Dienstag, 29. September 2015

Geständnisse



Wer meinen Blog regelmässig liest (es soll ja solche Menschen geben) hat vielleicht schon bemerkt, dass ich extrem wenig Persönliches poste. Das hat mehrere Gründe. Der Blog dient ja vor allem der Verbreitung meines bescheidenen literarischen Schaffens und nicht in erster Linie der Ausbreitung meines (ohnehin kaum vorhandenen) Liebeslebens.

Ausserdem bin ich der altmodischen Meinung, dass das Internet ja nicht ALLES über mich wissen muss. Stellt euch vor, ich werde einmal als Bundesrätin nominiert und dann graben meine politischen Gegner irgendein peinliches Urlaubsvideo von mir aus, wie ich im Bikini eine Sandburg baue und dabei katzfalsch die Schweizer Nationalhymne gröle. Das würde meine Chance auf das Amt total verbauen!

Abgesehen davon hat mein Bruder mir mal gedroht, er bringe mich um, wenn ich ihn mal in meinem Blog erwähne und damit spricht er wohl vielen aus meinem direkten Umfeld aus dem Herzen. Lustige Texte liest fast jeder gern, aber wenn sich der Text plötzlich um einen selbst dreht, findet man ihn auf einmal gar nicht mehr lustig.

Nun ist ein Blog aber nun mal etwas Persönliches und so habe ich mich dazu entschieden, auch mal etwas über mich zu enthüllen. Es ist Zeit für ein paar Geständnisse, die euch mit Sicherheit schockieren werden. Also macht euch schon mal eine Tasse Tee zur Beruhigung, denn nach dem Lesen dieses Textes wird nichts mehr so sein wie es vorher war (stellt euch an dieser Stelle bitte ein boshaftes Lachen vor).

Geständnis Nummer 1: Ich bin ein Hypochonder!

Tja. Jeder, der mich näher kennt, weiss das eigentlich schon, denn ich gebe mir nicht besonders Mühe es zu verbergen. Stattdessen unterrichte ich mein Umfeld regelmässig über mein körperliches Befinden und das seit ich etwa 12 Jahre alt bin. Wenn ich Halsschmerzen habe, denke ich an Schwindsucht. Wenn ich Durchfall habe, ist es Darmkrebs. Wenn ich Kopfschmerzen habe, wird das schon mal zu einem ausgewachsenen Hirntumor. Hin und wieder kombiniere ich die Symptome auch und erfinde völlig neue Krankheiten, von denen noch nie jemand gehört hat, die ich aber ganz bestimmt habe.

In den letzten Jahre habe ich es langsam in den Griff bekommen, erleide aber doch noch hin und wieder Rückfälle, besonders wenn ich Dr. Google konsultiert habe (Googelt nie eure Symptome!) Inzwischen reagieren Familie und Freunde allerdings sehr gelassen auf solche „fantasievollen Auswüchse“ und es gibt kaum ein Familientreffen an dem nicht irgendjemand (meistens mein Bruder) die lustige Geschichte erzählt, wie ich damals heulend durch die Wohnung gerannt bin, weil ich dachte, ich würde erblinden.

Woher diese panische Angst vor Krankheiten kommt, weiss ich nicht. Ironischerweise bin ich eigentlich ein sehr gesunder und auch zäher Mensch (Holz anfassen). Und ich halte mich eigentlich auch für sehr vernunftbegabt. Die meisten finden, es sei ein Zeichen dafür, dass ich mich zu viel mit mir selber beschäftige. Andere denken, ich spinne einfach. Ich persönlich halte die Hypochondrie für ein Zeichen meines verborgenen Genies. 

Geständnis Nummer 2: Ich hasse Sport!

Und mit ich hasse Sport meine ich nicht, dass ich Sport nicht mag. Nein, ich meine es genauso wie ich meine: Ich HASSE Sport. Wenn Sport keine Beschäftigung, sondern ein Mensch wäre, würde ich ihn verprügeln, dann fesseln, knebeln und den Schweinen zum Frass vorwerfen (und ich bin eigentlich ein sehr friedliebender Mensch).

Grund dafür sind traumatische Erfahrungen in der Schule (wurden hier schon verarbeitet), aber auch, dass ich es EINFACH NICHT GERNE MACHE! Ich schwitze nicht gerne. Ich renne nicht gerne. Ich habe nicht gerne Seitenstechen. Ich sehe nicht ein, warum ich so tun soll, als interessiere es mich, ob der Ball nun im Netz landet oder nicht. Und ich finde, Sport wird überbewertet. Ja, man soll sich bewegen. Aber das kann man auch in einem angemessenen Tempo. Ja, Teamfähigkeit ist wichtig. Aber die kann man auch lernen, ohne sich gegenseitig Bälle an den Kopf zu schmeissen. Ja, es kann den Geist erfrischen, wenn man schwimmen geht. Aber dafür braucht man keinen brüllenden Trainer mit Stoppuhr.

Trotz dieser Sportverweigerung, habe ich hin und wieder Anfälle von „Ich muss mich jetzt sportlich betätigen.“ Das liegt daran, dass die Frauen in diesen romantischen Komödien, die ich mir ständig ansehe, immer Sport treiben und dabei so verdammt glücklich aussehen. Einmal wollte ich tatsächlich joggen gegen. Ich schaffte es  bis zur nächsten Strassenseite, dann brannte meine Lunge und ich keuchte wie ein erstickender Waschbär. Seitdem gehe ich nur noch schwimmen. Wenn überhaupt. Letzthin habe ich mir überlegt Yoga zu machen. Doch nachdem ich mal kurz durch ein Yoga – Buch geblättert habe, gab ich den Gedanken wieder auf. Ich könnte nie ernsthaft „eins mit mir selbst werden.“

Ich bin sportfaul und stehe dazu. Allerdings: Ich bin Fussgänger aus Überzeugung (gut, ist auch ein bisschen der Tatsache geschuldet, dass ich mir grundsätzlich keine Strassenregeln merken kann und mit dem Velo mehr Unfälle verursache, als ein Rennfahrer.

Geständnis Nummer 3: Ich schaue Castingshows

Und ich würde an dieser Stelle gerne behaupten, dass ich es nur tue, um mich „moralisch – korrekt“ hinterher darüber zu ereifern. Aber wenn ich schon anfange mit den Geständnissen, sollten sie auch ehrlich sein. Ich geniesse Castingshow. Und ich beruhige hinterher mein Gewissen damit, dass die Menschen das ja freiwillig machen.

Warum ich das gerne schaue? Weil ich gerne zusehe, wie andere Menschen ihre Träume verwirklichen Oder es zumindest versuchen. Es inspiriert mich. Dass es noch andere gibt, die versuchen Träume zu leben, auch wenn sie utopisch und blödsinnig erscheinen. Als ich ein Teenager war (ist ja noch nicht so lange her), hatten Castingshows Hochsaison und ich habe sie (fast) alle geschaut. Damals waren sie aber wirklich noch darauf konzentriert, die jeweiligen Talente zu fördern. Natürlich gab es immer auch ein Schuss Zickenkrieg, ein bisschen privates Drama und viele Tränen. Aber es wurde auch viel gesungen/getanzt/gemodelt. Je nachdem, was halt verlangt wurde.

In letzten paar Jahren hat es aber immer weniger Spass gemacht. Bei DSDS habe ich mal kurz reingezappt. Just in diesem Moment sagte Bohlen gerade zu einer hübschen Kandidatin: „Dein Rock hätte ruhig ein bisschen kürzer sein können.“ Diesen Kommentar fand ich dermassen daneben, dass ich umschaltete. Bei „Die grössten Schweizer Talente“ waren mir zu viele Kinder. Und die Kandidaten erschienen mir auf einmal nicht mehr wie Träumer, sondern wie Narzissten. Ich weiss nicht, ob das heissen soll, dass ich erwachsen geworden bin.

Aber „The Voice“ schaue ich immer noch gerne. Und fiebere mit meinem Lieblingskandidaten mit. Ausserdem guck ich manchmal „4 Hochzeiten und eine Traumreise“. Weil ich gerne anderen Leute beim Heiraten zuschaue. Dann kann ich meine eigene, imaginäre Hochzeit besser planen (manchmal google ich sogar Hochzeitskleider und überlege, welches mir am besten stehen würde. Oder verfasse gedanklich meinen Treueschwur).

Geständnis Nummer 4: Ich bin Jungsozialistin

Letzthin hat eine liebe Arbeitskollegin zu mir gesagt: „Ich habe deinen Blog gelesen. Ich wusste gar nicht, dass du so politisch bist.“ Ich bin nicht nur politisch, sondern sogar in einer Partei und zwar in der JUSO. Das weiss kaum jemand, nicht einmal meine eigene Partei, die mir letzten Sonntag angerufen hat und mich gefragt hat, wen ich dann wählen würde (nachdem sie mir erklärt haben, es sei total wichtig zu wählen).

Aber das ist nicht die Schuld der JUSO sondern meine, denn ich bin wahrscheinlich das inaktivste Aktivmitglied. Ich zahle brav meinen Mitgliederbeitrag, aber das war’s auch schon. Vielleicht waren meine Beweggründe in die Partei einzutreten auch nicht die Richtigen. Es war eher eine Trotzreaktion, weil alle meine Freunde sich politisch in eine andere Richtung entwickelten. Und weil ich eine kurze, rebellische Phase hatte. Also trat ich ein und bin geblieben.

Nur mit der aktiven Mitarbeit ist es nie wirklich was geworden. Schuld daran sind verschiedene Sachen. Als ich in der Lehre war, fehlte einfach die Zeit. Ich war eine sehr ehrgeizige Lernende (also eigentlich eine Streberin) und habe (fast) immer gebüffelt. Dann kam die Liebe oder beziehungsweise das Ende einer Liebe dazwischen. Dann war ich kurze Zeit arbeitslos und dachte: Jetzt könntest du ja etwas tun. Also ging ich zu einer Sitzung, die ich eher entgeistert als begeistert wieder verliess. Und kurz darauf fand ich wieder einen Job und vernachlässigte die JUSO wieder.

Erschwerend kam hinzu, dass Mails von der JUSO bei mir immer automatisch im Werbe – oder Spamordner landen, was ich erst letzthin bemerkte (Mein Fehler). Ein weiterer Punkt ist allerdings: Im Gegensatz zu vielen anderen JUSOs bin ich keine Studentin, sondern arbeite. Das ist nicht im Geringsten als Vorwurf gemeint, aber ich kann nun mal nicht einfach spontan an irgendwelchen Samstagssitzungen teilnehmen, weil ich dann meine Brötchen verdiene. Ich bin eingeschränkter in der Gestaltung meiner Freizeit, weil ich auf Arbeitspläne Rücksicht nehmen muss.

Okay, auch das würde man wahrscheinlich hinkriegen, wenn man wollte. Ich gebe zu, das grösste Problem bin wahrscheinlich ich. Politik liegt mir einfach nicht so. Gut, ich wäre (glaube ich) eine gute Rednerin. Ich diskutiere gerne. Ich kann schreiben (oder zumindest ein bisschen besser schreiben als der Durchschnitt). Das sind alles Eigenschaften, die nützlich sein könnten. Aber ich bin kein Fan von Demonstrationen (die Einzige, an der ich anwesend war, war die für Eveline Widmer – Schlumpf). Schon gar kein Fan bin ich von Gegendemonstrationen. Der Gedanke, jemals auf Wahlplakaten grinsen zu müssen, jagt mir einen Schauer über den Rücken. Und mir fehlt die  wahrscheinlich wichtigste Eigenschaft für einen Politiker: Ich kann mich nicht vernetzen. Ich begegne meinen Mitmenschen immer eher distanziert (zumindest am Anfang, später bin ich geniessbarer). Flyern, Leute ansprechen, Absprachen treffen,  Apéros…das widerstrebt mir. Wahrscheinlich ist auch das eine faule Ausrede, weil es gebe ja genügend im Hintergrund zu tun.

Jetzt stehen wieder Wahlen an und ich habe nichts getan, um die Linke zu unterstützen, obwohl sogar einer meiner Lieblingsmenschen für den Nationalrat kandidiert. Das ist schon eine ziemlich miese Bilanz.  Kein Wunder ruft mich die JUSO an. Vielleicht sollte ich mich selbst mal anrufen.



   

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