn Romeo es nicht gar so eilig gehabt hätte, das Gift in sich reinzuschütten, wäre die Geschichte ganz anders ausgegangen.

Meine beiden Männer – der eine zynisch, zornig und gekränkt, der andere warmhrzig, sensibel und überfordert – entscheiden sich für das Leben. Beide wollen aus einem Impuls heraus, die Flucht nach vorne antreten, da sie sich jedoch dabei zufällig begegnen, reflektieren sie noch einmal und halten inne. Mir war vom ersten Satz an klar, dass ich sie nicht springen lassen werde. Es sollte keine Geschichte über den Tod werden. Sondern über das Leben. 

  

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