Samstag, 27. September 2014

Vom Kirchenchor




Anmerkung: Was viele nicht wissen: Ich bin seit Jahren Mitglied in einem Kirchenchor. Auch wenn sich meine religiöse Einstellung ein bisschen verändert hat, bin ich geblieben. Zum einen tut mir das Singen gut, zum anderen habe ich meine schrulligen Chormitglieder sehr ins Herz geschlossen. Der nachfolgene Text ist ihnen gewidmet, auch wenn sie ihn wohl kaum lesen werden.
Viel Spass damit! 

Vom Kirchenchor


Wer sind sie…und was wollen sie? Diese Frage möchte man sich stellen, wenn man sieht, wie sie nachts durch die Stadt huschen, nur um dann im Untergrund zu entschwinden, grad so, als seien sie unterwegs in geheimer Mission. Und auf gewisse Art und Weise sind sie das auch. Ihr Revier ist die Kirche. Ihr Taktgefühl ist mörderisch. Ihre Gegner sind falsche Noten, Intonation und Rhythmus. Unsere Beschallung ist ihr Job. Ihr Name ist Chor. Kirchenchor.


Nun mag man sich die Frage stellen, wer ist Mitglied in dieser streng geheimen Organisation? Wer macht sich jede Woche auf um die Welt oder zumindest die Musikalität zu retten? Ihre Namen aufzuzählen würde zu lange dauern, denn es sind und waren viele, darunter auch grosse Namen, deren Klang die Menschen vor Ehrfurcht erstarren lassen. Allerdings lassen sie sich in bestimme Gruppen ordnen, die hier enthüllt werden.


Die Schwätzer


Sie verwechseln den Chor mit einem Markplatz. Jede noch so kleine Pause während der Probe wird verwendet um sich auszutauschen. Die Themen gehen dabei von Wetter bis hin zur hohen Politik. Oft sind Schwätzer auch kleine Tratschtanten, die ihre Kommentare sowohl zur aufreizenden Kleidung der Sopranistin, als auch zur neuen Frisur des Dirigenten abgeben müssen. Dabei vergessen sie allerdings, dass der Rest des Chors keineswegs mit Taubheit geschlagen ist, sondern das Flüstern durchaus mitkriegt. Weil sie immer so beschäftigt sind mit Reden vergessen sie gerne den Einsatz oder wissen nicht so genau, wo oder was man eigentlich singt. Merken sie dies reagieren sie leicht panisch mit einem halb gekreischten: „Wo sind wir?“. Da kann es schon mal passieren, dass sie die Mozartmesse aufgeschlagen haben, obwohl eigentlich Schubert gesungen wird. Schwätzer rotten sich gerne zusammen und sitzen nebeneinander, da dies die Kommunikationswege erheblich abkürzt. Ist es mal still in dieser Ecke kann man davon ausgehen, dass entweder einer krank ist oder sonst wie verhindert. Das führt dann wiederum dazu, dass das zurückgebliebene Exemplar schlechte Laune hat, weshalb man das Getuschel dann doch irgendwie vermisst.


Die Eifrigen


Sie zücken den Bleistift, um sich Notizen zu machen. Sie nehmen ihre säuberlich geordneten Noten mit nachhause. Sie streichen schwierige Stellen an. Sie setzen sich kerzengerade hin, sobald die Probe anfängt. Sie hängen an den Lippen des Dirigenten. Sie schnalzen ungeduldig mit der Zunge, wenn sich die Pause zu lange hinzieht. Sie klopfen den Takt. Sie machen den Dirigenten darauf aufmerksam, dass gewisse Stellen noch immer nicht so klingen wie sie sollten. Sie verdrehen die Augen, wenn kostbare Probezeit mit Lachen vergeudet wird. Sie sind bis zwei Minuten vor dem Auftritt überzeugt, dass es nicht klappen wird und fünf Minuten nach dem Auftritt reden sie noch darüber, welche Töne danebengegangen sind. Sie sind die Stützen des Chores, denn sie können die Messen in – und auswendig, was den Faulen die Gelegenheit gibt, noch weniger zu tun, als ohnehin schon.


Die Faulen


Sie verwechseln ihren Stuhl mit einem Liegestuhl und sehen während der Probe immer wieder auf die Uhr. Um ihre Müdigkeit zu unterstreichen, gähnen sie mehrmals demonstrativ. Fragt man sie, warum sie so müde sind, antworten sie mit einem geseufzten „Ach, weisst du die Arbeit…“ Kaum ist die Probe beendet, stürzen sie aus dem Raum, als sei der Teufel hinter ihnen her. Sie vergessen nie, wann Pause ist. Während des Singens starren sie gerne mal verträumt ins Leere, statt auf ihre Noten. Spielt der Organist etwas lauter, zucken sie erschrocken zusammen, sinken aber kurz darauf wieder in ihren Dämmerschlaf. Beim Singen verlassen sie sich auf die Eifrigen und sollten diese ausnahmsweise nicht kommen, raffen sie sich nur widerwillig auf, um auch mal etwas Einsatz zu zeigen. Notizen machen sie sich grundsätzlich nicht, ebenso wenig wird man den Leuchtstift in ihrer Hand sehen. Sie pflegen zu sagen, sie könnten sich das alles gut merken, auch wenn sie in Wirklichkeit gar nichts zum Merken haben, da sie selten zuhören Dafür sind es meist sehr gemütliche Typen, die nach jedem Auftritt finden, er sei doch ganz gut gelaufen, selbst wenn der ganze Chor zusammengebrochen ist und der Dirigent gerade dabei ist sich zu besaufen um diesen schmachvollen Augenblick seiner Karriere möglichst schnell zu vergessen.


Die Diven


Sie sind was Besonderes und sie lassen das jeden wissen. Grundsätzlich kommen sie einige Minuten zu spät, denn schliesslich soll jeder sehen, wenn sie kommen. Sie winken huldvoll, wenn sie zu ihren Plätzen eilen und schenken dem Dirigenten ein bezauberndes Lächeln, bevor sie elegant ihre Mappen aufschlagen, um ebenso elegant ihre Noten hervorzuziehen. Sie singen um gesehen zu werden, deshalb stehen sie gerne in der ersten Reihe und pflegen in grosser Robe zu erscheinen. Sie betonen gerne, dass sie ganz unkompliziert sind, nur um ihn nächsten Augenblick über die Sitzordnung zu streiten. Ausserdem jammern sie gerne über bestimmte Krankheiten, die sie oft auf ihre angeborene Sensibilität schieben. Diven sind keine regelmässigen Teilnehmer der Proben, da sie es vorziehen überraschend aufzutauchen. Da sie eine Neigung zu Dramen haben, ist ein Auftritt entweder „Weltklasse“ oder aber „Grauenhaft“. Was dazwischen gibt es nicht.


Die Enthusiastischen


Sie sind gut gelaunt und lassen es jeden wissen. Sie finden jede Messe schön und machen auch bei Atemübungen mit grosser Begeisterung mit. Fehler überspielen sie mit einem tosenden Lachen. Müssen sie hohe Töne singen, wippen sie auch gerne mit dem ganzen Körper mit. Sie schmettern das Gloria mit solcher Inbrunst, dass ihre Sitznachbarn fast vom Stuhl fallen. Stets haben sie einen Scherz auf den Lippen um die Stimmung aufzulockern. Im Gegensatz zu den anderen Gruppen bewerten sie einen Auftritt nicht nach der gesanglichen Qualität, sondern danach ob es Spass gemacht oder nicht. Hat man einen Enthusiastischen in seinem Chor erübrigt sich die Anschaffung eines Maskottchens. 


Die Chormamis


Sie fühlen sich verantwortlich für alles und jeden. Findet jemand die Noten nicht, springen sie schon auf, um ihr eigenes Notenblatt anzubieten. Hat jemand keinen Stuhl, zaubern sie einen hervor. Und klagt der Dirigent über Kopfschmerzen, rasen sie zur Apotheke um Tabletten zu besorgen. Kriegen sich zwei Chormitglieder in die Haare, versucht ein Chormami stets zu vermitteln, wobei sie durchaus auch mal zu rabiaten Mitteln greift. Sie ermahnen Chormitglieder, die schon lange nicht mehr gekommen sind und lobt jene, welche die Probe regelmässig besuchen. Sie sind der gute Geist des Chors, der ebenso respektiert wie auch gefürchtet wird. 

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