Sonntag, 15. März 2015

Verrückt sieht anders aus



Es geht weiter, in der Märchenwelt voller Prinzessinnen, die alle um die Gunst der bösen Stiefmutter buhlen und dabei weitgehend auf Schimmel und rettende Prinzen verzichten und lieber gleich selbst zum Morgenstern greifen. Denn in der „World of Topmodel“ wird es jetzt zum ersten Mal richtig ernst.

Willkommen im Gruselkabinett

Als Erstes werden die Mädchen reduziert. Nein, sie werden nicht wie in Tribute von Panem in die Arena gesteckt um sich gegenseitig umzubringen – das erledigen die Mädels, zumindest verbal, ganz von alleine – stattdessen geht es für sie in die böse, böse Modelwelt. Das erste richtige Casting steht an.

Drei Ausserwählte dürfen nach London, wo eine Barbie gesucht wird. Das ist nicht sarkastisch genannt, tatsächlich verlangt der Kunde ausdrücklich nach einer dieser Puppe nachempfunden Persönlichkeiten. Laura, Kiki und Katharina sind die Glücklichen und entfliehen damit einer weiteren Psychostunde mit Wolfie.

Dieser nimmt sich wie üblich die Zeit mit den Mädchen zu sprechen, denn wie üblich spürt er, dass da ganz viel unter der geschminkten Oberfläche verborgen ist. So hält er Adriana liebevoll das Händchen, während sie ihm mehr oder weniger zu verstehen gibt, dass sie völlig überfordert ist…worauf die Jury natürlich wieder ihren Lieblingssatz sagen kann: Der Job ist eben nicht für jeden was. Ja, zweifellos mit einer gewissen Portion Selbstachtung kann dieser Job durchaus seine Tücken beinhalten.

Tatsächlich kann man Adriana ihre Überforderung eigentlich nicht verdenken. Da müssen die Mädchen nicht nur über den Laufsteg schleppen, nein, sie müssen auch noch in übergrossen Bilderrahmen stehen bleiben und sich mit einem Satz quasi selbst bewerben. Zu viel für manches Nachwuchsmodel…denn von Denken und vollständigen Sätze bilden hat in der Stellenbeschreibung schliesslich niemand was gesagt. Bis jetzt hatte nur Darya verbale Höhenflüge, die letzte Woche mit ihrer zarten Elfenstimme ins Telefon gefaucht hat: „Ich würd der am liebsten in die Fresse reinspuken!“ Das wäre doch mal ein Slogan!

Leider sind die Werbesprüche dann doch nicht ganz so unterhaltsam und hört sich dann doch mehr oder weniger an wie ein übler Zusammenschnitt der besten Facebooksprüche. Aber ganz ehrlich: Die Aufgabe ist auch einfach bescheuert. Über Werbeslogans zerbrechen sich schliesslich Manager die Köpfe. Und selbst da kommt nicht viel Gescheites raus.

Das Gruselkabinett der Peinlichkeiten ist allerdings noch immer nicht vorbei. Die Mädchen werden in Fotoboxen gezerrt, wo sie von Thomas Maya gezwungen werden, Grimassen in die Kamera zu schneiden und sich so alle Hemmungen zu nehmen. Danach wird alles noch einmal ausserhalb der Box wiederholt. Nicht einmal diese eigentlich lustige Aufgabe geht über die Bühne ohne Portion Drama. Denn Lisa darf beim Psychoonkel Wolfie ihre Gefühle ausbreiten. Denn auch sie hatte es in der Vergangenheit nicht einfach. Auch sie wurde in der Schule stark gemobbt und trägt das immer noch mit sich rum. Da stellt sich mir doch die Frage: Wenn jemand solche seelische Narben hat, wie kommt er dann auf die Idee, einen solchen Job auszuüben, wo die Leute noch dafür bezahlt werden, dass sie dich auf die oberflächlichste und frechste Weise anmachen.

Das nennt man dann Casting.

Drei Barbies in London

Ach ja das Casting. Unsere drei Blondinen fliegen inzwischen nach London. Während des Fluges wird Laura leider sterbenskrank. Also Normalsterbliche würden Erkältung sagen. Doch trotzdem schleppt sich unser aller Lieblingsprinzesschen zum Casting. Oder würde sich schleppen, denn die drei Damen finden den Ort des Castings gar nicht. Wobei ich sagen muss: Wie kommt man auf die Idee drei Mädchen in eine völlig fremde Stadt zu fliegen und zu erwarten, dass die einfach so die Adresse rausfinden. Aber ja, das ist eben Modelalltag, das begreifen wir Nichtmodels einfach nicht.

Irgendwann finden die Mädels den Ort dann doch noch (ich kann mich irren, aber ist das eine Bar oder was? Was ist aus den seriösen Büroräumen geworden), wo sie schon ungeduldig erwartet werden um…ja, um was zu tun? Natürlich: Laufen! Hüfteschwingend und in grellpinken Shirts schreiten die Mädels vor den Kunden hin und her. So versichern sie sich, dass zumindest alle motorischen Fähigkeiten vorhanden sind. Glücklicherweise können die Mädchen geradeaus laufen und weil sie den Mund nicht aufmachen müssen, machen sie auch einen ganz guten Eindruck.   
Aber Laura kann den Mund eben nicht halten. Denn sie ist ja krank und das muss ja auch erst mal mitgeteilt werden. Grossspurig verkündet sie dem Kunden, sie würde den Job auch mit Fünfzig Grad Fieber machen…ja, wieso nicht, vielleicht sucht ja jemand mal ein Model für die Darstellung eines verstorbenen Meningitis Patienten. Der Kunde jedoch zeigt sich eher pikiert. Verständlicherweise.

Als Krönung des Ganzen müssen die Mädchen Rollschuhe anziehen, denn die sind quasi das Markenzeichen des Labels. Ich weiss ja nicht, ist das auch künstlerischer Ausdruck oder sehen sie einfach gerne, wie ihre Models auf die Schnauze fallen? Brav rollen die Mädels kreuz und quer durch den Raum, wobei die scheue Katharina viel Eleganz beweist und sogar in den Spagat sinkt. Das findet Laura sehr ungerecht, die darauf mit Schmollmund in die Kamera sagt: „Kann ich halt nicht.“

Den Job bekommt sie trotzdem. Gemeinsam mit Katharina. Die Einzige, die leer ausgeht ist Kiki, die daraufhin am Boden zerstört ist. Mit zutiefst tragischer Musik werden ihre Tränen untermalt. Und dennoch, in dem Moment wo Laura und Katharina nicht recht wissen, wie sie die Freundin/Konkurrentin trösten sollen, wirken die Mädchen zum ersten Mal menschlich und noch viel wichtiger: Wirklich wie Sechzehnjährige.

„Flüstere mir ins Ohr, Kleines!“

Nach dem Erledigen des Jobs – wobei vor allem die süsse und sympathische Katharina den Kunden beeindruckt – geht es zurück nach L.A wo das erste professionelle Shooting ansteht. Ein Gruppenshooting. Die sind vor allem dazu da, Konkurrentinnen, die sich ohnehin nicht ausstehen können, dazu zu bringen, gemeinsam vor der Kamera zu posieren und so einen schönen Zickenkrieg zu entfachen.

Der lässt auch nicht lange auf sich warten. Laura und Kiki bekommen sich schon vor dem Shooting in die Haare, weil Kiki in die Kamera behauptet, Laura gefalle das Outfit nicht. Wenn es so wäre, könnte man es ihr nicht verdenken, denn die Mädchen werden in gelbes Krepppapier gewickelt, was momentan ja auch sehr fashion ist. Ich überlege schon, ob ich in Zukunft auch so arbeiten gehe. Laura soll mit ihrem Ungetüm von Kopfschmuck übrigens eine Sonnenblume – böse Zungen würden auch Pissblume sagen – darstellen. Und das wollte sie auch schon immer sein, wie sie ausdrücklich betont. Aha. Die Welt wäre tatsächlich schöner, wenn wir alle Sonnenblumen wären.
Während die Mädels sich schon mal angiften, verrenken sich ihre Leidensgenossinnen vor der Kamera des bedauernswerten Christian Schullers, der dieses Jahr die Ehre hat, alle Shootings zu machen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die anderen Fotografen Heidi Klum und ihre gekreischten Anweisungen schlicht nicht mehr aushalten. Die beiden bemühen sich, die steifen Mädchen dazu zu bringen sich in ihren unförmigen Outfits zu bewegen, wobei auch der schicksalsschwere Satz fällt: „Flüstere ihr was ins Ohr!“

Das macht dann Laura bei ihrem Shooting. Während Kiki vollkommen überdreht und Lena schlicht unsichtbar ist, zieht Laura eine Fluppe und verweigert jegliche Mitarbeit. Und dann geschieht es. Angeblich flüstert sie Konkurrentin (gleichzeitig ist sie aber irgendwie auch die beste Freundin, ich blick da nicht so durch) Kiki zu, sie versaue ihr jetzt absichtlich das Shooting.

Daraufhin knallt es; es wird gestritten, geweint und geschrien ohne zu einem wirklichen Resultat zu kommen. Während Kiki in ihrer Wut durchaus amüsante Züge trägt, wirkt Laura eher hysterisch, während Lena – die unscheinbare Dritte im Bunde – versucht, Heidi zu überreden noch einmal ein Foto schiessen zu dürfen, weil Kiki mit ihrem Kleid und ihren Haaren ihr die Schau stehle.

Die Selbstverständlichkeit mit der die Mädchen Aufmerksamkeit fordern, mutet arg seltsam an. Die meisten Models, die von den Plakaten lächeln, kennt man nicht beim Namen, es interessiert sich auch niemand für sie, solange sie das Produkt verkaufen können. Denken sie wirklich, sie werden vom Designer gefragt, was sie tragen möchten? Und ist es nicht fast schon sträflich sie in diesem Glauben zu lassen?

Oder muss man da schon sagen: Selbst schuld?

Wir haben uns alle lieb…

Irgendwann versöhnen sich die Kampfkatzen wieder, dank der tatkräftigen Unterstützung von Lisa, die als Teamleiterin tatsächlich versucht zu schlichten und sich dabei auch gar nicht so dumm anstellt. Am Entscheidungstag haben sich auf alle Fälle alle wieder richtig dolle lieb.

Sogar Heidi Klum ist irgendwie lieb. Obwohl sie Erica bis jetzt jegliche Modelqualitäten abgesprochen hat, findet sie die exotische Schönheit jetzt auf einmal ganz toll, mahnt aber Ericas mehr als nur farbige Sprache. Die Modelmama zeigt sich entsetzt, was alles für Wörter aus den Mündern ihrer Schönheiten plumpsen. Grund zum Beschweren hätten aber vor allem Maskenbildner, Kameramänner, Kostümdesigner und wer sonst noch alles an diesem Set rumstolpert. Denn was die sich von den Mädels alles anhören müssen, ist wahrlich nicht von schlechten Eltern. So schnappt die sonst so gehemmte Adriana in Richtung Kamera: „Natürlich will ich gewinnen, sonst hätte ich mich hier wohl kaum angemeldet.“ Man ist hingerissen zwischen Bewunderung, weil sich diese Kandidatinnen nicht so leicht einspannen lassen und Fremdschämen, weil sie es auf so eine überhebliche, freche und stillose Art tun.

Weiter kommen auf jeden Fall alle – bis auf Adriana.

Oder doch nicht

Obwohl es für die dauergenervte Adriana ein Segen ist, heimfliegen zu dürfen – Erica ist wütend. Wahrscheinlich findet sie einfach, sie habe für diese Woche noch nicht genug rumgebrüllt. Ihren Frust lässt sie an der launenhaften Laura aus. Die wolle ja nachhause gehen, also soll ich auch.
Und obwohl Laura geschworen hat, von nun an immer fröhlich zu sein: Sie bricht bei dieser Eröffnung in Tränen aus.

Damit endet die Episode wie sie angefangen hat: Mit kreischenden Mädchen.







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