Montag, 19. Oktober 2015

Die Schatten werden länger




Anmerkung: Ich bin deprimiert. Das merkt man dem Text auch an. Man möge mir die vulgären Ausdrücke vergeben. Mir fielen einfach keine anderen Worte ein.

Der Wahlsonntag war in vielerlei Hinsicht eine Ohrfeige und mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie viele Sitzgewinne die SVP zu verzeichnen hat.Mir blutet aber auch das Herz, wenn ich sehe, wie einen Tag vor der Wahl eine Gruppe von Linksaktivisten nichts besseres zu tun, als mit Gegröle und dem Willen zur Zerstörung durch die Strassen von Bern zu ziehen. Sie hätten genauso gut die SVP - Fahnen hiessen können. 

Ach, ich finde gerade einfach alles doof. Ich schätze, ich habe einen Wahlkater.


Die Schatten werden länger

Ach Schweiz, ich würde dich gerne vorbehaltslos lieben, aber gerade fällt mir das ein bisschen schwer. Wie konntest du, wo du doch im Allgemeinen ein vernunftbegabtes, gutmütiges Land bist, das Zepter deiner Herrschaft ausgerechnet einem zunehmend irr werdenden Haufen von eingebildeten Lackaffen anzuvertrauen?

Das Volk hat gesprochen, das ist nun einmal die Demokratie, wirst du vielleicht seufzen und du hättest ja Recht damit, liebe Schweiz. Aber ich bin doch auch ein Teil des Volkes? Verhallt meine Stimme denn ungehört? Sie geht unter, in dem Geschrei nach geschlossenen Grenzen, in dem gierigen Raunen nach noch mehr Wohlstand, in den immer schriller klingenden  Behauptungen, nur die Bürgerlichen könnten dich retten. Wozu denn reden, wenn doch niemand zuhört?

Wie kann es sein, dass ein Roger Köppel, der so menschenverachtend, so grausam, so berechnend ist, mit einem Glanzresultat gewählt wird? Dachten die Zürcher, es ginge darum, das grösste Arschloch aller Zeiten zu küren oder was? Und die Bündner? Haben die überhaupt gerafft, dass sie gerade eine Zürcherin als Kantonsvertreterin nach Bern geschickt haben? Und dann ausgerechnet die eiserne Lady, die Tochter von Christoph Blocher? Ja, spinnen sie denn, die Bündner?

Wie kann es sein, dass die Linke, die sich für Arbeitnehmer einsetzt, die sich für Minderheiten einsetzt, die sich für die Schwächeren der Gesellschaft einsetzt, die sich für ein faires Asylverfahren einsetzt, dass ausgerechnet diese Partei, vom Volk abgestraft wird? Nicht so schlimm abgestraft wie die BDP oder die GLP, aber dennoch ist der Rechtsrutsch passiert und kann nicht rückgängig gemacht werden.

Liebe Schweiz, ich sehe wohl, dass die Linke Fehler macht, denn perfekt ist niemand, schon gar keine Partei. Oft wirkt sie hochmütig und belehrend, sie vergisst manchmal, dass man Menschen nicht in moralische Daumenschrauben legen darf, nur weil sie anders denken und fühlen. Aber sie bemüht sich. Sie versucht doch, wenigstens anständig zu sein. Deshalb wird man als Linker oft als Gutmensch bespöttelt, gerade so, als sei es verachtenswert, seinem Gewissen Rechenschaft abzulegen.

Ständig klagt die SVP sie seien Opfer von Medienkampagnen, doch niemand nutzt die Medien so geschickt wie sie und niemand hat so viele Sprachrohre zur Verfügung. Ständig klagt man über ein Asylchaos, aber das existiert nicht, nur in den Köpfen der Menschen. Ständig wirft die SVP der Linken vor, sie wollen die Schweiz zerstören, aber es sind sie, welche die Menschenrechte und die humanitäre Tradition in Frage stellen. Sie lügen und behaupten und verdrehen. Aber es funktioniert.

Schweiz, du bist ein stolzes Land und vielleicht hast du deshalb auf die Partei gesetzt, die sich deinen Namen auf die Fahne geschrieben hat. Sie liebt dich diese Partei, das bezweifle ich nicht, aber sie liebt dich auf eine so bedingungslose, glühende Weise wie ein Stalker sein Opfer. Das ist nicht gesund. Nicht für die anderen Länder, nicht für uns und auch nicht für dich.  

Ich bin gerne Schweizerin und ich fühle mich dir verbunden. Wahrscheinlich tut es deshalb so weh zu sehen, was mit dir geschieht. Mir graut vor den nächsten Jahren. Ich bin eine reinrassige Schweizerin, hier geboren und aufgewachsen, ich bin die Jugend, die Zukunft dieses Landes und doch fühle ich mich eigenartig ausgeschlossen. Denn ich bin doch jetzt in den Augen der bürgerlichen Mehrheit eine linke Bazille, eine Wirtschaftsterroristin und ein naiver Gutmensch.

Und wahrscheinlich bin ich das auch. Weil ich nicht die strahlende Sonne der SVP sehe, sondern die Schatten, die sie wirft.

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