Sonntag, 8. November 2015

Wer ist die Schönste im ganzen Land?



Um herauszufinden wer den grössten Busen, die schmalste Taille und den schönsten Schmollmund hat, befragt man in der Schweiz keinen Zauberspiegel, sondern man fragt die Instanz, die auch in anderen wichtigen Fragen die passenden Antworten hat: Das Volk. Weil aber eben jenes Volk sich von Jahr zu Jahr weniger für diese brennende Frage interessiert, hat SRF die Kür der Schönsten aus dem Programm gekippt. Auch sonst hat sich einiges geändert, so soll die Miss jetzt nicht nur schön sein und Werbespots drehen, sondern auch Herz zeigen, sprich, sich für einen guten Zweck engagieren. Warum man allerdings schön sein muss um mildtätig zu sein, bleibt mir ein Rätsel.

So ehrenhaft es auch sein mag, dass man dieser – seien wir doch mal ehrlich – absolut oberflächlichen Wahl irgendeinen Sinn geben will, so sehr missglückt dieser Spagat bei der Show. Denn es ist ja immer noch ein Schönheitswettbewerb, egal ob jetzt da ein rosa Herz in der Krone prangt oder nicht. Die Verantwortlichen stehen trotzdem vor der schier unlösbaren Aufgabe eine inhaltloslose Sendung mit Inhalt zu füllen. Und versagen kolossal.

Die Ironie fängt schon damit an, dass ein Komiker die Sendung moderiert. Claudio Zuccolinis Witze verpuffen wirkungslos, nicht einmal so sehr, weil sie schlecht sind, sondern weil das Publikum einfach nicht zuhört. Es ist zu beschäftigt damit wie wild Plakate mit ihren Favoritinnen zu schwenken und zu kreischen, als sei man auf einem Justin Bieber Konzert. Der Bündner verlegt sich mit fortschreitender Sendezeit auf immer blödere Männersprüche, die allerhöchstens für einen müden Schenkelklopfer sorgen. Zwischendurch stellt er auch geistreiche Fragen an die Kandidatinnen, wie zum Beispiel: „Ist das Sofa auch bequem?“ oder „Kannst du Zuccolini buchstabieren?“

Schön, wenn nicht einmal der Moderator den Kandidatinnen irgendwelchen Grips zutraut. Und weil er dem Publikum auch nicht mehr Intelligenz zutraut, erklärt er mit Märchenonkelstimme gefühlte hundert Mal den Wahlmodus. Nur damit man es zwischen all den interessanten Beiträgen nicht vergisst.   

Ach ja, die Kandidatinnen. Auch wenn Werte wie „Individualität“ und „Persönlichkeit“ propagiert werden, bleiben die jungen Frauen (zwischendurch werden sie gönnerhaft als Mädchen betitelt) blass. Mehr als lächeln, nicken und die Hand in die Hüfte stemmen ist leider nicht drin. Aber es gab ja die sogenannten „Pre – Shows“ in denen die Kandidatinnen dem Publikum näher gebracht wurden. In verschiedenen Gruppen absolvierten die Missen Lektionen wie „Persönlichkeit“ „Sozialkompetenz“ und „Kommunikation.“ Bezeichnend, dass die Schönen das alles erst lernen müssen.

Immer wieder diebisches Vergnügen bereitet es, den Schönheiten schwierige Fragen zu Staatskunde zu stellen. Eigentlich weiss man ja inzwischen, dass es damit nie weit her ist, dennoch wiederholt man solche Quizze jedes Jahr wieder. Als wolle man dem Zuschauer sagen: Ja, sie wissen eigentlich nicht so ganz welches Land sie da vertreten, aber hey, sie sind der Beweis dafür, dass Schweizer auch schöne Kinder zeugen können.

So stolzieren die Kandidatinnen also auf der Bühne über einen roten Teppich und wirken dabei so überdreht und unnatürlich wie Rehe, die versehentlich LSD genascht haben. Und prasseln sehr intellektuelle Fragen auf die Ladys ein. Zum Beispiel: „Wie heisst der Mann von Michelle Hunziker?“ Solchen Klatsch und Tratsch können die Damen tadellos beantworten, bei Fragen wie „Nach wie vielen Jahren wird der Bundesrat neu gewählt“ wird es da schon schwieriger.

Eine der Schönen antwortet auf die Frage, welche Staatsform die Schweiz hat, mit einem hilflosen: „Wir gehen wählen.“ Sehen wir das Glas halbvoll. Sie hat immerhin bemerkt, dass sie nicht in einer Diktatur lebt.

Nein, ich halte die Damen nicht für dumm, nur weil sie nicht so genau wissen, wann die Schweiz gegründet wurde. Viele Leute auf der Strasse würden bei einem solchen Spontantest auch mit Glanz und Gloria durchfallen. Das hat nichts mit fehlender Intelligenz zu tun, sondern mit mangelnder Aufmerksamkeit im Staatskundeunterricht. Nein, es mangelt nicht an Hirnschmalz, es mangelt an Schlagfertigkeit. Charme kann Unwissenheit ausgleichen. Aber kein Witz kommt über die schönen Lippen, nur blödes Gackern.

Für mich sieht nicht nur fast jede Kandidatin gleich aus, sie benehmen sich auch alle etwa gleich albern. Ich bin da allerdings kein Jury – Mitglied. Die setzt sich dieses Jahr aus sogenannten Experten zusammen. Es gibt eine Expertin für Ausdruck und Präsentation, einen Experten für Umgang mit Medien und eine Expertin für Social Media und Beauty. Ich weiss nicht ob das staatlich anerkannte Berufe sind, aber wenn ja, will ich sie unbedingt lernen.

Aber eigentlich haben die Experten nichts zu sagen. Allein das Publikum entscheidet wer die neue Miss Schweiz wird. Hurra! Ich fühle mich so richtig mächtig! Die Urteile der Jury sind allerdings nicht unbedingt gute Entscheidungsgrundlagen. Sätze wie „Du bist einfach sympathisch“ oder „dein Ausdruck war sehr sinnlich“ zeugen nicht gerade von Fachwissen.
Vielleicht hilft ja der traditionelle Bikini – Walk! Doch, o Schreck, der wurde als zu sexistisch befunden. Man hat sogar eine Umfrage durchgeführt. Bei den Menschen auf der Strasse. Einer der Befragten, ein rauchender Vorstadtmacho in noch sehr jungem Alter, legt wortgewandt seine Meinung dar. „In fette Pulli geseht me Frou gar nid“, grunzt er in die Kamera.  Ein anderer Typ meint, die Frauen sollten lieber Bauchtanz machen, das wäre erotischer. Und da sagt noch einer, Feminismus sei out.

Weil Bikinis also  sexistisch sind, lässt man die Frauen in Unterwäsche laufen. Ich sehe nicht so ganz, was daran weniger sexistisch ist, aber ich bin ja auch nur ein dummes Mädchen, das nicht einmal sexy bauchtanzen kann. Unterwäsche und Bikinis soll die Natürlichkeit der Frauen zeigen, werden wir belehrt. Nun, das mag jetzt eine grauenhafte Enthüllung für die Männerwelt sein, aber glaubt mir: Auch Unterwäsche kann pushen was nicht da ist und verhüllen, was nicht mehr so straff ist.

Nachdem die Kandidatinnen sich bei der Fragerunde zum Narren gemacht haben, in Unterwäsche rumstolziert sind und ein dämliches Geografiespiel hinter sich gebracht haben, sind es nur noch drei. Und nach endlos langgezogenen Minuten wird dann auch die Siegerin gekürt. Sie heisst Laura…nein, Laureen…Lauriane…Ach, wir haben einfach eine neue Miss. Wer sie ist, ist ja nicht sooo wichtig. Sie sieht auf jeden Fall hübsch aus mit der Krone. Und Bauchtanz kann sie gewiss lernen.







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