Samstag, 13. Dezember 2014

Kitsch



Eine glühende Verteidigungsrede für den Kitsch




Jetzt ist sie wieder da, die Zeit in der Kerzen entflammt und süsse Lieder geträllert werden, die Zeit, in der Plätzchen gebacken und Glühwein getrunken wird und die Zeit in der die Nacht von zahlreichen Lichterketten durchbrochen  wird. Zarte Engelsfiguren schmücken die Eingänge der glanzdurchfluteten Häuser, flankiert von dicklichen, rotgewandten Weihnachtsmänner. Engelshaar und Weihnachtskugeln schimmern von Tannenbäumen. Es ist ein Genuss jetzt durch die Strassen zu schlendern, eingebettet in diese erwartungsvolle Wärme, welche die Weihnachtszeit mit sich bringt.


Doch inmitten dieser stillen Pracht gibt es sie, die naserümpfenden Miesepeter, die das alles nur verächtlich ansehen und herablassende Kommentare abgeben. Das sei doch überzogener Kitsch, maulen sie und haben kein Blick für die Schönheit der Lichter. Grundsätzlich stört mich diese Haltung nicht, denn schliesslich sind auch Feste wie Weihnachten nun mal Geschmackssache. Nur frage ich mich in letzter Zeit immer öfter: Was ist so schlimm am Kitsch?


In der Literatur zum Beispiel, ist das Adjektiv „kitschig“ ein schlimmes Schimpfwort für einen Roman. Nichts ist schlimmer, als wenn einer verbitterten Kritiker (die sich für die Grössten halten, obwohl sie selbst kaum in der Lage sind einen Satz zu formulieren, den man auch versteht, wenn man nicht einige Semester Germanistik studiert hat), einen Roman als kitschig bezeichnet.


Ich hingegen bin manchmal sogar regelrecht süchtig nach kitschigen Büchern. Ich liebe Frauenromane. Ich mag schöne Liebesszenen. Und ja, ich bin auch ein Fan von Happy – Ends. Es gibt mir ein gutes Gefühl, einen Roman zuklappen zu können und zu wissen, dass meine Helden glücklich sind. Ich mag es, wenn sich beim Lesen ein Wohlgefühl einstellt und ganz in eine andere Welt entfliehen kann, die vielleicht eine Spur perfekter ist als die meine.


Genau diese Realitätsflucht wird oft mit Kitsch verbunden und genau diese wird bemängelt. Etwas zu verkitschen, bedeutet ja, es der Realität zu entfremden und es als zu schön zu bezeichnen. Damit gewinnt man natürlich keine Literaturpreise. Nein, die gewinnt man, in dem man einen düsteren Roman über ein schlimmes Thema schreibt und diesen noch mit schwerstdepressiven, zynischen Charakteren anreichert. Und das nennt man dann in der Kritik realitätsnah.


Das stimmt so nicht ganz. Natürlich gibt es Schicksale, die furchtbar sind und natürlich gibt es Themen, die nicht leicht zu verdauen sind. Aber genauso gibt es schöne Seiten des Lebens. Es gibt viele Menschen, die ein glückliches Leben führen und am Ende zufrieden Abschied von der Welt führen. Warum ist es realitätsfremd, wenn man das Schlechte ausblendet, aber realitätsnah, wenn man das Gute ignoriert? Für mich ist das ein Widerspruch (Allerdings bin ich zugegebenermassen nicht ganz objektiv. Mir geht diese betont künstlerische, schwarzgefärbte Stimmung in der Literatur momentan einfach tierisch auf den Wecker. Aber das 
ist ein anderes Thema).


Ich glaube, der Mensch braucht einfach eine gewisse Portion Kitsch in seinem Leben. Ein bisschen Glitter, ein bisschen Rosa, ein bisschen Prinzessin. Die Zeitungsberichte heutzutage kann man ja in wenigen Worten zusammenfassen: Europa scheisse, Wirtschaft scheisse, Klima scheisse, Welt scheisse. Ist es da nicht völlig normal, wenn man versucht Gegensteuer zu geben? Ich glaube, die Realität lässt sich nur dann ertragen, wenn man ihr hin und wieder entsagt (Gut, ja, das war jetzt auch ein schwarzgefärbter, künstlerischer Kommentar. Vielleicht sollte ich zum Literaturclub).


Schlimm an diesen Kitschverächtern ist auch, dass sie den Kitschliebhabern versuchen jegliche Freude zu nehmen, indem sie sich darüber mokieren, lustig machen und uns die Realität geradezu genüsslich um die Ohren hauen, wobei sie auch noch so tun, als seien wir geistig umnachten und nicht in der Lage zu unterscheiden, was Wirklichkeit ist und was schöner Schein.


Mir zumindest ist durchaus klar, dass all die schönen Lichterketten keineswegs eingefangene Sterne sind, sondern ganz profan mit Elektrik betrieben werden und eigentlich einen unnützen Energieverbrauch darstellen.


Aber ist das nicht besser, als ganz in Dunkelheit zu wandeln?

---

Nebenbemerkung: In meinem Blog sind die Herbstfarben gewichen und es ist Winter geworrden Das wirklich wunder, wunderschöne Bild stammt nicht von mir sondern von Michael Gäbler, der dies freundlicherweise auf wikimedia gestellt hat. Danke, auch wenn ich dich nie kennenlernen werde;-) 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen