Sonntag, 12. April 2015

Was es ist



Anmerkung: Ich hatte mal die Idee eine Interpretation zur Artussage zu schreiben. Darin waren Lancelot und Arthur das verbotene Liebespaar, statt Guinevere und Lancelot. Ich fand die Idee grossartig, denn die Geschichte versprach alles was ich schätze: Gutaussehende Männer, die sich prügeln, eine Liebe, die nicht sein darf, aber nun einmal ist, Magie, Verrat, Drama und gebrochene Herzen. Ich hatte ja seit jeher eine Schwäche für tragische Liebesgeschichten und was ist tragischer als eine homosexuelle Beziehung in einem Umfeld, das vor falscher Frömmigkeit und Intrigen geradezu strotzt?

Eigentlich bin ich immer noch ziemlich begeistert von meiner Idee. Aber man schreibt nun einmal nicht mal so nebenbei eine Artus – Adaption, das erfordert viel Recherche, Geduld und Zeitaufwand, Dinge, die für mein anderes Mammutprojekt draufgehen. So legte ich die Story schweren Herzens auf Eis.

Tja, aber eine Szene ging mir dann doch nicht aus dem Kopf. Eine Bettszene der beiden Liebenden, die hier noch am Anfang ihrer Beziehung stehen. Und weil die Szene unbedingt rauswollte, habe ich sie trotzdem geschrieben. Protagonisten sind ein unsensibler Arthur und ein unsicherer Lancelot, Thema sind die drei magischen Wörter.

Aber obwohl die Szene eigentlich lange in mir gereift ist, war es dann doch nicht so einfach sie niederzuschreiben. Zum einen ist es eine erotisch aufgeladene Erzählung und es war nicht so einfach die Balance zwischen kitschigen Schwulst und Porno zu finden. Zum anderen ist es als heterosexuelle Frau  auch nicht so einfach sich in einem homosexuellen Mann einzufühlen.
Naja. Es ist nicht vollständig misslungen, aber ich denke es war doch eine gute Idee, diese Story vorerst in die Schublade zu legen.  


Storyfetzen I: Was es ist

„Liebst du mich?“

Es ist eine leise, beinahe scheue Frage. Sie wirkt nicht fordernd, nicht klammernd, nicht drohend. Sie steht einfach im Raum und wartet darauf beantwortet zu werden, mit derselben Selbstverständlichkeit wie der Winter darauf wartet, dem Frühling zu weichen. Lancelots Finger streichen über Arthurs Rücken, malen selbstvergessen Figuren auf die glatte Haut und er spürt, wie sein Geliebter unter dieser Berührung erbebt. Eine Mischung aus Triumph und wilder Euphorie steigt in ihm auf, dass allein diese simple Geste eine solch starke Reaktion auslöst.

Doch der Triumph weicht leiser Enttäuschung, als die ersehnte Antwort ausbleibt. Arthur bleibt stumm liegen, das Gesicht von ihm abgewendet. Lancelot beisst sich auf die Lippen. Er hätte nicht fragen sollen. Dass er diese Momente mit Arthur hat, dass er mit ihm schlafen kann, ihn berühren und küssen, das war mehr, als er zu hoffen gewagt hat. Das war mehr, als er verdient hat.

Aber etwas in ihm sträubt sich dagegen, dass es nur das zwischen ihnen ist. Dass es nur der Beischlaf ist, dass es nur das Ausleben einer sündhaften Lust ist. Er glaubt, dass es mehr ist. Sie betrügen Gott, sie betrügen ihre Männer, sie betrügen ihr Land. Nur um die fleischliche Begierde zu stillen? Lancelot weiss, dass es mehr sein muss um all dieser Opfer wert zu sein.
Er hofft, dass es mehr ist.

Seine Hoffnungen scheinen umsonst gewesen zu sein. Seufzend schwingt er die Beine über die Bettkante. Dann hat es keinen Sinn zu bleiben. Auch wenn es ihm schwer fällt, er muss damit aufhören. Er muss damit aufhören ihn zu küssen, er muss damit aufhören mit ihm zu schlafen, er muss damit aufhören ihn anzusehen, als sei er das Einzige was zählt, er muss damit aufhören die Stunden zu zählen, die er ohne ihn verbringen muss, er muss damit aufhören ihm Briefe zu schreiben, er muss damit aufhören ihn zu umarmen und zu halten und zu spüren. Es tut weh, es tut verdammt weh, aber wenn er es nicht tut, wird er alles in den Abgrund stürzen, alles verderben. Und wofür?

Für das, was es ist.

Lancelot will wirklich gehen,  doch da gleitet sein Blick erneut zu Arthur und als er ihn daliegen sieht, in dieser trotzig verkrümmten Haltung, die hellen Locken ausgebreitet wie ein Teppich aus geflochtenem Licht, weiss er, dass er nicht aufhören kann.

Denn egal, was es für Arthur sein mag, für ihn ist es Liebe.

Dennoch wendet Lancelot das Gesicht ab und streckt die Hand schon nach seinen Kleidern aus, da schlingen sich zwei Arme um ihn und ziehen ihn zurück. Arthurs Atem streift über seine Wange, als er ihn an sich drückt und seine Nase in seinen dunklen Locken vergräbt.

„Wie kannst du mich das fragen?“ Arthurs Stimme ist weich und zärtlich, seine Arme liegen fest um Lancelots Hüfte. Spielerisch versucht Lancelot sich aus seinem Griff zu befreien. Mit einer fast beiläufigen Bewegung dreht Arthur sich, so dass Lancelot mit dem Rücken zurück auf das Bett fällt. Arthurs raue Finger schliessen sich um seine Handgelenke, während er sich vorbeugt um ihn zu küssen.

Arthur küsst immer auf dieselbe Weise. Nicht ungestüm und hart, wie man es von einem Krieger erwarten würde, sondern eher schüchtern, verhalten. Als erwarte er halbwegs zurückgestossen zu werden. Und dennoch erschauert Lancelot immer unter diesen unbeholfenen Küssen und auch jetzt kriecht eine Gänsehaut in ihm hoch, als Arthurs Lippen die seinen streifen.

Dennoch beisst er zu.

Erschrocken weicht Arthur zurück. Mit einem ungläubigen Blick betastet er seine Lippen. Lancelot hat fest zugebissen, ein dünner Faden Blut sickert über Arthurs Kinn. Dennoch tut es Lancelot nicht im Geringsten leid. Herausfordernd sieht er seinem Liebsten zu, wie er sich das Blut abwischt. Sein Herz klopft schnell und schmerzhaft gegen seine Brust. Er wird nicht zulassen, dass Arthur sich um eine Antwort herauswindet. Er will eine Antwort. Und er hat eine verdient.
Arthur streicht sich eine wirre Haarsträhne aus der Stirn. „Du hättest auch einfach ‚Nein‘ sagen können, weisst du? Du musstest mir nicht gleich die halbe Lippe abbeissen.“

Lancelot verschränkt die Arme. „Mir war aber danach.“

Ein schweres Seufzen hebt Arthurs Brust und die Enttäuschung ist ihm anzusehen. „Du willst also reden.“

„Ich habe gehört, manche Liebespaare  machen das“, schnappt Lancelot.

In Arthurs Augen blitzt es gefährlich. „Was soll das Lancelot? Was willst du von mir hören?“

„Ich will von dir hören, was du fühlst. Ich will wissen, was es ist!“

„Ich verstehe nicht. Was meinst du mit ‚es‘?“

Er bergreift es nicht. Oder er will es nicht begreifen. In jäher Verzweiflung umfasst Lancelots mit beiden Händen Arthurs Gesicht. Er fährt mit dem Finger diesen vertrauten Zügen nach, liebkost jede Sommersprosse, jede Unebenheit. Er sieht in diese grauen Augen, die er besser zu lesen versteht, als ein Priester seine Bibel. Er sieht in dieses Angesicht, das er liebt, das er begehrt und das alles für ihn ist. „Ich will wissen, was das zwischen uns ist. Eine Bettgeschichte? Ein Abenteuer? Eine Sünde? Sag es mir!“

Die letzten Worte hat er förmlich geschrien, doch Arthur weicht nicht zurück. Stattdessen wirft er sich wie eine Katze auf ihn. Lancelot ist so überrascht, dass er unter dem plötzlichen Gewicht zusammenbricht. Er stöhnt leise, denn Arthur fühlt sich furchtbar schwer an auf seiner Brust und erschwert ihm das Atmen. Vergeblich versucht er ihn wegzustossen, er ist zu stark und zu zornig um ihn freizugeben.

„Glaubst du wirklich, ich würde alles riskieren – meinen Ruf, meine Königswürde, mein Leben – wegen eines Abenteuers? Glaubst du, ich würde dich mit Sünde beladen, nur weil mir der Sinn nach einer Bettgeschichte steht? Glaubst du ich würde mich gegen Gott stellen, nur um meine fleischlichen Gelüste zu befriedigen? Ist es das, was du denkst?“

Schmerzhaft bohren sich Arthurs Fingernägel in seine Arme. „Arthur…du tust mir weh!“, keucht er, denn er spürt, dass Arthur sich in seinem Temperament entgleitet. Er meint es nicht böse, aber wenn er wütend ist, vergisst er sich und verletzt auch jene, die er liebt.

Sofort lässt Arthur ihn los und rollt sich von ihm runter. Eine Weile bleiben sie schweratmend nebeneinander liegen und wagen es nicht sich anzusehen, geschweige denn sich zu berühren. Lancelot fühlt Reue in sich aufsteigen und auf einmal kommt er sich albern vor. Warum ist er nie zufrieden mit dem was er hat? Warum muss er immer alles haben? Jetzt hat er in seiner Gier nach Liebe den Mann verletzt, der ihm zugleich Liebster, König und Freund ist. Er starrt in die Dunkelheit und wünscht sich, er könnte die Zeit zurückdrehen.

Da spürt er Arthurs Hand die nach seiner tastet. Als er sie ergreift, fühlt es sich an, als füge sich etwas Zerbrochenes in ihm wieder zusammen. Lancelot drückt ihre miteinander verflochtenen Hände gegen seine Stirn. „Vergib mir“, haucht er, „vergib mir! Ich hätte nicht zweifeln dürfen.“

Zu seinem Bedauern löst Arthur die Verbindung ihrer Hände. Stattdessen bettet er den Kopf in Lancelots Halsbeuge, während seine Arme sich fest um ihn schliessen. Er hat die Augen geschlossen und für einen Moment glaubt Lancelot, er sei eingeschlafen. Doch dann seufzt Arthur und sagt bedauernd: „Und doch hast du Recht gehabt. Ich liebe dich nicht.“

Die Worte sind wie ein Dolchstoss ins Herz und schon will Lancelot sich wieder aufbäumen, sich losmachen von diesem teuflischen Mann, der mit ihm umgeht, als sei er nicht mehr als ein amüsantes Spielzeug, doch Arthur lässt ihn nicht gehen. Er schmiegt sich noch enger an ihn und haucht dann einen Kuss auf Lancelots Stirn. „Wenn ich dich nur lieben würde, könnte ich dich vergessen. Ich könnte fortgehen und nicht zurückblicken. Aber ich brauche dich, Lancelot.“

Ein Teil von Lancelot hätte schreien können vor überschäumender Freude. Denn für Arthur ist es das Gleiche wie für ihn. Eine Lebensnotwendigkeit. Sie gehören zusammen. Als Freunde. Als Waffenbrüder. Als Geliebte. Es ist beängstigend, wie sehr ihre Seelen miteinander verbunden sind, aber es ist nun mal so. Und es ist schön. Es ist sein grösstes Glück.

Aber ein Teil von Lancelot weint, denn dieser Teil weiss, für die Welt wird es nicht einmal Liebe sein, sondern Sünde. Dieser Teil weiss, dass ihr gemeinsames Leben immer nur aus flüchtigen, gestohlenen Momenten bestehen wird, stets begleitet vom schalen Beigeschmack der Heimlichkeit und des Betrügens.

Egal was es ist. Es wird immer nur das geben.

Und es wird ihm niemals reichen.      

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