Donnerstag, 25. September 2014

Der Moralapostel



Nachfolgender Text kam mir nach einem längeren Gespräch mit einem Freund in den Sinn. In meinem Bekannten – und Freundeskreis gibt es viele sehr engagierte und kluge Menschen, die starke moralische Grundsätze haben. Ich werde selbst gerne als kleine Klugscheisserin betitelt, dennoch bin ich meist hoffnungslos unterlegen, wenn meine Freunde erst richtig loslegen. Nach solchen Diskussionen fühle ich mich oft wie ein sehr schlechter Mensch. Der Text ist also in einer gewissen Frustration entstanden und wie vieles, das ich schreibe, ist er nicht ganz ernst gemeint.

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Sie lauern im Schatten und schlagen dann zu, wenn wir es am wenigsten erwarten. Sie überfallen uns mit Vorliebe in Momenten, in denen wir eigentlich gerade mit irgendetwas beschäftigt sind oder abgelenkt oder einfach nur müde. Wenn wir schwach sind, sind sie stark, wenn wir gehen wollen, dann kommen sie, wenn wir fertig sind, dann beginnen sie erst. Gnadenlos beissen sie sich fest und lassen nicht los, bis man wimmernd und blutleer zu Boden sinkt. Oft sind sie alleine, aber manchmal haben sie Verbündete, die sich ebenso an unseren Fleisch gütlich tun und die kläglichen Resten, die noch an uns sind, herunterreissen werden, so dass wir in unserer ganzer Bosheit entblösst dastehen. Nein, diese Wesen sind keine Vampire, denn ihre Nahrung ist nicht unser Blut, sondern unsere Lebensfreude. Ihr Name geht seit Jahrhunderten von Höhle zu Höhle, von Lagerfeuer zu Lagerfeuer, von Haus zu Haus und es ist ein Name, der ebenso ehrfurchtsvoll wie verächtlich geflüstert wird: Moralapostel!

Ja, fürchten muss man sich wahrlich vor ihnen, denn sie sind nicht etwa dumm, nein, das sind sie ganz und gar nicht. Sie sind listig wie ein Fuchs. Sie erscheinen meist ganz harmlos, ja, meist sind sie gar Teil unseres Freundes – oder zumindest Bekanntenkreises. Ganz behutsam tasten sie sich an ein Thema heran, bis sie schliesslich anfangen zu bohren  und zu bohren, bis uns eine unvorsichtige Bemerkung entschlüpft. Dann beginnen sie die Zähne zu fletschen und fahren die Krallen aus. Und ehe man sich versieht hängen sie an unserer Kehle und es gibt keine Chance sie abzuschütteln. Man wünscht sich, man könnte diesen tödlichen Prozess aufhalten, aber erst einmal in Gang gesetzt ist es unmöglich, denn jetzt folgt unaufhaltsam die gefürchtete Moralpredigt.

Jeder geübte Moralprediger wird nicht gleich sein ganzes Pulver verschiessen, sondern er wird erst einige kleine Schüsse tätigen, bevor er zum finalen Schuss anlegt. Jede Moralpredigt lässt sich also in sechs Phasen unterteilen:

Phase 1: Das Anpirschen

Machen wir also unbedachterweise eine Bewegung oder eine Bemerkung, die den Moralapostel reizt, setzt dieser nicht gleich zum Angriff an, vielmehr wird er sein Oper erstmal fixieren um die richtige und todbringende Stelle zu finden, an der er zubeissen kann. Meist geschieht das mit einer scheinbar harmlosen Frage, die nach Bestätigung schreit, zum Beispiel: „Du rauchst also?“ Wenn wir dann ohne Umschweife mit „Ja“ antworten, haben wir unsere empfindliche Stelle entblösst und müssen mit den Konsequenzen leben.

Phase 2: Das Lauern 

Nachdem wir also unsere Schwäche offenbart haben, wird der Moralapostel sich hüten uns direkt damit zu konfrontieren. Vielmehr wird er nun das Thema in eine ganz allgemeine, wohlmöglich auch in eine ganz andere Richtung lenken. Dies dient zum einen um uns in Sicherheit zu wiegen, andererseits auch um uns zu einer bestimmten Antwort zu zwingen. Zum Beispiel: „Findest du nicht auch, wir sollten vielmehr auf unsere Gesundheit achten?“ Kaum jemand wird darauf antworten. „Ach, nein, ich finde wir sollten alle möglichst ungesund leben und früh ins Gras beissen. Krank sein macht Spass. Am meisten Freude macht mir, wenn ich brechen kann. Dann fühle ich mich mal wieder so richtig entleert.“ Natürlich werden wir sagen: „Ja, ich finde Gesundheit sehr wichtig.“ Ab diesem Moment sind wir unrettbar verloren.

Phase 3: Der Sprung

Jetzt wird der Moralapostel tief Luft holen und uns mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht springen. Oftmals unterstreicht er diesen Sprung mit einem gebrüllten „Aha!“ Dann wird er uns unsere Antwort um die Ohren hauen. „Du findest also, Gesundheit ist wichtig. Trotzdem rauchst du? Findest du nicht, dass du dir ja selbst widersprichst?“ Eigentlich empfiehlt es sich hier keine Widerworte zu geben, sondern die Moralpredigt stillschweigend über sich ergehen zu lassen. Damit kürzt man die sechs Phasen auf drei und entgeht dem schlimmsten Akt. Leider liegt es nicht in der Natur des Menschen, Kritik einfach stillschweigend hinzunehmen. Wir werden also höchstwahrscheinlich die Antwort geben: „Das ist ja wohl meine Sache.“ Schwerer Fehler!

Phase 4: Das Zerfleischen

Nach dieser Steilvorlage wird der Moralapostel dazu übergehen uns genüsslich in unsere Einzelteile zu zerlegen. Er wird das ganze Thema aufbauschen und dramatisieren. Der Akt des Rauchens ist auf einmal nicht mehr für uns gesundheitsschädigend, nein, es ist auch für unseren Nachbarn gefährlich, für unsere Freunde, für unsere Familie und schlussendlich für die ganze Gesellschaft. Er wird von nun an ziemlich laut sprechen (es ist eine Tatsache, dass die meisten Menschen finden, sie hätten automatisch recht, wenn sie ihre Meinung schreiend kundtun) was vor allem dann peinlich ist, wenn man  sich gerade an einem öffentlichen Ort befindet. Er wird uns mit Fangfragen bombardieren wie: „Willst du etwa, dass wir alle mit dir draufgehen? Bist du so egoistisch?“ Wohlmöglich wird er auch sehr emotional werden und das Ganze mit persönlichen Storys würzen. „Mein Opa, der hatte einen Kanarienvogel namens Tweety, den habe ich sehr geliebt. Aber er ist an einer Rauchvergiftung gestorben, weil mein Opa immer seine Zigarren neben dem Käfig geraucht hat. Ich habe tagelang geweint!“ Danach werden wir völlig zerschmettert am Boden liegen und zu keiner Gegenwehr mehr fähig sein.

Allerdings gibt es auch Moralapostel, die nicht mit Emotionen kämpfen werden, sondern mit knallharten Fakten. Das sind dann die, die uns zahlreiche Zeitungsartikel zitieren werden und uns zwingen, uns irgendwelche Wissenssendungen auf YouTube anzusehen. Sie werden uns Statistiken hinknallen, die wir zwar nicht verstehen, die sie uns aber liebend gern erklären werden. Sie werden uns Bilder zeigen von Raucherlungen und uns Tonspuren mit Raucherhusten abhören lassen. Diesen Exemplaren sind wir eindeutig unterlegen und es empfiehlt sich, einen grossen Bogen um sie zu machen, ausser man hat Lust auf einen lebenslangen Verlust des Selbstwertgefühls.      

Phase 5: Das Aufpäppeln

Der Höhepunkt der Predigt wird eine Vision von einer besseren Welt sein. „Wir werden alle aufhören zu rauchen und gemeinsam in eine Zukunft schreiten, die frei von Krankheit ist!“ Sie werden uns diese Welt in solch leuchtenden Farben beschreiben, dass wir unbedingt Teil davon sein wollen und mit Tränen in den Augen darum bitten, aufgenommen zu werden. Wir werden Besserung geloben und versprechen, nie mehr eine Zigarette anzurühren, geschweige denn anzuzünden. Der Moralapostel wird huldvoll nicken und uns versichern, dass er uns bei unseren edlen Vorhaben unterstützen wird. 

Phase 6: Die Verdrängung

Drei Tage später ist der gute Vorsatz schon wieder vergessen und die Moralpredigt ebenso. Wir werden unser Leben so fortführen wie bisher. Bis der nächste Moralapostel kommt. Denn wir wissen ja: Sie lauern überall. Hinter uns. Vor uns. Und vor allem: In uns!  





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