Freitag, 26. September 2014

Beispiel für ein Gespräch mit einem Moralapostel



Wie das abläuft? Nun, nehmen wir ein momentan sehr beliebtes Thema von Moralaposteln: Vegetarismus. Einst noch verpönt und milde belächelt, scheint momentan jeder zum Vegetarier oder gar zum Veganer zu mutieren, selbst Menschen, die Fleisch früher als göttliche Offenbarung angesehen haben und Salatblätter höchstens als Kaninchenfutter. Heute kann man sich keineswegs mehr frohen Gewissens Poulets bestellen oder zumindest, kann man es nicht  mehr in jeder Gesellschaft. Ist man so unvorsichtig es in Gegenwart eines moralischen Vegetariers zu tun, läuft der Abend meist folgendermassen ab:


MVV (Moralischer – Vorbild – Vegetarier) kräuselt die Lippen: Du willst also tatsächlich Poulets essen?


DAO (Das – Arme – Opfer) frohgemut und in völliger Verkennung der Situation: Ja, ich liebe Poulets. Ich könnte nur von Poulets leben. Und hier sind sie wirklich ausgezeichnet gewürzt. Kannst gerne ein paar von mir probieren!


MVV mit geblähten Nasenflügeln: Nein, danke. Pause. Ich bin Vegetarier.


DAO ahnt bereits Schlimmes: Aha.


MVV  wechselt abrupt das Thema: Du hast doch eine Katze oder?


DAO aufatmend, weil der Meinung der kritische Punkt sei umgangen: Ja, sie ist wirklich total süss. Sie heisst Frodo und sie ist eine….


MVV lauernd:   Würdest du die essen?


DAO entsetzt: Nein, natürlich nicht! Wie kommst du nur auf so was!


MVV: Auch nicht, wenn sie gut gewürzt wäre?


DAO noch entsetzter: Nein, auch nicht, wenn sie gut gewürzt wäre!


MVV scheinbar sehr interessiert: Aber wieso denn nicht?


DAO empört:   Meine Katze ist ja nicht irgendein Tier! Das ist wie ein Familienmitglied. Das wäre als würde ich mein Kind essen. Stell dir vor, wie sie sich fühlen würde, wenn ich sie in einen Kochtopf stecken würde!


MVV schlägt mit der Hand auf den Tisch: Aha!


DAO erstaunt: Was Aha?


MVV: Deine Katze hat also Gefühle.


DAO: Ja, natürlich.


MVV: Nur deine Katzen oder alle Katzen?


DAO zunehmend verwirrter: Ja, ich denke nicht nur die Katzen, sondern alle Tiere haben Gefühle.


MVV: Auch die Hühner?


DAO: Naja, das sind ja auch Tiere.


MVV triumphierend: Wir sind uns also einig, dass alle Tiere etwas fühlen. Heisst also sie fühlen dasselbe wie wir: Schmerz, Leid, Angst und Kummer. Und weil sie es tun, hättest du ein Problem damit deine Katze zu essen. Aber du hast kein Problem damit ein Huhn zu essen!


DAO zögernd: Also da vergleichst du ein bisschen Äpfel mit Birnen. Hühner sind ja nicht ganz dasselbe wie Katzen.


MVV erhebt ein wenig die Stimme: Vorher hast du aber noch gesagt auch Hühner sind Tiere!


DAO: Ja, schon aber…


MVV unterbrechend: Das heisst du machst dich gerade an Mord schuldig!


DAO völlig konfus, wegen des plötzlichen Umschwungs: Wieso an Mord schuldig?


MVV: Nun, wenn jemand deine Katze stehlen, kochen und essen würde, wäre es dann für dich nicht Mord?


DAO: Doch schon, aber ich habe das Huhn ja nicht gestohlen! 


MVV wird immer lauter: Nein, hast du nicht aber du bist trotzdem ein Verbrecher. Weil du unbedingt Poulet essen willst, hat man das Huhn umgebracht. Das heisst, du bist eigentlich die Auftragsgeberin an diesen Mord. Wobei, wenn es nur ein Mord wäre, dann wäre es ja nicht so schlimm, aber du nimmst den Mord an tausenden von Hühnern billigend in den Kopf. Du bist eine Massenmörderin! Letztes Wort ist so laut, dass sich sämtliche Köpfe im Restaurant zum DAO umdrehen.


DAO knallrot: Also, jetzt übertreibst du aber!


MVV inzwischen leicht hysterisch: Ich übertreibe! Du findest also ICH übertreibe? Millionen von Tieren werden Tag für Tag auf bestialische Art und Weise ermordet und du findest, dass ICH übertreibe?


DAO wird mutiger: Ja, du übertreibst. Wenn du sagst ich bin eine Mörderin, dann stellst du die Menschen auf dieselbe Stufe wie Tiere. Das ist aber nicht richtig. Ausserdem deutlich erleichtert endlich ein Gegenargument gefunden zu haben essen Tiere ja auch andere Tiere!


MVV überlegen: Du hast dich gerade selbst widerlegst. Einerseits sagst du,  Tiere stünden nicht auf derselben Stufe wie Menschen, andererseits sagst du aber, Tiere hätten genau dieselbe Denkweise wie wir.


DAO ärgerlich: Das habe ich doch gar nicht gesagt!


MVV: Doch hast du. Siehst du, das verstehe ich nicht. Du hältst dich den Tieren für überlegen, weil du ein Mensch bist und deshalb in der Lage bist, nicht nur auf deinen Instinkt zu hören, sondern auch logisch zu denken. Dennoch fällst du zurück in dieses barbarische Muster und verspeist Hühner, weil du findest sie seien gut gewürzt!


DAO: Du verdrehst mir die Worte im Mund!


MVV schreit inzwischen: Nein, ich spreche die Wahrheit, nichts als die reine Wahrheit. Wenn der Mensch wirklich eine so hehre Gestalt ist und die Krönung der Schöpfung, dann sollten sie diese Rolle auch endlich ernst nehmen! Sie sollten sich befreien von niederen Motiven wie Gier oder Neid und mit leuchtendem Beispiel und tosenden Fanfaren vorwärts schreiten in eine bessere Welt…


DAO völlig überfahren: Äh…


MVV steht auf: Wir müssen die Fesseln der Brutalität abstreifen und mit erhobenen Kopf in ein Zeitalter schreiten, das nicht geprägt ist von Krieg und Hass, sondern von Frieden und Liebe. Ein Zeitalter, in dem wir Hand und Hand mit Natur und Tiere gehen, statt zu versuchen sie zurückzudrängen oder zu töten. Nur wenn wir begreifen, dass wir alle Eins sind, haben wir eine Zukunft!


DAO: Das ist jetzt ein bisschen…


MVV stellt sich jetzt auf dem Tisch und breitet die Arme aus: Der Moment der friedlichen Revolution ist gekommen. Blumen werden spriessen. Tiere werden wieder in unsere Wälder zurückkehren. Wir werden sie singend und tanzend willkommen heissen! Wo jetzt leere und vertrocknete Weiten sind, werden wieder Bäume wachsen und Quellen hervorspringen! Die neue Zeit bricht an, in grossen Schritten, wir müssen nur klug genug sein, es zu erkennen und danach zu handeln! Brüder und Schwester! Wir haben die Möglichkeit alles zu ändern! Der Weltfrieden ist zum Greifen nah!


DAO erstaunt: Wir erreichen den Weltfrieden indem wir kein Fleisch mehr essen?


MVV: Das ist der erste Schritt! Auch du kannst dich uns anschliessen. Iss kein Fleisch mehr und du wirst dich als neugeborener, reiner Mensch erheben!


DAO verzweifelt: Aber ich mag nun mal Poulets!


MVV gnädig: Für das grössere Ziel müssen Opfer gebracht werden! Oder willst du den Weltfrieden für ein paar gut gewürzte Poulets opfern.


DAO: Nein, natürlich nicht.


MVV steigt vom Tisch hinunter: Ich werde dir in der schwierigen ersten Zeit helfen. Gemeinsam werden wir dein Fleischgelüst überwinden.


DAO nachdenklich: Vielleicht hast du wirklich Recht. Wendet sich an den Ober. Vergessen Sie die Poulets! Bringen Sie mir einen Salat.


MVV zufrieden: Siehst du? Ist doch gar nicht so schwer!


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Man kann sich vorstellen wie die Geschichte zu Ende geht: Das arme Opfer wird für einige Tage kein Fleisch essen, bis die brennende Rede des Moralischen Vollblut Vegetariers allmählich verblasst und schliesslich vergessen oder zumindest verdrängt wird. Da Moralapostel meistens ganz gross im Anbieten ihrer Hilfe sind, aber deutlich weniger gross in der konkreten Umsetzung, wird auch er sein Opfer nicht mehr darauf ansprechen. Alles für die Katz mag man da sagen? Nicht wirklich. Tatsächlich bin ich der Überzeugung, dass jeder Mensch das Bedürfnis hat sich in seiner moralischen Überlegenheit zu suhlen. In unserem Streben nach Individualität versuchen wir, besser als die anderen zu sein.  Treffen wir also auf jemanden, der weniger hohe moralische Massstäbe setzt, ist es uns ein Bedürfnis, diesem jemanden unsere Überlegenheit zu demonstrieren.  Und das geschieht in der berühmten und berüchtigten Moralpredigt. In den meisten Fällen ist es uns nicht in erste Linie ein Anliegen den anderen wirklich von der Sache zu überzeugen, vielmehr wollen wir ihn davon  überzeugen, dass wir moralisch korrekter sind als er selbst, womit wir den internen Wettbewerb „Wer – ist  - der – bessere – Mensch“  gewinnen.
Jeder von uns mutiert hin - und wieder zum Moralapostel. Und jeder wird früher oder später zum Opfer, über dessen Haupt sich die Predigt ergiesst. So ist das Ganze ein ewiger Kreislauf und wer weiss: Vielleicht gelingt es uns tatsächlich mit diesen Moralpredigten die Welt zu verändern.


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