Freitag, 7. August 2015

Der Stammtisch






Als ich die Kneipe betrete, ist der Stammtisch schon voll besetzt, nur mein Stuhl ist noch leer. Rosie steht hinter der Bar und brütet über einem Kassenzettel, hebt aber den Kopf als sie meine Schritte vernimmt. Sie schenkt mir dieses spitzbübische Lächeln, mit dem sie ihre Gäste um den Finger wickelt. „Grüss dich, Maik! Das Übliche?“

Ich nicke. Wie gerne hätte ich etwas Neckisches, Freches oder Witziges gesagt, aber immer wenn ich Rosie sehe, die mit ihren runden Formen und den vollen Lippen so ziemlich genau meinen jugendlichen Fantasien entspricht, fehlen mir die Worte. Wobei, eigentlich fehlen mir die immer. Es ist schwer für mich, mit anderen Menschen zu reden. Nicht weil ich Menschen nicht mag, im Gegenteil. Das Problem sind die nicht die Menschen, das Problem bin ich. Jedes Mal, wenn ich etwas sagen will, sitzt da ein Kloss in meinen Hals und verhindert, dass sich die Worte, die in meiner Seele brennen, ihren Weg nach draussen kämpfen.

Deshalb bin ich so gerne hier. Am Stammtisch brauche ich nicht viel zu sagen, da sprechen andere und es ist so wunderbar leicht einfach nur zuzuhören, zu nicken und sich dabei nicht unwohl, sondern einfach nur geborgen zu fühlen. Meine Eltern sehen es nicht so gerne, dass ich jeden Abend in die Kneipe gehe, aber es ist ihnen lieber, als wenn ich immer nur meine Bücher lese. So komm ich zumindest unter die Leute, meinen sie.

„Maik! Mensch, Junge, dachte schon du tauchst gar nicht mehr auf.“ Albert schlägt mir so fest auf den Rücken, dass ich zusammenzucke. Er ist ein rauer Bauarbeiter, der den ganzen Tag schwer arbeitet und seine Kraft manchmal nicht richtig einschätzen kann. Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich vor ihm gefürchtet, weil er aussieht wie ein Bär. Aber er ist vom Naturell her eher sanft, wenn auch nicht sonderlich klug. Trotzdem mag ich Albert sehr.

„Hast du es auch schon gehört?“, fragt mich Peter, kaum habe ich mich hingesetzt. Peter wirkt hektisch und aufgekratzt, rote Flecken prangen auf seinen blassen Wangen. Er ist nur ein paar Jahre älter als ich und arbeitet an einer Tankstelle. Sein Markenzeichen sind seine weiten schwarzen Pullover mit den aufgedruckten Bandlogos. Zumindest behauptet er, dass es Bandlogos sind, denn die dazugehörigen Namen sind uns alle immer völlig unbekannt.

Ich hebe die Schultern um anzudeuten, dass ich es nicht gehört habe, worum auch immer es sich bei ‚es‘ handelt. Hier am Stammtisch verstehen sie meine stummen Gesten. Immer. Peter schnaubt verächtlich. „Die Stadt will ein Asylzentrum bauen. Hier, in unserem Dorf.“
Politik interessiert mich eigentlich nicht, auch wenn es hier immer wieder zum Thema wird. Ich rede lieber über andere Sachen. Über den neuesten Verehrer von Rosie, über Alberts Kinder, über neue Jobs und alte Liebschaften, vergossene Tränen und gemeinsame Abenteuer. Sachen, die alltäglich, greifbar, wirklich sind. Politik hatte immer etwas Schlüpfriges. Unter einem Asylzentrum kann ich mir eigentlich gar nichts so richtig vorstellen, also sage ich nur leise: „Oh.“

„Oh? Du sagst einfach Oh?“, fragt Markus ungläubig. Ihn mag ich von allen am Wenigsten. Er ist ein pingeliger, ältlicher Mann, der bei der Post arbeitet und an allem etwas auszusetzen ist. Nörgelig und besserwisserisch macht er es einem nicht leicht ihn zu mögen, aber irgendwie gehört er dazu.

„Noch ist es nicht gebaut“, knurrt Albert und entbindet mich so von einer Antwort.
Alex seufzt schwer. Er wird von uns auch der schöne Alex genannt, weil er mit seinen blonden Locken und den blauen Augen wirklich ein süsser Kerl ist. Rosie wirft ihm immer schmachtende Blicke zu und darum beneide ich ihn glühend. Aber es ist schwierig, ihn nicht gern zu haben, diesen freundlichen, charmanten Mann. „Wenn der Staat das so will…“
Albert schlägt so heftig auf den Tisch, dass ich erschrocken zusammenzucke. „Das ist unser Dorf! Warum sollen diese fremden Oberbonzen entscheiden, wen wir bei uns wohnen lassen und wen nicht?“

Das Dorf ist für Albert sehr wichtig. Ich glaube, seine grösste Angst ist es, dass es irgendeinmal kein Dorf mehr sein wird, sondern eine Stadt. Er mag die Beschaulichkeit, die Übersichtlichkeit, das Gefühl, hier seinen Platz zu haben. Hier kennen alle Albert, der für jeden einen Rat und ein offenes Ohr hat und der schon an fast jedem Haus irgendetwas geflickt oder geschraubt hat. In einer Stadt wäre er einfach nur ein Mann unter vielen. Aber Albert ist kein Mensch, der gerne in der Masse untergeht. Dennoch finde ich es seltsam, dass Albert, der so viele Häuser mit seinen eigenen Händen erbaut hat, sich dagegen sträubt, eines für Menschen zu bauen, die es wirklich brauchen würden.


„Wo sollen sie denn sonst hin?“, frage ich leise, es entschlüpft mir einfach so.

„Es gibt doch noch andere Dörfer! Die besser geeignet sind“, faucht Markus mich an.
Eingeschüchtert schweige ich, auch wenn ich nicht so recht verstehen kann, wie ein Dorf besser oder schlechter geeignet sein kann, Menschen bei sich aufzunehmen. Markus scheint es mir aber anzusehen, dass ich anderer Meinung bin und schiebt nach: „Oder willst du etwa, dass hier bald mehr Ausländer als Dorfbewohner rumlaufen?“
Peter nickt eifrig. „Da stehst du dann plötzlich hinter einer Schlange von lauter Schwarzen an der Kasse.“

Warten musst du auch, wenn es Weisse sind, denke ich, aber ich wage es nicht mehr, zu widersprechen. Ich will, dass sie das Thema fallen lassen. Es ist mir unangenehm. Es ist seltsam, anderer Meinung als sie zu sein. Die Wahrheit ist manchmal wie eine bunte Glasscherbe und je nachdem wie das Sonnenlicht darauf fällt, leuchtet die Farbe in einer anderen Nuance. Bis jetzt haben unsere Farben immer übereingestimmt. Bis jetzt.

„Und dann können sie nicht einmal unsere Sprache“, beschwert sich Alex. Ausgerechnet er, der keinen Satz Französisch spricht, der noch nie freiwillig ein Buch zur Hand genommen hat und für den Sprache nicht mehr ist, als ein Mittel der Kommunikation. Ausgerechnet er, der Legastheniker ist und mit dem geschriebenen Wort so sehr kämpft, wie ich mit dem gesprochenen. Er kann bestimmt nicht einmal zwanzig Verben fehlerfrei konjugieren.

„Sie können sich nicht anpassen! Glauben ihre Kultur sei besser als unsere. Beten zu ihrem Allah und verlangen von uns, dass wir unseren lieben Gott verleugnen!“ Peter klingt so zornig, wie ich ihn noch nie gehört habe. Ich habe auch noch nie gehört, dass er von Gott spricht. Peter geht nicht in die Kirche, er trägt kein Kreuz und wenn Albert seine schmutzigen Witze über Priester reisst, lacht er immer am lautesten. Er kennt ja nicht einmal seinen eigenen Gott, wie kann er da einen anderen Gott hassen.

„Die Religion ist das Schlimmste! Und wie die mit ihren Frauen umgehen. Zwingen sie, diese furchtbaren Mäntel und Kopftücher anzuziehen, sogar in der grössten Hitze!“ Markus schüttelt fassungslos den Kopf. Ich kenne Markus‘ Frau, ein verhärmtes und verschüchtertes Wesen. Sie spricht so leise, dass man sie kaum verstehen kann und meidet jeden Blickkontakt. Und immer wieder sieht man auf ihrer Wange Blessuren in den schillerndsten Farben, ebenso wie auf ihren Armen. Entweder war sie fürchterlich ungeschickt oder aber Markus lässt seine Wut an ihr aus.     

„Respektlos wie die mit ihren Weibern umgehen“, pflichtet ihm Alex bei, der an keiner Frau vorbeigehen kann ohne ihr nachzupfeifen und der Rosie gerade jetzt mit seinen Blicken auszieht. Eine merkwürdige Form von Respekt und Zuneigung, wenn man die Frauen behandelt, als seien sie Freiwild oder nur schmückendes Beiwerk.

„Ihr werdet sehen, wenn die kommen ist es aus mit dem Frieden hier“, behauptet Albert mit seiner lauten dröhnenden Stimme. Das macht mir Angst. Ich will nicht, dass es hier anders wird. Und wenn sie wirklich kommen, diese fremden Menschen, dann wird sich alles verändern. Der Friede ist da dann wirklich weg, weil Albert, Peter, Alex, Markus und all die anderen dieses Asylzentrum bekämpfen werden. Wird es dann noch überhaupt einen Abend geben, an dem wir nicht über Ausländer sprechen.

„Wieso bleiben die auch nicht in ihren Ländern? So schlimm kann es dort doch nicht sein, wo sie herkommen“, murrt Peter. Wie schlimm muss es denn sein, wenn man sich dazu entschliesst, alles zu verlassen, was einem lieb und teuer gewesen ist. Wie schlimm muss es denn sein, wenn man Hunger und Durst in Kauf nimmt, wenn man findet, dass es besser sei beim Versuch einer Flucht zu sterben, als in seinem Land weiterzuleben? Wie schlimm muss sein, wenn man die Heimat hinter sich lässt, um in ein Land zu gehen, dass zwar sicher ist, wo aber Menschen mit kalten Augen und noch kälteren Herzen einen belauern und beurteilen?

Wie schlimm steht es um uns, wenn wir das Leiden eines Menschen hochrechnen, weil wir glauben es sei unsere Aufgabe, zu ermessen ob sie Glück und Frieden verdient haben?

Auf einmal ist mir nicht mehr recht wohl. Das wohlige Gefühl, dass ich sonst an diesem Tisch empfinde, will sich einfach nicht einstellen. Abrupt stehe ich auf. „Ich muss jetzt gehen“, murmle ich. Albert streicht über den Rücken, die anderen heben nur kurz die Hand zum Abschied. Sie sind zu vertieft in ihr Gespräch.

Rosies Lächeln vermag es nicht, mich aufzuheitern. Obwohl es ein warmer Abend ist, schlinge ich schützend die Arme um mich, als ich in die frische Luft trete. Ich wünsche mir sehnlichst, dass ich nie etwas von diesem Asylzentrum gehört hätte. Ich hätte nicht mehr in die Kneipe gehen sollen. Es tut mir weh, dass dieselben Männer, die mir so nahe gewesen sind, jetzt so fern scheinen. Diese Fremden treiben einen Keil zwischen uns, obwohl sie gar noch nicht hier sind.

Aber es ist nicht ihre Schuld. Sondern unsere. Uneinigkeit hat nichts mit äusseren Umständen zu tun.

Vielleicht haben sie auch Recht, denke ich, während ich die Strasse entlang schlendere. Ausländer, die kein Deutsch sprechen und unsere Kultur nicht kennen, die unsere Werte nicht weitertragen können, sind hier vielleicht wirklich fehl am Platz. Aber irgendwie kann ich es nicht glauben. Wie kann ein Mensch denn fehl am Platz sein? Wenn die reiche, sichere Schweiz nicht der richtige Platz ist für diejenigen, die so dringend ein Heim brauchen, wo ist dieser richtige Platz dann?

Ich fühle mich schlecht. Ich hätte etwas sagen müssen. Albert, Peter, Markus und Alex sind gute Menschen. Sie sind einfach verbohrt und wissen es nicht besser. Aber wenn man es besser weiss und trotzdem schweigt, ist das schlimmer, als einfach nur aus Dummheit den Weg des Hasses zu gehen. Aber ich will meine Freunde nicht verlieren.

Über mir färbt sich der Himmel langsam violett. Ich lege den Kopf in den Nacken und betrachte das vertraute Naturschauspiel. Ich werde nachhause gehen, mich zu meinen Eltern vor den Fernseher setzen, die Zähne putzen und danach in ein warmes Bett schlüpfen. Meine Mutter wird mich morgens wecken, mir das Frühstücksei machen, mich fragen wie ich geschlafen habe. Mein Vater wird seine Autoschlüssel nehmen, Mutter auf die Wange küssen und mir die Schulter drücken, bevor er zur Arbeit fährt. Ich werde geborgen, geliebt und umsorgt sein. Und ich werde es auch noch sein, wenn die Asylanten kommen, denn dass dieses Land auch ihre Heimat wird, ändert nichts daran, dass es auch meine Heimat ist.

Während der Stammtisch darüber diskutiert, wie man das Dorf vor dem Asylheim schützen kann, rennt irgendwo ein kleines Mädchen mit blossen Füssen über brennende Erde, während hinter ihr alles zerstört wird, was einst ihr Leben ausgemacht hat. Sie rennt, in der Hoffnung irgendwo eine Tür zu finden, die in eine andere Welt führt, eine Welt ohne Morden und Sterben, eine Welt in der sie die Chance hat erwachsen zu werden. Sie weiss nicht, dass ihr Rennen vergeblich ist, weil andere bereits dabei sind, die Tür zu schliessen. Und wenn sie diese Welt erreicht, wird sie ausgesperrt sein, weil die einen sich vor ihr fürchten, vor ihr, dem kleinen Mädchen, das ihre Sprache nicht spricht und zu einem anderen Gott betet. 

Darum ist die Tür zu.

Und sie bleibt geschlossen, weil die anderen schweigen.

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Anmerkung: Die Idee zu diesem Text spukt mir schon eine Weile im Kopf herum. Asylpolitik ist ja augenblicklich in aller Munde, was auch dem langsam anrollendem Wahlkampf geschuldet ist. Die Thematik ist sensibel, tatsächlich kann man kaum darüber diskutieren ohne dass es heftig zu – und hergeht, egal ob es nun in privaten oder politischen Kreisen geschieht.

Ich gebe zu, der Text steckt voller Klischees. Der Stammtisch, Maiks einfach gestrickte Kollegen, die sich über die Asylanten beschweren, die Moral, dass Schweigen zwar einfach, aber nicht immer richtig ist. Zudem hat der Text keine – oder kaum – Handlung, ist unaufgeregt, die Charaktere entwickeln sich nicht. Aber der Text enthält genau das, was ich empfinde und gewissen Leuten gerne sagen würde. Politiker, die sich über das Schicksal von Menschen hinwegsetzen, weil sie glauben, damit Wahlkampf machen zu müssen. Politiker, die sich über Statistiken hinwegsetzen und behaupten sie seien falsch, einfach weil sie nicht in ihr verdrehtes Weltbild passen. Politiker, die gar nicht den Versuch machen zwischen Ausländern und Schweizern zu vermitteln, sondern alles noch vergiften mit ihrem eigenen Hass.

Plädiert man für einen menschlichen Umgang mit Asylanten wird man oft als naiv und Gutmensch bezeichnet. Man sehe die Realität nicht, wird einem dann entgegengeworfen. Doch, man sieht die Realität durchaus. Man sieht, dass ein kleines Land nicht alle Flüchtlinge aufnehmen kann. Aber man macht es sich nicht so einfach, die Menschlichkeit einfach wegzuschieben. Denn es ist verdammt einfach, hart im Asylwesen durchzugreifen, wenn man den Gedanken wegschiebt, dass es Menschen mit einem schlagenden Herz und einer eigenen Seele sind, die da an unsere Tür klopfen. Das ist Verweigerung der Realität. 

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