Montag, 29. September 2014

Menschenliebe



Wenn mich Leute fragen, warum ich mich für einen Verkaufsberuf und nicht für einen Büroberuf entschieden habe, gebe ich meistens dieselbe Antwort: Weil ich gerne Kontakt mit verschiedenen Menschen habe. Ich interessiere mich für Menschen. Ich überlege mir welche Motive hinter ihrem Handeln stehen, wo sie hingehen und woher sie kommen. Meine Menschenliebe wird jedoch jedes Mal, wenn ich in einen Zug steige, auf eine harte Probe gestellt. So auch heute.


Natürlich setzte sich in meinen Waggon eine junge Mutter mit ihrem kleinen Kind. Nun soll es ja durchaus Kinder geben, die ganz still und brav sind. Allerdings habe ich bis jetzt höchst selten das Glück gehabt mit so einem Zug zu fahren. Mein Verdacht bestätigte sich,  kaum war der Zug angefahren, begann das Kind schon jammernde, fiepende Töne von sich zu geben. Ich drehte die Lautstärke meines MP3 – Players rauf.

Aber die zarten Klänge von Silbermond wurden zugleich durchbrochen, von der älteren Dame, die sich im Abteil neben mir niedergelassen hatte. Besagte Dame sah so aus, als könnte sie ohne grosses Federlesen einem ausgewachsenen Wildschwein den Hals umdrehen. Und sie sprach auch so laut, als müsse sie sich quer durch einen ganzen Wald unterhalten.


„Ja, du bist ja ein kleiner Lausbube“, quäkte sie durch den Zug und wäre ich Kind gewesen, hätte ich mich gleich unter den Sitzen versteckt. Der Bub jedoch schien sich über das Interesse der Oma zu freuen, denn er strahlte sie an, was sie dazu bewog, jede einzelner seiner Handlungen dem Rest des Zuges zu beschreiben: „Oh klaust du der Mutter das Taschentuch…Ja, du bist ja ein Schlingel!“


Ich drehte den MP3 – Player noch mehr auf, denn erfahrungsgemäss wird die alte Dame gleich ein Gespräch mit der Mutter anfangen und sich mit ihr über Freud und Leid der Kindererziehung zu unterhalten. Solche Gespräche töten selbst den letzten, mickrigen Rest aller Kinderwünsche in mir, da sie meist sehr ins Detail gehen und auch unschöne Themen wie Schwangerschaftsnarben, Windelinhalte und nächtelange Schreikrämpfe des Kindes nicht ausser Acht lassen.


Das Gespräch blieb aus, stattdessen begann das Kind wacklige Schritte im Gang zu machen. Das ärgert mich am meisten. Ich finde, ein fahrender Zug ist nicht unbedingt der passende Ort für erste Gehversuche, nur dummerweise scheinen Mütter da anderer Meinung zu sein. Aber ich meine, hey, angenommen der Zug macht eine Vollbremsung, dann fliegt das Kind unter Umständen durch den ganzen Zug und bleibt dann kopfüber in einer Scheibe stecken. Wobei es nicht mal so dramatisch sein muss. Vielleicht stürzt es auch einfach nur, schlägt sich das Gesicht auf und muss bereits in diesem zarten Alter den Dienst eines Schönheitschirurgen in Anspruch nehmen. Man stelle sich diese Blickschlagzeile zu: „Modelkarriere des kleinen Amadeus wegen Vollbremsung zerstört!“


Mal abgesehen davon, dass es gefährlich ist, haben Kinder auch noch die unschöne Angewohnheit zu mir zu tapsen. Es ist wie bei Tieren: Sie spüren instinktiv, wenn jemand sie nicht mag und wollen diesen Jemand um den Finger wickeln. Mein Vater zum Beispiel mag keine Hunde. Sobald ein Hund ihn sieht, stürzt er auf ihn zu und verlangt schwanzwedelnd Streicheleinheiten. Leider steigert dies die Hundeliebe meines Vaters nicht, nein, im Gegenteil. Er hasst die Hunde nur umso mehr. Ähnlich verhält es sich bei mir und Kindern. Natürlich macht sich dieses Kind auch auf den Weg zu mir. Ich starre angestrengt aus dem Fenster. Oft verschwinden sie wieder, wenn man Blickkontakt hat.


Doch noch Glück gehabt. Das Kind verzieht sich wieder zu seiner Mutter, wo es mit zunehmender Lautstärke kundtut, dass es Hunger hat. Parallel dazu beginnt die Oma sich mit einer Frau im schräg gegenüberliegenden Abteil zu unterhalten, so laut, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Schon bin ich erleichtert, als sich die Oma schliesslich zu der anderen Frau setzt, aber leider schreit sie immer noch so, als würde sie sich vom einen Ende der chinesischen Mauern zum anderen Ende unterhalten. Als der Zug hält, verlasse ich ihn geradezu fluchtartig.


Bei der Rückfahrt kam ich dann zum zweifelhaften Vergnügen mit zwei Teenagermädchen zu fahren. Sie mögen sechzehn sein, benehmen sich aber, als seien sie schon fünfundzwanzig. Schon jetzt sind stilsicherer angezogen, als ich es je sein werde. Schon deswegen finde ich sie unsympathisch. Noch schlimmer ist aber, dass ihren grell geschminkten Lippen immer wieder ein lautes Kichern entfährt. Lachen finde ich immer schön zum Hören, aber Kichern finde ich hat etwas Aggressives. Sie kichern ununterbrochen, die ganze Fahrt entlang und das in einer Lautstärke als seien sie ganz allein.


Allein sein hat manchmal auch etwas für sich. Denke ich immer nach solchen Zugfahrten. Aber eigentlich wäre es auch schade, denn wie viel ärmer wäre  unsere Alltagswelt, wenn wir uns nicht über unsere Mitreisenden ärgern könnten.    

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