Samstag, 4. Juli 2015

Das Arena - Protokoll: Wir sind die Guten!



Das Arena – Protokoll: Wir sind die Guten!

Thema: Falls es jemand noch nicht gemerkt hat: Im Herbst 2015 sind Wahlen. Unser Parlament wird neu zusammengesetzt. Und diese Arena beschäftigt sich mit der Frage: Wer wird zu den Verlierern gehören und wer zu den Gewinnern? Oder anders gesagt: Reden wir anderthalb Stunden über etwas, das wir gar noch nicht wissen können, aber so füllen wir immerhin Sendezeit.

Die Kämpfenden:
Philipp Müller: Parteipräsident der FDP (Für Die Protzigen)
Regula Rytz: Parteipräsidentin der Grünen (Politisierende Vegetarier)
Martin Landolt: Parteipräsident BDP (Blocher ist ein Depp Partei)
Toni Brunner: Parteipräsident SVP (Selbst Vögel sind die besseren Politiker)

Peter Rothenbühler: Vertreter der Romandie
Marco Solari: Vertreter des Tessins.

Money, Money, Money

Weil die Arena nun einmal kein Kinderspielplatz ist, werden gleich richtig harte Geschütze aufgefahren: Knallhart werden die Politiker mit Schlagzeilen der Vergangenheit konfrontiert. Zweimal wird dabei der „Blick“ zitiert. Wie man weiss, ist dass die aussagekräftigste und seriöseste Zeitung der Schweiz, von der man weiss, dass sie viel Zeit in sorgfältig recherchierte Artikel investiert. Da kommen die Politiker natürlich ordentlich ins Schwitzen!

Toni Brunner, der mindestens so reisserisch daherredet wie der Blick, braucht ganze drei Sekunden, bis er anfängt darüber zu lamentieren, dass die Demokratie in Gefahr ist. Das ist selbst für ihn ein Rekord. Dann schwenkt er gleich zu einem anderen Lieblingsthema über und erklärt, internationale Regelungen seien ganz und gar unwichtig, schliesslich stände alles Wichtige in der Schweizer Bundesverfassung. Ja, nur Schweizer sind Menschen. Alles andere ist Beilage.

Nach diesem Einstieg geht es gleich weiter. Das aktuelle Wahlbarometer wird ausgewertet. Nach diesem werden die Grünen zu den Verlierern zählen. Woran denn das läge, will der Moderator wissen, und was die FDP, welche sehr gute Umfragewerte hat, denn besser mache. Und spätestens da beweist Frau Rytz, dass sie wesentlich mehr kann, als freundlich in die Kamera zu lächeln. „Zum Beispiel haben sie wesentlich mehr Geld zur Verfügung“, erklärt sie brüsk.

Damit stösst sie eine hitzige Diskussion an. Das sei ja gar nicht wahr, ereifert sich Philipp Müller. Richtig empört ist er, als ihm die grüne Parteipräsidentin vorwirft, er lasse sich von gewissen Unternehmen quasi sponsern. Spätestens da, wünscht sich Müller wahrscheinlich Christian Levrat in die Arena. Wenn der zu solchen Rundumschlägen ausholt, klingt es dank seines französischen Akzentes, wenigstens nett.

Müller wehrt sich und erklärt, in seiner Partei wüssten grundsätzlich nur er selbst und der Generalsekretär woher die Spenden kämen. Ja, das macht alles natürlich viel vertrauenswürdiger, wenn man nicht einmal so genau weiss, wer einen finanziert. Toni Brunner will Philipp Müller in Schutz nehmen, plappert dann aber etwas von der gelebten Demokratie. Das hat zwar nicht das Geringste mit der Frage der Parteifinanzierung zu tun, aber ist nun einmal Toni Brunners Lieblingsthema.

Wenn ich Toni Brunner mit faulen Äpfeln bewerfe…ist das dann auch gelebte Demokratie?


„Echt? Hab ich das mal gesagt? 

Nun kommen wir zum Lieblingsthema der Grünen: Die Energiewende. Kurz nach dem furchtbaren Atomunglück in Japan, hatte die grüne Partei einen extremen Aufschwung. Und prompt haben auch alle anderen Parteien sich dem Thema des Atomausstiegs angenommen. Jetzt ist der Schock verdaut und die Energiewende irgendwie stecken geblieben.

Regula Rytz erinnert Philipp Müller an seine Versprechen. „Wenn man ein Versprechen gibt, sollte man es auch halten“, sagt sie mit trauriger, enttäuschter Stimme. Das ist wirklich süss, denn es gibt wahrscheinlich sehr wenige Politiker, die sich an diesen Grundsatz halten oder sich auch nur daran erinnern können.

Wobei man sagen muss: Die FDP hatte eine Zeit lang so furchtbare Umfragewerte, wenn damals gerade Einhörner in aller Munde gewesen wären, hätte sie vermutlich auch versprochen eine Herde zu züchten (was ich, nebenbei bemerkt, ein wunderbares Wahlversprechen fände).

Auf jeden Fall kann sich Philipp Müller partout nicht daran erinnern, jemals etwas von Energiewende gesagt zu haben, denn ihnen ist inzwischen aufgefangen, dass die a) teuer wäre und b) ein ziemlicher Aufwand für die Unternehmen bedeuten würde. Und den Unternehmen geht es ja soooo schlecht, jammert Müller, da kann man ihnen so etwas nicht zumuten.

Toni Brunner wird bei diesem Thema noch poetisch. „Die Schweizer Wirtschaft wird von der Politik in ein Korsett gezwängt“, verkündet er mit seinem üblichen Grinsen. Ja, und die SVP schnürt es mit ihrer Masseneinwanderungsinitiative gleich noch ein bisschen enger. Nachdem sich alle gegenseitig Schwindeleien und Betrug vorgeworfen haben, erklärt Müller die ganz klare Haltung der FDP: Energiewende ja…aber nicht gerade jetzt!

Ene meine muh und schuld bist du!

Wie üblich gelingt es Toni Brunner die Runde an sich zu reissen. Mit Energiepolitik hat sich die SVP ja noch nie sonderlich gerne beschäftigt, also wendet er sich flugs einem anderen Thema zu: Der herrschende Bürokratiewahnsinn. Seiner Meinung nach sind alle anderen Parteien daran schuld, weil diese immer völlig unsinnige Initiativen lancieren. Ach ja. Irgendeine Partei will doch sogar eine Durchsetzungsinitative durchboxen…welche war das denn jetzt schon wieder?

Überhaupt soll man der Wirtschaft mehr Freiraum lassen, fordert er. Stimmt. Das hat ja in den letzten Jahren so wunderbar geklappt. Die Unternehmen haben ja eindrücklich bewiesen, dass sie in der Lage sind, fair und ehrlich zu wirtschaften.  Ja, am besten schafft man auch gleich das Arbeitsgesetz und die Gewerkschaften ab, damit sie endlich mal so richtig arbeiten können und sich nicht mehr mit den lästigen Regeln beschäftigen müssen.

Statt über ein wahlrelevantes Thema, wird jetzt munter darüber gestritten, wer schuld ist an der umständlichen Bürokratie. Irgendwie kommt man dabei – natürlich – auf die Masseneinwanderungsinitiative. Dem Moderator fällt plötzlich ein, dass da ja noch Gäste sind. Die Vertreter der Romandie und dem Tessin sind unterschiedlicher Meinung. Während Peter Rothenbühler erklärt, sie hätten kein Problem mit der Einwanderung, jammert Solari über die katastrophalen Zustände im Tessin.

Aber eigentlich will man gar nicht über die Ausländerfrage diskutieren, auch wenn Toni Brunner immer wieder das Gespräch darauf lenken will. Als der Moderator wieder davon abschwenkt, beginnt der Parteipräsident wieder andere Parteien zu attackieren. Gemeinerweise verbünden die sich nämlich immer wieder, m Vorstösse im Parlament durchzubringen. Nun so ist das eben im Sandkasten. Mit dem Kind, das den anderen immer wieder mit der Schaufel eins auf den Kopf gibt, will am Ende niemand mehr spielen.
Auf berechtigte Einwände, die Masseneinwanderungsinitiative sei ja ein Paradebeispiel für diese Bürokratietiger, die Brunner so scharf kritisiere, entgegnet der, man könne ja einfach ein altes Konzept aus der Schublade nehmen. Wahrscheinlich wurde das damals schon beim Rütlischwur verfasst, aber die Welt hat sich seit dem ja ohnehin nicht gross verändert.

Die Schweiz den Schweizern

Und jetzt ein Hoch auf die Romandie! Denn Peter Rothenbühler erkennt glasklar, dass Toni Brunner die Arena manipuliert. Denn statt über verschiedene  Wahlthemen zu sprechen, wird auf einmal wieder nur über die SVP gesprochen, die anderen verkommen zu Statisten. „Ich bin froh, haben wir in der Romandie keinen Toni Brunner“, bemerkt Rothenbühler trocken und erntet dafür spontanen Applaus von den Studiogästen.

Der Moderator ist entsetzt. „Ich schätze es nicht, wenn gegen einen geschätzten Gast applaudiert wird“, erklärt er verschnupft. So viel zum Thema, die Medien in der Schweiz seien total links ausgerichtet. Wenn Toni Brunner anwesende Politiker als „Problem“ bezeichnet und sich abfällig über Ausländer äussert, ist das kein Problem, aber sobald er mal einstecken muss, muss man ihn schützen.

Aber nicht einmal dieser Frontalangriff kann das blöde Grinsen von Brunners Gesicht wischen, denn jetzt kommt endlich ganz offiziell die Asylproblematik auf den Tisch. Über das hätte man bis jetzt kaum noch geredet, behauptet er. Ja, nur etwa dreiviertel der Sendezeit.

Inzwischen hat Marco Solari jedoch von Brunner gelernt. Geschickt lenkt er das Thema von den Missständen des Asylwesens auf sein ganz persönliches Anliegen: Das Tessin braucht wieder einen Bundesrat, der sich Tessiner – Themen annimmt. Die anwesenden Politiker erinnern ihn jedoch daran, dass sich dafür die Tessiner – Politiker mal auf einen Kandidaten einigen müssten, denn dass es im Tessin nicht so funktioniert, wie es sollte, liegt ja auch daran, dass die Politiker dort völlig zerstritten sind. Oder noch zerstrittener als in Bern.

Eine ganz ausgezeichnete Lösung für dieses Problem hat natürlich wieder Toni Brunner, der sich gut ein Mitglied der Lega im Bundesrat vorstellen könnte. Es gäbe ja dort noch andere Mitglieder, die eigentlich nichts darin verloren hätten, fügt er mit einem Seitenblick auf den BDP – Chef Landolt zu. Dieser beweist jedoch Stil und geht auf diese Provokation gar nicht ein. Der Moderator sagt übrigens auch nichts dazu. Mitglieder des Bundesrates zu beleidigen, ist offenbar nicht schlimm, wie ein SVP – Mitglied zu beleidigen.

Für Tessiner scheint es nur Tessiner zu geben, der Rest ist nicht so wichtig. Für die SVP gibt es nur Schweizer und der Rest ist überhaupt nicht wichtig. Die Schweiz gehört den Schweizern. Kümmert es uns, wenn Flüchtlinge an unsere Tür klopfen? Berührt uns ihr Elend? Unsere Politiker scheint es nicht zu kümmern. Sie lamentieren lieber über die furchtbaren Arbeitsbedingungen unserer Grenzwächter und erzählen Geschichten über alte Frauen, die von Ausländern belästigt werden.

Am Ende steht der Anfang

Und zu welchem Schluss kommt man? Zu gar keinem. Nach fast zwei Stunden harter und oft grenzwertiger Diskussion, ist man genau gleich weit, wie am Anfang. Auffallend ist der aggressive Tonfall der Politiker. Statt über konstruktive Lösungen zu sprechen, wird einander einfach die Schuld zugeschoben.

Es ist bezeichnend, dass die eigentlich scherzhaft gemeinte Frage, was die Politiker ihren Gegnern zur Entspannung vorschlagen, sowohl von Frau Rytz als auch Toni Brunner mit weiteren giftigen Worten beantwortet wird. Lediglich Martin Landolt und Philipp Müller scherzen, sie würden in das Restaurant von Toni Brunner gehen. Es sind diese Momente, die einen glauben lassen, dass unsere Politik doch noch einigermassen friedlich ist.

    
Auswertung

Meist genannte Worte: Energiewende und Frankenschock.

Schönste Metapher: Philipp Müllers Definition der Masseneinwanderungsinitiative: „Das Volk hat uns damit einen riesigen Steinbrocken in die Wohnung geschmissen, den wir in handliche Stück schlagen müssen, um ihn wieder aus dem Fenster zu bringen.

Seltsamste Wortkreation: Toni Brunners „Nettozuwanderer.“

Person, die dringend einen Maulkorb benötigte: Toni Brunner. Kann niemanden ausreden lassen, ist oft grob, unhöflich, sieht nicht über den Parteitellerrand.

Person, welche sehr souverän agiert hat: Martin Landolt. Sehr ruhig, gelassen, lässt sich nicht auf Provokationen ein, trotz schwierigen Standes seiner Partei, ein sehr selbstbewusstes Auftreten.






 




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