Sonntag, 5. Oktober 2014

Eine Führung durch Utopia oder wie sich die SVP die Schweiz wünscht




Ich begrüsse Sie ganz herzlich zu der heutigen Führung durch unsere schöne Hauptstadt Bern! Zuerst muss ich Sie alle bitten sich ihre Besucherausweise gut sichtbar um den Hals zu hängen. Man reagiert hier etwas empfindlich, wenn offensichtliche Nichtschweizer durch die Strassen marschieren. Wer sich nicht richtig ausweisen kann, wird zur Strafe drei Tage lang auf einen Bauernhof geschickt und darf dort Kuhfladen einsammeln gehen bevor er schliesslich mit einem lebenslangen Einreiseverbot behangen wird. Wir wischen die Kuhfladen immer auf, wissen Sie, damit unsere Wiesen sauber bleiben und im schönsten Grün leuchten. Die Strafbauernhöfe stehen übrigens unter der strengen Aufsicht von Toni Brunner, einem wirklich ganz hervorragendem Mann, der allerdings eine kleine sadistische Ader hat. Seine Arbeiter müssen sich den ganzen Tag seine Bauernwitze anhören. Man erzählt sich, eine Touristin sei aus lauter Verzweiflung einmal auf einer Kuh abgehauen. Ausserdem ist es ganz erstaunlich wie viele Strafarbeiter dort jährlich „versehentlich“ in Misthaufen landen.



Wenn Sie alle Ihre Ausweise gut sichtbar befestigt haben, können wir ja loslegen. Bleiben Sie dicht zusammen und bummeln Sie bitte nicht! Wie Sie sehen, ist bei uns der Verkehr ganz ausgezeichnet geregelt. Das liegt daran, dass unsere Justiz hart und konsequent durchgreift! Wer dreimal bei zu schnellem Fahren erwischt wird, verliert nicht nur seinen Führerschein, er wandert auch noch mindestens fünf Jahre ins Gefängnis! Wie? Ja, natürlich ist es egal, um wie viel er zu schnell gefahren ist, zu schnell ist nun mal zu schnell. Unser Land ist sehr tolerant, aber wir haben klare Spielregeln, an die sich alle zu halten haben. Und ich kann mit Fug und Recht behaupten, der Erfolg gibt uns Recht!



Oh, und da drüben sehen Sie übrigens gerade eine Schulklasse! Beachten Sie die disziplinierten Reihen und die Schuluniformen. Ja, Sie hören richtig, die Schüler singen die Schweizerhymne. Zum einen kann man die gar nicht oft genug singen, zum anderen hält es sie davon ab unterwegs miteinander zu schwatzen. Die Schule soll ein Ort des Lernens sein, nicht ein Ort, an dem sich die Kinder vielleicht noch wohlfühlen. Von solchen Kuschelpraktiken hält man hier nichts. Das Leben ist nun mal nichts für Weicheier, da müssen sie schon früh begreifen. Sie finden die Schuluniformen ein bisschen fade? Nun, wir wollen nicht, dass die Schüler wie eine Horde bunter Affen aussehen, sie sollen stets gepflegt und manierlich wirken. In unserem Land sind alle gleich. Wie? Ob die Schüler denn so einen individuellen Charakter entwickeln können? Wir sind der Ansicht, dass Individualität der erste Schritt ins Verderben ist! Aus der Individualität wachsen die dümmsten Ideen, wie zum Beispiel die Idee, dass Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen dürfen und dem Mann gleichgestellt ist. Apropos Frauen, das ist eine reine Jungenklasse. Mädchen werden bei uns nur bis zum fünfzehnten Lebensjahr unterrichtet. Schliesslich heiraten sie, bekommen Kinder und kümmern sich dann um den Haushalt. Dafür brauchen sie wirklich nicht jahrelang dem Staat auf der Tasche zu liegen. Es gibt auch Bestrebungen, Mädchen gar nicht mehr in akademischen Fächern zu unterrichten, sondern den Fokus auf Kochen und Nähen zu legen. Und ehrlich gesagt, wenn ich an den Frass denke, den mir meine Frau vorsetzt, finde ich das eine vorzügliche Idee!



Auf der rechten Seite sehen Sie eines der wenigen Theater, das wir noch haben. Kultur ist uns natürlich wichtig, aber man darf es nicht übertreiben. Bei uns werden Sie keine nackten Menschen auf der Bühne rumtollen sehen. Einmal im Monat wird hier ein Stück gespielt, aber nicht von so grässlichen Autoren wie Frisch oder gar Brecht, sondern wahre Meisterwerke aus, viele übrigens aus der Feder von Oskar Freysinger.  Aktuell wird hier gerade ein Theaterstück mit den Namen „Sturm auf das Bundeshaus“ vorbereitet. Es handelt von dem historischen Tag an dem Blocher auf dem Geissbock Zottel reitend und mit der Mistgabel in der Hand das Bundeshaus endgültig von diese linken Bazillen befreit hat. Ein grossartiger Tag für die Schweiz! Ich war bei den Proben dabei und ich kann Ihnen verraten, da bleibt die Gänsehaut nicht aus, wenn der Blocher – Darsteller sein: „Die Schweiz den Schweizern!“, in den Saal brüllt und sich dabei auf die Brust schlägt.



Jetzt befinden wir uns auf dem Bundesplatz. Diese Statue übrigens stellt Christoph Blocher dar, gut zu erkennen am Amtsmantel, der über seiner Schulter hängt und dem strengen Blick. Leider ist er kurz nach Fertigstellung dieses Denkmals gestorben. Die Umstände seines Todes sind noch heute ungeklärt. Angeblich ist er an einem Basler Leckerli erstickt, aber viele sind überzeugt, dass es ein Giftanschlag gewesen ist. Wer die Frau ist, die er da umarmt? Das ist Helvetia. Damit soll dargestellt werden, dass Blocher ein Liebling von Helvetia war. Sehr hübsch nicht wahr? Blochers Todestag ist übrigens ein nationaler Gedenktag.



Und das ist unser Bundesschloss. Kurz nachdem die SVP endlich das Zepter an sich gerissen und die Schweiz in eine glorreiche Zukunft geführt hat, hat man das alte Bundeshaus niedergerissen und diesen prachtvollen Bau hierhergesetzt. Hier residiert unser Herr und Kaiser, Christoph Mörgeli, der nach dem plötzlichen Tod Blochers dieses schwere Amt übernommen hat. Was die Stange mit dem Toupet bedeuten soll? Nun, dies ist das Zeichen, dass unser Kaiser momentan nicht in der Schweiz weilt. Bitte machen Sie einen Knicks davor, denn es ist genauso zu behandeln wie der Hochwohlgeborene selbst. In das Schloss können wir leider nicht. Letzthin ist ein als Tourist verkleideter Sozialist ausgerastet und ist mit einer Fonduegabel auf den Kaiser los, wobei er „Freiheit dem Volke“ geschrien hat. Verrückte gibt es eben immer. Aber seitdem sind die Sicherheitsvorkehrungen sehr streng.



Dann gehen wir mal weiter. Wie? Was aus unserer Demokratie geworden ist? Aber, aber, da sind Sie falsch informiert! Natürlich sind wir noch immer streng demokratisch, das ist unser höchstes Gut. Der Kaiser wird vom Volk gewählt! Natürlich werden die Kandidaten von unserer Partei ausgewählt, aber das geschieht nur zum Besten des Volkes. Sie haben das Recht auf einen vernünftigen und bürgerlichen Herrn, der sie vor den schädlichen Einflüssen des Auslandes schützt. Das Initiativrecht gibt es auch jetzt noch. Nur müssen die Initiativen erst von der Partei abgesegnet werden. Nein, es ist durchaus nicht so, dass wird das Volk bevormunden, wir wollen nur nicht, dass es sich allzu übermässig mit Politik beschäftigen muss und sich auf uns – also die Partei - verlassen kann.



Werfen Sie einen Blick auf unsere wunderschöne Aare. Wer braucht schon ein Meer, wenn er die Aare haben kann! Warum Sie abgesperrt ist? Nun, die Aare ist Eigentum des Kaisers. Hier dürfen nur er und seine Getreuen gratis schwimmen, ansonsten zahlt man. Das ist eben Wirtschaft, meine Damen und Herren! Man ist seines Glückes eigener Schmied und nur wer sich mit viel Tatkraft und Klugheit dahinter klemmt,  wird zu einem selbstständigen und geachteten Mitglied unserer Gesellschaft.



Beachten Sie bitte auch, dass wir keine Bettler und Strassenmusikanten dulden. Jeder muss seinen Teil dazu beitragen und wer es nicht kann, nun, der hat hier in der schönen Schweiz auch nichts verloren. Dafür haben wir wunderschöne Abschiebungscenter. Im Ausland sind solche Elendsgestalten auch viel besser aufgehoben, als in der erfolgsverwöhnten Schweiz.



Nun, meine Damen und Herren bald kommen wir zum Höhepunkt unserer Führung: Der Bärengraben! Oder wie wir es im Volksmund nennen: Der Sozialistengraben! Wissen Sie, es gibt immer noch solche Unruhestifter, die beispielsweise dafür sind, dass Arbeitslose Geld bekommen, obwohl sie eigentlich keinen Finger rühren oder wollen, dass der Arbeitnehmer nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte hat! Lächerlich, solche abstruse Gedanken haben unser Land an den Rand des Abgrunds gebracht. Auf jeden Fall, wenn Gefängnisstrafen und Geldbussen nichts mehr bringen, dann werfen wir die Sozialisten zu den Bären. Es ist ein unglaublicher Anblick, wenn so kleine studierte Klugscheisser, versuchen sich vor den Krallen dieses Raubtieres in Sicherheit zu bringen! Nein, nein, wir bringen sie nicht um, wir lassen die Bären nur ein bisschen an ihnen knabbern, bevor wir sie rausholen.



Bummeln Sie bitte nicht, sonst verpassen wir die nächste Vorführung! Danach gehen wir essen, bevor wir uns dann ins Dählhölzli aufmachen. Dort sehen Sie keinerlei exotischen Tiere, sondern gute Schweizer Tiere wie Kühe und Schafe. Wissen Sie, wir sagen immer: In der Schweiz haben wir alles, was es braucht um glücklich zu sein! Und glücklich sind wir in der Schweiz, das kann ich Ihnen versichern!



Es ist eine Ehre in Utopia zu leben!  

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