Sonntag, 27. September 2015

Das Arena - Protokoll: Jung, Wild und Sexy





Allgemeine Anmerkung: Weil die Jungpolitiker alle in meinen Alter sind, habe ich mir erlaubt, sie hier zu duzen. Man möge es mir nachsehen!

Thema: Zur Abwechslung kreuzen jetzt mal die Jungparteien die verbalen Klingen und zwar in einer mehr als leidenschaftlichen Minderheitendiskussion. Welche Minoritäten brauchen unseren Schutz und welche haben bereits starke Fürsprache?

Und die Tribute sind:
·          
      Lena Frank (Junge Grüne)
·         Salome Mathys (Junge GLP)
·         Claudia Meder (Junge EVP)
·         Marcel Erhard  (Junge BDP)

·         Fabian Molina (Juso)
·         Markus Zeier (Junge FDP)
·         Anian Liebrand (Junge SVP)
·         Jean – Pascal Ammann (Junge CVP)
Möge der beste Tribut gewinnen!

Frauen regieren die Welt

Kaum eingeschaltet, zuckt man erstmal erschrocken zusammen, denn die jungen Menschen blicken mit einer solchen Leichenbittermiene in die Kamera, dass man meinen könnte, in der Arena ginge es tatsächlich um Leben oder Tod und nicht um eine – doch recht harmlose – Debatte. Aber das ist wahrscheinlich die Aufregung.

Und wieder haben wir einen absolut dämlichen Start in die Diskussion (mal ehrlich, wer denkt sich diese Anfangsfragen aus?). Jonas Projer stellt fest, dass in der Hauptrunde nur weisse, privilegierte Männer vertreten sind und schiebt gleich die Frage hinterher: „Was läuft hier falsch?“

Ähm, nichts? Wenn die Oberhäupter der grossen Jungparteien nun mal alles Männer sind, ist das einfach so. Oder hätte sich einer der Herren mal eben kurz einer Geschlechtsumwandlung unterziehen sollen, damit sich keiner der Frauen benachteiligt fühlt? Und das die anwesenden Damen auf den Sofa verbannt worden sind, hat auch nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun, sondern mit dem (meiner Meinung nach nicht besonders fairem) System der Arena, das die kleineren Parteien fast immer aus der Hauptrunde separiert.

Egal, auf jeden Fall können wir so wieder über die Stellung der Frau streiten (haben wir in den letzten Arenen ja praktisch nie getan). Weil selbst die SVP inzwischen erkannt hat, dass das ein heikles Thema ist, druckst Anian herum und wird gar noch philosophisch, als er erklärt, jeder einzelne Mensch sei für sich genommen eine Minderheit (er meinte vermutlich Individuum).

Fabian dagegen ist natürlich gleich in seinem Element und findet, dass Frauen in der Politik katastrophal untervertreten sind. Er weist auf die vorbildliche Haltung der Juso hin, die das mit Quoten auszugleichen versuchen, wobei er allerdings verschweigt, dass genau dieser fast schon krankhaft anmutende Gerechtigkeitswahn oft zu mehr als grotesken Situationen an Delegiertenversammlungen führt.

Abgesehen davon sind Frauen beim besten Willen keine Minderheit. Im Gegenteil. Da ist es umso erstaunlicher, wie lange wir uns haben unterdrücken lassen.

Come to Siwtzerland! We have Cookies!

Nun geht es aber wirklich los und zwar mit dem wohl zurzeit umstrittensten Thema der gesamten Politik: Das Asylthema. Als Einstimmung sehen sich alle ein Video an, in dem ein Flüchtling sich einen Job und die Möglichkeit, die Sprache zu lernen, wünscht (was ja lobenswerte Absichten sind). GANZ zufällig ist der Mann übrigens Eritreer (Böses SRF).

Und natürlich nimmt das Anian als Steilvorlage, denn wie ja inzwischen alle wissen, ist es in Eritrea gar nicht so schlimm. Gut, die Menschenrechte werden ignoriert, die Leute werden gegen ihren Willen ins Militär gesteckt oder verschwinden auf Nimmerwiedersehen in Gefängnissen, aber ansonsten herrscht dort richtig Partystimmung. Laut Anian können sich die Eritreer auch richtig teure Schlepper leisten. Aha. Das sind wahrscheinlich die, die jeden Tag mit ihren Luxusdampfern gemütlich über das Meer tuckern.

Während Fabian spätestens nach dieser Aussage so wirkt, als würde er Anian gerne sein Wasserglas an den Kopf pfeffern, versucht Markus es mit der so üblichen Taktik der Freisinnigen, einfach nichts zu sagen, aber doch viele Worte zu machen. So findet er, man müsse die Situation in Eritrea erstmal genau prüfen. Na dann, geh doch mal dort vorbei und mach Urlaub, wenn du es so genau wissen willst!

Molina hat eigentlich sehr gute Argumente, lässt sich jedoch zu leicht provozieren und schwingt etwas sehr die grosse Keule, als er beispielsweise behauptet, dass es die bürgerliche Mehrheit zu verschulden hat, dass Menschen im Meer ertrinken. ¨

Das ist ein schlimmer Vorwurf, kommt aber auch davon, dass die bürgerlichen Jungpolitiker sich zu der einen oder anderen sehr hartherzigen Aussage hinreissen lassen. So verkündet Anian, die Schweiz sei nicht das Weltsozialamt und man könne ohnehin nicht alle aufnehmen. Also nehmen wir einfach niemanden auf, dann ist es gerecht. Zumindest nach SVP – Logik.

Anian greift Molina auch direkt an und beschuldigt ihn, er würde mit der Tränendüse arbeiten, wie das die Linken ja immer täten. Und ausserdem würde er schlimme Bilder suggerieren. Da braucht man aber nichts zu suggerieren. Da kann man auch einfach eine Zeitung aufschlagen oder den Fernsehen anmachen. Aber vermutlich manipulieren die linken Medien das alles und die Menschen sind gar nicht auf der Flucht, sondern auf einer gemütlichen Sightseeing – Tour.

Man darf der SVP dazu gratulieren, dass sie ihren Nachwuchs gut erzogen haben. Anian bringt wirklich JEDES Argument der Parteibasis: Wir wollen keine Politik der offenen Tür, Gratisanwälte für Asylanten sind überflüssig, wir wollen keinen Asylstaat, unter die Flüchtlinge mischen sich Terroristen…Das regt Fabian natürlich auf und so ist eine Weile nicht mehr besonders viel zu verstehen, weil die Herren munter durcheinander schreien. Das ist eben das viel beschworene Feuer der Jugend.

Einig sind sich die Jungpolitiker nur in einem: Man sollte die Hilfe vor Ort intensivieren. „Wenn das alle eine gute Idee finden, wieso tut man das denn nicht?“, fragt Jonas Projer Salome Mathys. „Weil links und rechts im Wahlkampf immer eine grosse Klappe haben, statt etwas zu tun“, faucht sie. Und weil es so daneben ist, politische Diskussionen mit Wahlwerbung zu verknüpfen, schiebt sie gleich hinterher, dass es deshalb eine starke Mitte brauche. Das nennt man dann wohl politische Schizophrenie.


Es Burebüebli mahn i nit

Nachdem sich alle die Kehle wund geschrien haben, kommt Projer zu einem emotional weniger aufgeladenen Thema: Die Bauern. Auch sie sind in der Minderheit und klagen über Probleme. Zudem gibt es immer weniger Landwirtschaftsbetriebe.

Überraschenderweise findet Anian, dass diese Minderheit unbedingt geschützt werden müsse und erklärt, der Markt müsse unbedingt geschlossen bleiben. Das ist aber eine merkwürdige Aussage für eine Partei, die ansonsten immer nach der freien Marktwirtschaft kräht und sowieso der Meinung ist, dass jeder selbst für sein Glück verantwortlich sei. Diese Widersprüchlichkeit bemerkt auch Molina sehr süffisant.

Jean – Pascal macht seiner Partei alle Ehre, als er sich sehr ruhig und gelassen in die Diskussion einschaltet. Er sieht das Problem eher darin, dass die Landwirte nie richtig wissen, auf was sie sich einstellen müssen. Noch besser argumentieren aber die anwesenden Damen, die viel Kompetenz beweisen. Sie haben ihre Hausaugaben gemacht.

Wobei ich auch jetzt wieder feststelle, dass die GLP dringend noch daran arbeiten muss, wie sie auf Aussenstehende wirkt. Vieles was Salome sagt hat wirklich Hand und Fuss, aber ihr Augenverdrehen und ihre schnippischen Äusserungen machen sie eher unsympathisch. Da sollte sie sich nicht an Parteichef Martin Bäumle orientieren.

Wirklich fruchten tut auch diese Diskussion nicht, wobei ich persönlich finde, dass sie sowieso an den Haaren herbeigezogen ist („Lasst uns noch ein Thema finden, wo die Rechten dafür und die Linken dagegen sind…Hm…wie wäre es mit den Bauern?“). Ja, die Bauern sind eine Minderheit, aber das sind andere Berufsgruppen auch. Zum Beispiel Buchhändler. Ja, ich bin da voreingenommen, aber jetzt mal ganz ernsthaft: Dem Buchhandel geht es auch sehr mies. Alle Probleme der Schweizer Wirtschaft – Euro, Grenzgänger, Preise – schenken bei uns voll ein. Und Bücher sind auch ein Kulturgut, trotzdem kommt es keinem Parlamentarier in den Sinn sich für uns stark zu machen (stattdessen haben sie die Buchpreisbindung abgeschafft. Danke FDP, ihr habt uns noch ein bisschen mehr zu Ader gelassen).

All You Need Is Love!

Aber ich bin abgeschweift. Wenden wir uns der nächsten Minderheit zu: Die Homosexuellen. Ein Thema, das Anian sichtlich unangenehm ist und er meint dann auch brummig, dass man ja inzwischen kaum mehr etwas Kritisches dazu sagen könnte, ohne hinterher als altmodisch und schwulenfeindlich zu gelten. Das könnte daran liegen, dass die Bürgerlichen sich bei diesem Thema praktisch in die Fettnäpfchen werfen. (*hust* Stirnlappen *hust*)

Ehe ist ja bekanntlich ein Herzensthema der CVP. Jean – Pascal und Fabian liefern sich in der Folge eines der witzigsten Wortgefechte. Ersterer giftet Molina an, seine Partei wolle die Ehe ja ohnehin ganz abschaffen und es würde ihn ja niemand zwingen zu heiraten. Worauf Fabian ein spontanes „Zum Glück“, entfährt. Jaja, so hat Wermuth doch auch mal geklungen und trotzdem ist er inzwischen stolzer Papi.

Unterdessen demonstriert uns Claudia Meder eindrücklich, wie man sich erfolgreich mit seinen Aussagen in die Scheisse reitet. So ist schon die Formulierung „Ein Elternteil wird homosexuell“ problematisch noch schlechter ausgedrückt ist allerdings „Schwule, Lesben und anderes“, als handle es sich hier um Zootiere. Und definitiv ganz daneben ist es zu sagen: „Ich habe nichts gegen Schwule und Lesben, aber es ist nun einmal eine andere Beziehung als zwischen Mann und Frau.“ Sie kann froh sein, war kein Schwulenvertreter in der Arena zugegen.

Markus versucht Anian die Widersprüchlichkeit der aktuellen Gesetzgebung aufzuzeigen. „Es könnte ja sein, dass du schwul bist und niemand etwas davon weiss“, beginnt er, doch nach diesem Anfang hört eigentlich niemand mehr zu. Zu köstlich ist der entgeisterte Gesichtsausdruck von Anian.

Was ich einfach nie begreifen werde: Was ändert sich für Heterosexuelle, wenn Homosexuelle heiraten dürfen? Nichts. Absolut gar nichts. Warum sollen Mann und Frau ein Kind besser erziehen können, als ein gleichgeschlechtliches Paar? Die Vergangenheit hat uns gelernt, dass auch biologische Eltern grausam zu ihren Kindern sein können. Und ist es nicht besser, ein Kind wächst in einer Regenbogenfamilie auf, als in gar keiner?

Übre Gotthard, übre Gotthard flüged Bräme

Und dann kommen wir zu letzten Minderheit: Die Sprachminderheiten. Um genau zu sein, die italienischsprachige Schweiz. Im Einführungsvideo sehen wir einen alten Bekannten. Marco Solari, der schon einmal in der Arena zu Gast war und sich dabei eigentlich nur für eines einsetzt: Für das Tessin. So auch diesmal.

Ich persönlich vermute ja, dass man nur deshalb das Tessin als Sprachminderheit herangezogen hat, um mal wieder über den Gotthard zu streiten. Braucht der nun eine zweite Röhre oder braucht er nun keine? Das gibt Jonas Projer immerhin die Gelegenheit auch die Jungen Grünen mal miteinzubeziehen.

Lena Frank schlägt vor, durch beide Röhren Züge rattern zu lassen. Der bisher so gelassene Marcel Erhard findet das „bireweich.“ Und weil bireweich ein so schönes Wort ist, benutzt es Molina kurz darauf wieder, allerdings bezieht er es auf den Pannenstreifen, der während der Sanierung durch den Berg gezogen werden soll.

Gotthard hin, Gotthard her, auf jeden Fall fühlt sich das Tessin benachteiligt. Sie haben auch keinen Bundesrat. Und immer weniger junge Menschen wollen italienisch lernen. Das stimmt ja alles, aber a) ist es einfach nicht richtig, statt dem fähigsten Politiker, den mit der richtigen Sprache zu wählen und b) kann man junge Menschen nicht dazu zwingen, sich die Landessprachen anzueignen. Das ist das Ding mit den Quoten. Sie sorgen eben nicht für 
Gerechtigkeit.

Claudia Meder bringt die ganze Arena auf den Punkt: „Man kann nicht alles, was man durchboxen will, auf einer Minderheitendiskussion aufbauen.“ Ein fantastisches Schlusswort für eine fantastische und spannende Jugendarena. Da braucht sich die Politik wohl keine Sorgen mehr zu machen. Der Nachwuchs steht schon in den Startlöchern.

Auswertung:

Wen wir am ehesten mal an der Parteispitze sehen: Markus Zeier. Er sieht sogar so aus, wie das Klischee eines FDPlers.

Wer weniger Temperament  zeigen sollte: Fabian Molina

Wer mehr Temperament zeigen sollte: Jean – Pascal Ammann; Markus Zeier  

Würden ein gutes Duo abgeben: Fabian und Anian. Ich meine, die Namen wären perfekt für ein Schlagerduo!

Denkwürdige Dialoge:

Anian: „Die (=Homosexuelle) können ja leben in der Schweiz!“
Fabian sarkastisch: „Ja, und das ist schon viel. Sie dürfen leben.“

Anian: „Im Tessin haben wir das Problem der Masseneinwanderung.“
Projer: „Sie meinen Grenzgänger.“
Anian: „Genau. Grenzgänger.“

Projer: „Warum kommen Frauen nicht ins Fernsehen.“
Jean – Pascal: „Frauen sind intelligenter. Die tun sich das nicht an.“
Markus zu Lena: „Wir können uns auch einfach auf eine grüne Wiese setzen und unsere Wunschasylstücke zusammenbasteln.“

Best of Moderator

„Jetzt hat hier einmal eine Frau das Wort und schon wird sie ständig unterbrochen.“

„Meine Herren, wenn sie alle durcheinander reden, versteht man kein Wort!“

Jean – Pascal zur Gotthard – Thematik: „Ich bin Bauingenieur!
Projer: „Das bedeutet, sie sind der Einzige, der das Gerede hier begreift.“

Ich dachte schon, dass diese Arena lustig wird. Jungparteien sind noch unerfahren und geraten schneller in Rage, aber Sie sind oft spontaner, schlagfertiger und (wage ich jetzt inmal zu behaupten) ehrlicher. Eben noch nicht so professionalisiert wie die alte Garde).  


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen