Dienstag, 15. September 2015

Das Arena - Protokoll: In The Rich Man's World




Thema: Es handelt sich hier um eine sogenannte Wahlarena, die sich von der normalen Arena eigentlich nur dadurch unterscheidet, dass sie nicht im Studio (das im Übrigen immer aussieht wie das Innere eines Raumschiffes) stattfindet, sondern draussen an der frischen Luft (um zu demonstrieren: Wow, sind wir nahe beim Volk). In diesem Fall findet die Arena in Visp statt und es wird über die Wirtschaft diskutiert.

Teilnehmer:
·         Martin Bäumle (Parteipräsident GLP)
·         Rosmarie Quadranti (BDP)
·         Louis Schelbert (Grüne)

Hauptrunde:
·         Ruedi Noser (FDP)
·         Pirmin Bischof (CVP)
·         Sylvia Flückiger (SVP)
·         Corrado Pardini (SP)

Ach, und dann werden noch drei Normalos an den Rand der Arena gestellt, die sich mit einem wichtigen Anliegen direkt an die Politiker wenden können. In diesem Fall sind das eine hübsche Studentin, ein Schnösel im Anzug und ein Musiker, der aussieht, als käme er gerade aus Indien von einer Meditation.

Weil wir so schön sind, so schlau sind, so schlank und rank

Es gibt noch einen Unterschied zu einer gewöhnlichen Arena. Parteiwerbung gehört ja in jede politische Diskussion, aber dermassen unverhohlen wie so kurz vor der Wahlen, ist sie selten. Allerdings macht SRF es den Gästen auch geradezu lächerlich einfach, stellt doch der Moderator Jonas Projer als Erstes gerade die Frage: Wer hat die falschen Rezepte für die Wirtschaft?
Ruedi Noser legt gleich los und erklärt, dass die FDP schliesslich die Partei sei, die am meisten für die Wirtschaft tue. Stimmt. Sie besteht aber auch aus auffallend vielen Unternehmern. Also tut sie sich eigentlich nur selbst einen Gefallen, wenn sie sich für eine florierende Wirtschaft einsetzen. Noser selbst ist übrigens Inhaber einer IT – Firma. Das erwähnt er während der nächsten anderthalb Stunden auch noch gefühlte hundert Mal. Seiner Meinung nach haben eigentlich alle anderen Parteien die falschen Rezepte.

Sylvia Flückiger erklärt, es habe ohnehin viel zu wenig Unternehmer im Parlament. Ja, stimmt es hat praktisch keine Wirtschaftsleute. Dafür sind Arbeiter wie Pfleger, Verkäufer oder Coiffure an der Macht, weshalb ihre Interessen auch so oft Gehör finden. Ich persönlich finde ja, es sollte viel mehr Einhörner im Parlament geben, aber dummerweise hat sich noch keines zur Wahl gestellt. Ihrer Ansicht nach haben – erstaunlicherweise – die Linken keinen guten Einfluss auf die Wirtschaft.

Die Linken dagegen, finden dass ihr Gegenüber ganz falsch agiert. So sei es zum Beispiel nicht ratsam, sich dermassen abzuschotten, wie die SVP das verlange. Flückiger bestreitet das vehement, die SVP sei ja gar nicht für Abschottung. Da hat wohl jemand sein eigenes Parteiprogramm nicht sorgfältig gelesen.

Ausser ‚Meine – Partei – ist – die – Grösste‘ kommt nicht viel bei diesen Statements heraus. Aber die Frage war ehrlich gesagt auch ziemlich bescheuert, denn wer erwartet schon, dass ein SP – ler sagt: „Och, die Bürgerlichen machen das alles ganz toll; während unsere Partei einfach nur bekloppt ist.“

Wer ist jetzt noch einmal David und wer ist Goliath?

Nachdem also fleissig darüber gestritten wurde, ob man den Markt jetzt regulieren oder eben doch nicht regulieren soll (Überregulierung ist das neue Lieblingswort für diesen Wahlkampf), beginnt man sich dem Thema zuzuwenden, ohne dass man momentan gar keine Diskussion führen kann. Die Rede ist natürlich von der Masseneinwanderungsinitiative.

Eigentlich könnte man den Teil auch getrost überspringen, denn viel Neues ist nicht dabei. Als Vertreterin der SVP wird Sylvia Flückiger von den anderen Parteien in die Ecke gedrängt, worauf diese in üblicher stoischer Parteimanier dasselbe Programm abspult: Wir sind nicht gegen die Bilateralen (wir gefährden sie nur massiv), die Schweiz ist der zweitwichtigste Handelspartner der EU (Und die EU der wichtigste für die Schweiz, aber das ist ja eher nebensächlich) und überhaupt solle die Schweiz sich mal etwas mehr Selbstbewusstsein zulegen (Welteroberung, wir kommen).
Der Moderator lässt sie allerdings nicht so leicht davonkommen. Er fragt sie ganz direkt, was für Folgen es für die Schweizer Wirtschaft hätte, wenn die Initiative so umgesetzt werden würde. Sie blockt ab, indem sie kaltschnäuzig erwidert, die Frage sei falsch gestellt. Ist sie aber nicht. Es ist einfach eine hypothetische Frage (und eigentlich geht es in JEDER Arena um hypothetische Fragen). Doch obwohl der Moderator nicht lockerlässt, sie weicht ihm beharrlich aus.

Als Pirmin Bischof darauf hinweist, dass die bilateralen Verträge mit der Initiative hinfällig werden (was nebenbeigesagt mehr oder weniger wörtlich im Initiativtext steht), behauptet Flückiger, man müsse diese Verträge eben einfach neu verhandeln. Und wenn die EU nicht verhandeln will, nun, dann hat die Partei ja immer noch ihr Maskottchen Willy um es den „Anderen“ auf den Hals zu hetzen.

Am Ende dreht sich die Diskussion darum, wer jetzt mehr voneinander abhängig ist. Oder besser gesagt, ist die Schweiz denn jetzt Goliath oder David? Die Frage bleibt aber, wie so oft unbeantwortet. Da hätte man genauso gut in der Bibel nachlesen können.

Frauen sind die besseren Männer

Nun kommen wir zum viel beschworenen Fachkräftemangel. Auf gut deutsch bedeutet das, dass uns für viele Berufsstände inzwischen die entsprechenden Leute fehlen, weshalb wir auch darauf angewiesen sind, dass Fachpersonal aus anderen Länder bei uns angestellt werden kann. Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang an den geschmacklosen Scherz den sich Christoph Mörgeli erlaubt hat und der uns auf wunderbarerweise gezeigt hat, dass man tatsächlich herzlos, dumm und ignorant zugleich sein kann.

Es geht in der Arena aber nicht um das besagte Foto, sondern viel mehr um die Frage, wie man den Fachkräftemangel beheben kann. Schliesslich bringt es der Grüne auf den Punkt: Die Fachkräfte wären schon da, sie sind der Wirtschaft einfach zu weiblich oder zu alt.
An dem Punkt kommen die Gäste ins Spiel (Die Normalos, die am Anfang kurz vorgestellt worden sind und bis zu diesem Punkten nichts zur Diskussion beitragen konnten, was vielleicht symbolisch für das Volk stehen soll). Und zwar will die Studentin wissen, warum eine Frau für die gleiche Arbeit oft noch immer schlechter bezahlt wird.

Jeder einzelne Politiker erklärt daraufhin, dass das natürlich nicht sein dürfte. Wenn Lohngleichheit also so klar ist, warum haben wir sie immer noch nicht? Es scheitert an den Kontrollen, denn das Parlament will nicht Lohnpolizei spielen. Und überhaupt, findet Pirmin Bischof, könnten die Frauen ihr Recht ja einklagen. Prinzipiell eine schöne Idee. Nur ist es a) nicht unbedingt so fördernd für die Karriere, wenn man den Chef verklagt und b) ist so ein Prozess nicht gerade billig. Abgesehen davon, warum sollte eine Frau für etwas kämpfen müssen, wenn ein Mann es einfach so bekommt? Das ist wohl kaum Gleichstellung. Das bemerkt auch die Studentin, die trocken festhält, es sei jetzt wieder viel geredet worden, aber wirklich etwas ändern würde dann doch keiner. Recht hat sie!

Die Katze bitte nicht in die Mikrowelle stecken

Der zweite Normalo (der Schnösel), beklagt sich über die vielen Vorschriften und Auflagen, welche
die Unternehmen erfüllen müssen. Auslöser dafür ist der sogenannte Lasagne – Vorfall. Dabei handelt es sich leider um etwas deutlich weniger Appetitlicheres als der Name es vermuten lässt. Dabei wurde in der Lasagne leider Pferde - statt Rindfleisch gefunden, was zu einem regelrechten Skandal ausartete.

Damit so etwas nicht wieder vorkommen kann, hat das Parlament die Vorschriften was die Deklaration von Lebensmitteln angeht, massiv verschärft. Das führt zu einigen (naja ziemlich vielen) lächerlich klingenden Bestimmungen (wir erinnern uns an das berühmte Bündnerfleisch). Diese Bürokratie haben wir – laut Ruedi Noser – den Linken zu verdanken. An der Theorie gibt es nur einen Haken: Unser Parlament ist bürgerlich. Und wenn es nicht immer Betriebe geben würde, die irgendwelche Schlupflöcher in den Bestimmungen suchen, um sich doch noch irgendwie aus Schwierigkeiten zu winden, müsste man auch nicht jeden Blödsinn schriftlich festhalten.

Ruedi Noser, der ja ein Herz für arme Unternehmen hat, findet, das Parlament sollte den Mut haben, einmal im Jahr keine Regulierungen mehr vorzunehmen, ausser es ist ein Notfall. Also, die Idee ist eigentlich, dass die Wirtschaft tun und lassen kann was sie will, wenn es aber schief geht (*hust* UBS *hust*) kann die Politik wieder einspringen.  

Schön, dass wir darüber geredet haben

Um noch mehr zu demonstrieren, dass man auf das berühmt berüchtigte Volk eingeht, hat man einen Arbeitslosen in die Sendung eingeladen. Dies um aufzuzeigen, dass es in der Schweiz nicht so einfach ist, wenn man seinen Job verliert. Das hat jedoch einen etwas befremdlichen Charakter. Klar, der Herr hat sich sehr wahrscheinlich freiwillig gemeldet, aber dennoch finde ich es nicht sehr sensibel, wenn man einen Menschen, der mit Existenzängsten kämpft ins Rampenlicht zerrt und ihn dann staunend betrachtet, als sei er ein äusserst seltenes Exemplar eines rosafarbenen Papageien.

Der Effekt ist aber da. Bei der Diskussion, wer denn nun Verantwortung für Arbeitslose übernehmen muss, geht es überraschend sanft zu und her. Flückiger und Noser nutzen ihre Redezeit um auf ihr eigenen Unternehmen hinzuweisen, in denen es offenbar vorbildlich zu und hergeht. Geradezu paradiesisch, denn hier werden ältere Arbeitnehmer gefördert und nicht rausgeschmissen! Glauben wir es den beiden jetzt mal.

Lösungen wurden nicht gefunden, weder für dieses Problem noch für alle anderen Wirtschaftsprobleme, aber das wäre auch etwas zu viel verlangt gewesen. Es war sehr viel Parteiwerbung und weniges, das Hand und Fuss hatte. Aber es war eine angenehme und humorvolle Runde, die zwar mit harten Bandagen kämpfte, Anstand und Höflichkeit jedoch nicht vermissen liess.

In diesem Sinne: Schön, dass wir darüber geredet haben.

Auswertung

Frage des Tages: Was ist eigentlich eine Nettoperson? Oder anders gefragt, was ist das Brutto einer Person.

Schrägste Theorie: Martin Bäumle erklärt, der Fachkräftemangel komme daher, dass der Staat zu viele Stellen schaffe zum Beispiel im Krankenhaus. Stimmt. Wer braucht schon Ärzte.

Blödestes Wort: Regulierungsfolgenkostenabschätzung

Wen es eigentlich nicht gebraucht hätte: Die drei Normalos. Zu wenig eingebunden.
Wer am leidenschaftlichsten argumentierte: Corrado Pardini

Ähnlichkeiten: Sylvia Flückiger ist ein bisschen wie Umbridge aus Harry Potter. Süsslich und doch irgendwie beängstigend. Bestimmt hat sie auch Katzen. Und Ruedi Noser redet genau wie Peach Weber.

Denkwürdige Dialoge:

Flückiger: „Wir verhandeln!“
Moderator: „Äh, aber es finden noch gar keine Verhandlungen statt!“
Flückiger: „Aber sie werden stattfinden!“

Pardini redet sich armefuchtelnd immer mehr in Rage, während der Moderator versucht das Gespräch wieder an sich zu reissen.
Moderator: Ähm, also…
Pardini redet ungehindert weiter. Moderator stellt sich neben ihn und legt ihm die Hand auf die Schulter: „Herr Pardini? Sie sind Gewerkschafter.
Pardini: Ja?
Moderator: Ich bin Moderator!






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