Samstag, 13. Juni 2015

Arena - Protokoll: Ihr Kinderlein kommet...




Thema: Frauen bekommen vor und nach der Geburt Mutterschaftsurlaub. Männer dagegen nicht. Das wollen einige Politiker jetzt ändern und den Vätern ebenfalls eine „Papizeit“ auf Kosten des Staates ermöglichen.

Gladiatoren äh ich meine Arenagäste:

Cedric Wermuth: SP – Politiker und frischgebackener Vater, ist dafür
Nadja Pieren: SVP – Politikerin und Leiterin einer KITA, ist dagegen
Julia Onken: Psychologin, Buchautorin und Feministin (jetzt braucht es schon Emanzen um für Männerrechte zu kämpfen), ist dafür
Andrea Caroni: FDP – Politiker, ist dagegen

Markus Theunert: Präsident des Dachverbandes Schweizer Männer, ist natürlich dafür
Karin Lenzlinger: Unternehmerin, ist dagegen

Männer sind auch Menschen

Ehrlich gesagt dachte ich, es würde keine allzu emotional geführte Diskussion geben. Denn wer sollte etwas dagegen haben, wenn Männer ebenfalls die Möglichkeit haben, die ersten Wochen bei ihrem Kind zu verbringen? Mann glücklich, Frau glücklich, Kind glücklich, alle glücklich. Dank den Gegnern der Vaterzeit weiss ich jetzt aber: Die Wirtschaft wird zusammenbrechen, wenn Väter zwei oder gar vier Wochen nicht zur Arbeit gehen! Unternehmen werden untergehen! Ja, es wird eine wirtschaftliche Apokalypse geben und das alles nur weil es Männer gibt, die das lächerliche Bedürfnis verspüren, bei ihrem neugeborenen Kind zu sein.  

Wobei auch die Befürworter der Elternzeit nicht vor Dramatik zurückschrecken. Wenn Väter die ersten Wochen nicht mit ihrem Kind verbringen, laufen wir in Gefahr, dass sich diese in emotional verkorkste, aktentaschentragende Zombies verwandeln, die nie mehr in der Lage sein werden, Gefühle zu empfinden.

Nachdem alle Anwesenden ihren Standpunkt emotional klargemacht haben, dauert es nicht lange, bis man sich ein paar grundsätzliche Vorwürfe an den Kopf wirft. So bescheinigt Cedric Wermuth seinen Gegnern elitäres Verhalten, während diese von einem sozialistischem Begehren  sprechen, wobei sie „sozialistisch“ aussprechen, als sei es ein besonders übles Schimpfwort.

Völlig unberührt von den Parteiparolen bleibt die Feministin Julia Onken, die munter dazu übergeht, die Vater – Mutter – Kind – Beziehung zu analysieren. Das interessiert zwar eigentlich niemanden, aber so bekommt man immerhin nicht Einblick in eine politische Diskussion, sondern auch noch gratis eine Paartherapie dazu. Im Laufe der Diskussion wird die überzeugte Feministin dann auch noch zu einer Walküre, welche die männlichen Rechte flammend verteidigt und den schicksalsschweren Satz fallen lässt: „Auch Männer sind Menschen.“

Zumindest da sind sich alle einig.

Die Schweiz, ein Karnickelstall

Die Diskussion nimmt zwischendurch auch sehr bizarre Formen an. So argumentieren die Befürworter, dass sich vielleicht mehr Schweizer für ein Kind entscheiden würden, wenn ihnen die erste Zeit durch eine gesetzlich festgelegte Elternzeit erleichtert wird. Mehr Kinder bedeuten mehr Menschen, die arbeiten und konsumieren können, was der Wirtschaft ja gut tun würde. Julia Onken beendet diese Argumentation mit einem süffisanten Seitenhieb Richtung Nadja Pieren: „Eigentlich müsste die SVP die Masseneinwanderung begrüssen, weil sich die Ausländer bedeutend lieber vermehren.“ Nun ja. Es ist vielleicht etwas ungeschickt in einer Diskussion über Menschen von „vermehren“ zu sprechen, als sei die Schweiz eine Zuchtstation.

Aber Nadja Pieren zeigt sich noch eine Spur pietätvoller: „Kinder kriegen ist freiwillig. Wieso sollte der Staat dafür zahlen?“, mault sie und verheddert sich dermassen in ihren an den Haaren herbeigezogenen Argumenten, dass es am Schluss so klingt, als gebe es tatsächlich Leute, die nur deshalb Kinder in die Welt setzen, um von dem Staat gratis Urlaub zu kassieren.

Auf jeden Fall wird die Diskussion immer hitziger und langsam klingt es, als rede man nicht mehr über Schweizer Eltern, sondern über einem Karnickelstall voller rammelnder Tiere. Lediglich Markus Theunert (der Männeraktivist) versucht wieder auf das ursprüngliche Thema zurückzukommen und mahnt an die Gleichstellung, die auch in der Bundesverfassung geschrieben steht.

Die armen Unternehmen

Danach wird es wirtschaftlich. Als Schweden – im obligatorischen Erklärungsvideo poetisch als Land der Elche bezeichnet – als gutes Beispiel herangezogen wird, echauffiert sich Andrea Caroni darüber, dass er offenbar Leute aus Schweden getroffen habe, die sich gerade in der Elternzeit befunden haben und es tatsächlich gewagt haben, ihre freie Zeit zu geniessen! Wirklich schrecklich, dass es Menschen gibt, die lieber in den Urlaub fahren, als sich der Wirtschaft zur Verfügung zu stellen.

Schweden gilt als Vorbild, was die Elternzeit betrifft, denn kaum ein Land ermöglicht es den Eltern so gut, Berufs – und Familienleben unter einem Hut zu bringen. Aber das sei wirtschaftlich nicht vertretbar, ereifern sich die Bürgerlichen. Ja, man weiss ja auch, dass Schweden ein völlig ruiniertes und instabiles Land ist und das alles nur, weil sie die Elternzeit eingeführt haben.

Wo wir gerade über Unternehmen sprechen: Karin Lenzlinger, Präsidentin der Zürcher Handelskammer, sagt eigentlich nicht viel und wenn sie den Mund aufmacht, kommt eigentlich immer dasselbe heraus: Die armen, armen Unternehmen, die vom bösen, bösen Staat immer mehr in den Ruin getrieben werden. Besonders bemerkenswert ist ihre Äusserung, sie habe in Amerika Frauen erlebt, die bereits eine Woche nach der Geburt wieder arbeiten gingen und es sei überhaupt kein Stress gewesen. Ja, ganz meine Meinung,  am besten zerrt man diese faulen Weiber gleich nach Durchtrennung der Nabelschnur wieder an ihren Arbeitsplatz.

Am besten ist allerdings ihr Satz, sie sei entsetzt, was hier diskutiert werde. Das bin ich inzwischen auch.

Ich verstaatliche, du verstaatlichst, wir haben verstaatlicht

Während um ihn herum die Emotionen hochwallen, bleibt einer eher unberührt. Andrea Caroni (der, nur so nebenbei, ein ziemlich schnuckliger Anblick ist) gibt ganz den klugen Liberalen und schlägt einfach vor, die Mutter solle auf ihren Teil des Mutterschaftsurlaub verzichten und ihn stattdessen dem Mann überlassen. Aha! Das ist ja eine geniale Lösung! Es verbringen einfach BEIDE weniger Zeit mit dem Kind, das ist für Kind – und Elternbeziehung sicher auch sehr fördernd.

Caroni findet übrigens auch, Männer sollen ihren Urlaub so nehmen, wie die Geburt geplant ist. Nichts einfacher als das, denn Babys kommen ja bekanntlich immer total pünktlich und in Absprache mit dem Chef des Papas.

Nachdem wir also zugehört haben wie Julia Onken erneut über die jahrelange Unterdrückung der Frau lamentiert (Nun ja. Sie ist Feministin. Für das wurde sie wahrscheinlich eingeladen) und uns auch angehört haben, wie sehr das Schwedenmodell der Wirtschaft schadet, ist die Sendezeit immer noch nicht um, weshalb man sich einem weiteren Thema zuwendet: Kindertagesstätten. Sollen sie weiter staatliche Zuschüsse als Starthilfe erhalten?

Erstaunlicherweise ist ausgerechnet Nadja Pieren, die selbst eine Krippe führt, gegen die Zuschüsse. Ja, richtig gelesen. Sie ist dagegen. Direkt konfrontiert mit der Tatsache, dass sie selbst damals von den Zuschüssen profitiert hat, weiss sie eigentlich nicht viel Gescheites darauf zu erwidern. Man könnte ihr jetzt vorwerfen, sie will Konkurrenz schon im Keim ersticken, aber ich traue ihr nicht einmal so etwas Intrigantes zu. Die Antwort auf diese paradoxe Einstellung ist vermutlich einfach die: Die Partei will es nicht, also will auch Nadja Pieren eben auch nicht.

Weil sich die SVP zudem die Bekämpfung der „Verstaatlichung“ auf die Fahne geschrieben hat, wird auch noch dieses Argument ausgepackt. Offenbar wird ein Kind zu einem Staatskind, wenn Vater und Mutter genug Zeit für ihren Sprössling haben. Die Logik erschliesst sich mir zwar nicht ganz, aber ich bin sicher, es gibt eine. Argumentiert wird auch noch mit Zwang durch den Staat. Nun, ich bin ein grosser Fan von Verschwörungstheorien, aber irgendwie bezweifle ich, dass schwarze Anzugträger die Väter mit gezogenen Waffen dazu zwingen werden, ihren Vaterschaftsurlaub zu nehmen.

Und was haben wir gelernt?

Nun, also, wer vor dieser Arena noch nicht für Vaterschaftsurlaub gewesen ist, wird es spätestens nach dieser Sendung sein. Die Argumente der Gegner waren einfach eine Spur zu schräg, wobei man es den Befürwortern auch leicht gemacht hat. Ich meine, Nadja Pieren kann kaum einen Satz sagen, ohne dass man sich nicht mit der flachen Hand gegen die Stirn schlagen will.

Vielleicht sollte man gewissen Politikern wieder in Erinnerung rufen, dass Menschen mehr sind als nur wirtschaftliches Kapital. Bei solchen Diskussionen frage ich mich nämlich, ob das allen noch so bewusst ist.

Auswertung
Person, welche die Arena lieber meiden sollte: Nadja Pieren. Unsachlich, sehr emotional, nervös, verheddert sich in Widersprüchen, fällt anderen ständig ins Wort.

Person, welche positiv überrascht hat: Cédric Wermuth. Sehr sachlich, ruhig, wählt Argumente sorgfältig aus, reagiert souverän auf Provokationen, lässt andere grösstenteils sogar ausreden. Vaterschaft tut ihm offensichtlich gut.

Unfreiwillig komisch: Julia Onken. Wenn sie mit ihrer Trudi – Gerster – Stimme anfängt Kinder mit Hunden zu vergleichen oder Sätze sagt wie „Männer sollen sich dem häuslichen Raum erschliessen“, ist es schwer, sich das Lachen zu verbeissen.

Personen, die es eigentlich nicht gebraucht hätte: Karin Lenzlinger und Markus Theunert: Sehr wenig Konstruktives zur Diskussion beigetragen, wenig Wortmeldungen.

Witzigster Moment: Als Nadja Pieren Cédric Wermuth vorwirft, er verdrehe immer alles und der Moderator erstaunt feststellt: „Sie scheinen sich zu duzen, wenn sie sich übereinander ärgern.“

Heftigster Ausbruch: Karin Lenzlinger, als sie Julia Onken ankeift, die Probleme die ein einzelnes Paar miteinander habe, sei ja wohl nichts im Vergleich zu den Problemen, die auf die Unternehmen zukämen.

Und übrigens: Der Moderator ist klasse! Er hat Humor, weiss sich durchzusetzen und scheut sich nicht auch heikle Fragen zu stellen.







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